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Jeschurun · 1883-10-04 · Heft 40 (4.10.1883) · p. 709

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 40 (4.10.1883)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1883-10-04
Page
709 (sequence 1)
Language
German
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j\« 40. Jeschurun. 709 ■a* Berlin, 26. September. Der Sommer geht dahin, die Sommerfrischler kehren heim, die Arbeit des Winters beginnt. Auch Herr Stöcker hat das Hochgebirge verlassen, wo er Erholung von den Anstrengnngcn des letzten Jahres gesuchtuud wahr-!ich, der Mann war der Ruhe bedürftig; die antisemitische Luft ist nicht den neuesten Anforderungen der Hygiene entsprechend; sie ist etwas zu dicht und schwül und leichter zu Gewittern prädisponirt, als die Luft, in der wir gewöhnlichen Menschenkinder athmen. Selbst ein kräftiger Mensch kann cs nicht lange darin anshalten, und wir müssen daher doppelt und dreifach den heldenhaften Märtyrer Stöcker bewundern, der seine Gesundheit zu Nutz und Frommen des heiligen dentscheu Vaterlands so sehr aufs Spiel setzt. Um so mehr waren wir erfreut, als wir bemerkten, das; Herr Stöcker auch einmal an sich gedacht und sich einige Wochen Erholung gegönnt hat. Wie schwer muß dem Mann der Abschied von seinen lieben Freunden, insbesondere seinem treuen, ihn! und der christlich-sozialen Partei so sehr ״aus Herz gewachsenen" Adolf Wagner geworden sein!-Um so freudiger aber war das Wiedersehen. Welch Hochgefühl für Herrn Stöcker, 5000 deutsche Männer, wackere Gesinnungsgenossen, am 8. d. Mts. unt sich zu scheu! Gab es sich ja viel i zu erzählen, war ja Vieles und Großes während der! Zeit, in der Herr Stöcker nur für Natur schwärmte,! im Gcwoge des Lebens der Völker geschehen. Uud j was konnte wohl zunächst anderes der Gesprächsgegenstand des großen Familicnabcnds der christlich-sozialen Partei sein, als der Tisza- Eszlarer Prozeß? Papa Stöcker hatte ja noch ein altes Versprechen einznlöscn und was Papa versprochen, das hält er auch getreulich, und wenn Papa einmal augefangen, so hört er auch so bald nicht auf, besonders wenn er in feinem Elemente ist. Und das ist doch ganz gewiß der Tisza- Eszlarer Prozeß. Nun, daß Papa Stöcker meint, daß die Angeklagten sreigesprochcn sind, ohne daß ihre Unschuld bewiesen wäre, brauche ich nicht zu sagen; daß er ferner der Ansicht ist, Lessing habe in einer thörichtcn Stunde seinen ״Nathan" geschrieben, kann uns auch nicht Wunder nehmen. Aber, daß Papa Stöcker bei dem Gedanken ״Judcnhetzc" gruselig wird, das will mir nicht recht in den Kopf hinein. Warum denn so furchtbar davor warnen? Es giebt ja nichts Schöneres als der Anblick verhauener Juden. — Nächst Stöcker ״strebt" vor allem Adolf Wagner in der christlichsozialen Partei. Ihm tnachcn besonders die (10 000 Inden Berlins viel Kopfschmerzen, noch mehr aber, daß in den Berliner Gymnasien sage fast 24"/״, und gar in den höheren Töchterschulen 30"/.. der Gesamnitzahl Semiten sind. Ja, Herr Wagner, das giebt zu Nachdenken Veranlassung.-Endlich kann ich Ihnen, Herr Redakteur, vou einem Naturwunder berichten. Haben Sic schon einmal einen ״anständigen Antisemiten" gesehen? Wenn nicht, so wenden Sie einmal die Kosten auf eine Reise nach Berlin und besuchen Sic Herrn Stadtverordneten Pickcnbach, welcher in der außerordentlichen Sitzung der Berliner Stadtvcrordncten ein solcher zu sein sich gcrühntt hat. — — — Das Jahr geht nun seinem Ende entgegen. Wir haben das in unserer Hauptstadt seit dem Erscheinen des Blattes bis heute, insbesondere auf dem Gebiete des Antisemitismus Bocgefallcne, den Lesern dargestellt. Wahrlich, es sind düstere, traurige Schildernugen, die wir entrollt; und wenn wir sie auch in ein heiteres Gewand gekleidet, das Her; blutete uns dabei. Möge das kommende Jahr uns Veranlassung geben, nur Freudiges ztt berichten, möge der Weltenlenkcr unser Geschick zum Guten und zum Heile wenden! Möge er der Berufenen Sinn darauf lenken, dem immer schlimmer werdenden Treiben der Antisemiten in unserer Hauptstadt ein Ende zu machen; dann werden auch allerorts die Stimmen des Judenhasses vcrstummen und der innere Friede unter die Gesammtbevölkernng dcö deutschen Reiches wieder seinen Einzug halten! § Niedcraula, 23. September. Ein Versuch, in uuscrent friedlichen Orte eine kleine Judcnhetzc in Szene zu setzen, scheiterte an dem gesunden Sinne unserer mittleren Bevölkerung. Die betreffenden Hersselber Herren, welche hier ihre Sporen verdienen wollten, wurden ganz eindringlich belehrt hcimgcschickt. Oesterreich-Ungarn. . ...w. Wien, 25. September. Ich habe es unterlassen, Ihnen von den beiden angeblich Kn dl ichscheu Briefen in Sachen des Antisemitismus zu berichten, weil beide, sowohl der jndenfrcnndlichc, wie der jndcnfcinlichc, den Stentpel der Unwahrheit an der Stirne tragen. Diese beiden apokryphen Briefe haben aber jedenfalls den Vortheil, daß nunmehr Di׳. Hans Küblich selber in einem Briese au die Redaktion der ״N. Fr. Pr." seine wahre Ansicht über den AntiscmitiS-!uns kund giebt lind denselben in schärfsten Worten geißelt, er nennt ihn ״die neueste Blüthe des praktischeu Materialismus" und sagt n. A: ״Eine Feigheit bleibt es immer, wenn das hochbegabte Volk der 40 Millionen Teutonen sich vor der winzigen Anzahl Inden fürchtet 2c. rc." ober: ״Die Inden sind nicht mit einem besseren Gehirn begabt, wie die Germanen. Allein sie sind fleißiger, eifriger und darum erfolgreicher." *11* Pest, 26. September. Gestern morgen halb l O Uhr fand die Verhandlung des Standgerichts in Zala Egerszeg ihren resultatlosen Abschluß in der Verweisung von drei Angeklagten an die ordentlichen

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