Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-10-04
- Page
- 700 (sequence 2)
- Language
- German
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700 Ödst und Fischen, und was sic genoß, hatte sie selbst; bereitet. Den großen Haushalt im Seidlerhof leitete! sie mit einer Umsicht, einem Verständniß, daß der Toni seiner Mutter gegenüber oft sein Erstaunen aussprach, daß ein junges Kind, wie er sich ansdrückte, das doch nicht im Hof erzogen, das nur Alles so wissen tonnte. Und die Blinde nickte mit dem müden Haupte und tonnte sich noch mehr darüber verwundern, daß die Marie das alles leistete, während sie sich doch fast beständig all ihrer Seite befand; beim Mirjam, die nur allzu wohl wußte, ivie schmerzlich der Blinden ihre Abwesenheit, und' währte dieselbe auch nur eine Viertelstunde laug, nützte den jetzt häufig eiutretcuden, jedoch nur wenige Minuten währenden Schlummer der Greisin, um die Aufsicht über den Haushalt zu führen; war sie auf längere Zeit in anderen Mumen beschäftigt, so wußte sie auch stets ein behagliches Plätzchen in ihrer Nähe für die Blinde zu bereiten, so daß sie bei jeder Arbeit sich mit ihr unterhalten konnte. Doch trotz der sorgsamsten Pflege, die Mirjam ihr zu Theil werden ließ, konnten die Bewohner des Seidlerhofes es sich nicht verhehlen, daß die körperlichen Kräfte der würdigen Alten in langsamer aber stetiger Abnahme sich befanden. Ihre Geisteskräfte waren jedoch nngcschwächt nnd gewährte es ihr ein ganz besonderes Vergnügen, dem jungen Mädchen, das sie wie ihre Tochter liebte, aus ihrem Leben, namentlich ans ihren Jugendjahren im Hause ihres Großvaters, des Gutsverwalters Krawauni, zu erzählen. Mit unge- Heucheltein Interesse lauschte Mirjam ihren Mittheiluugen, denn die Alte, hatte sie auch nicht das, was man Schulbildmig nennt, genossen, so reichte doch ihr Denken und ihr Verständniß weit hinaus über das einer gewohnlichen Bäuerin. Sie war auch, ihrem Ursprünge nach, keine eigentliche Bäuerin. Ihre Jugend hatte sie im Hause des Gutsvcrwalters des Fürsten D. verbracht. Der alte Krawauni, ein braver, rechtschaffener Alaun, hatte seine Frau schon vor vielen Jahren verloren, seine beiden wackern Töchter waren an auswärtige Ockonomen verheirathet; nur sein Sohn war ans der Art geschlagen und trotz der Mahuuilgen deS Vaters, der Bitten der Schwestern hatte er nicht gelassen von seinem wüsten, ausschweifenden Leben. In letzter Zeit war cs namentlich sein stadtbekanntes Berhältniß zu einem schönen armen Mädchen, wegen dessen ihn der Vater wiederholt zur Rede gestellt. Da war Krieg ausgcbrochen und der junge Unterlieutenant hatte hinaus müssen auf das sog. Feld der Ehre. Seiner Familie war seine Abberufung nicht unwillkommen gewesen, so war doch das anstößige Verhaltniß abgebrochen. Doch nach einigen Monaten, als der Verwalter eines Tages seinen Morgenkaffee schlürfte und in behaglicher Gemüthsruhe seine Pfeife dazu schmaitchtc, da war die Thür aufgegangen und ein todtenblasses Frauenzimmer war in's Zimmer geschwankt, ein wenige Tage altes Kind in ihren Armen. — Bevor noch der im ersten Moment vor Schrecken Sprachlose eilte Frage an sie richten konnte, hatte sie das Kind vor ihm auf den Tisch gelegt und war vor seinen Augen zusammeugebrocheu. Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein jähes Ende gemacht. — Es war das Mädchen, das der junge Krawauni verführt hatte. Sie war eine Waise, nahe Verwandte hatte sie keine und die entfernteren hatten sich wegen ihres Fehltrittes von ihr zurückgezogen imb als sie mm ihr unschuldiges Kind vor sich gesehen und sich außer Stande, es zu ernähren, da hatte Verzweiflung ihr Herz erfaßt, mit ihren letzten Kräften hatte sic sich aufgerasft und hatte ihr Kind dorthin getragen, wohin cs, wie sie sich ansdrückte, gehörte. Und der alte Krawauni, nachdem er sich von dem ersten Entsetzen erholt, hatte sich in edler Menschenliebe des zarten, schuldlosen Wesens angenolttineu; so viel es in seinen Kräften stand, wollte er sühnen, was sein leichtsinniger Sohn verbrochen. Das Kind hatte er vorläufig der Frau eines seiner Arbeiter zur Pflege übergeben; sobald sein Sohn heimkommen würde, sollte dieser weiter bestimmen, was mit seiner Tochter ge׳ schehen solle. ^Fortsetzung folgt.) Zwei Wüstenwanderungen. Von Jedidjah. l. 2. Uin Bolk zog in der Wüste ׳Dieselben Schaaren ziehen, — US wußte n id>t, wohin —; Tie wissen w ohl, wohin — Doch hat es einen Führer , Tie lennen Weg nnd Stege Und eine Führcrin.; Und ihre Führerin. Eslannt'nicht Weg noch Stege, Doch folgten sie dem Willen? Die sührien zu dem Ziel, — : Bollführt dar׳ Volk die Pflicht? Doch wandelte eS sicher; Es wandelt eig ne Bahnen, In reinem Pflichtgefühl. , Gehorcht dem Führer nicht. Es zog in ödem Lande, Trum stürzt es in Gefahren, Doch litt cs keine Nolh — : Drum schreckt es jeder Feind, Es schritt durch viel' Gefahren Drnm wird's gejagt, vertrieben Doch faßt' es nicht der Tod.! Es schützt cs nicht scüiFrcnnd. GS zog durch fremde Orte, Trum muß es schiver ersteigen Doch hat!' es einen Freund,: ' Ter Felsen zackig Haupt׳, Er wahrt' vor Löwcnrachen, 1 Drum hemmen es die Flnthen, Er schreckt zurück den Feind.! Es ist deS Schiss'S beraubt. Es hcmmen'S Fels und! Doch wenn es folgt dein Führer, Flnthen, Erfüllet sein Gebot — Doch ging eö mitten durch — | Dann scheucht sein Freund das Es wohnt' in weiter Steppe,; Unglück, Doch schützt' cs eine Burg.! Entreißt cs sicheren Tod. Es kam zu seinem Ziele,! Dann komm! cs zu dem Ziele, In LaS gelobte Land,! In das gelobte Land, Wo Milch und Honig fließet — ■ Wo Mi ich nnd Honig fließet — Gelenkt durch Freundes Hand! , Gelenkt durch Gottes Hand!