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Jeschurun · 1883-10-04 · Heft 40 (4.10.1883) · p. 699

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 40 (4.10.1883)
Article
Deutschland : aus Westpreußen [Nachricht]
Date
1883-10-04
Page
699 (sequence 2)
Language
German
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699 Jahr hindurch zu entfremden. Die Eltern achten mit ' peinlicher, gewissenhafter Strenge ans den Schulbesuch ihrer Kinder, daß auch nicht ein Stündchen im Jahre versäumt werde, sind aber gewissenlos genug, auch nicht ein einzig Mal im Jahre dafür Sorge zu tragen, daß ihre Kinder am Sabbath den Gottesdienst besuchen; kommt ein solches Kind auch einmal am BersöhnnngStage in den Gottesdienst, dann weiß cS nicht, was eS da beginnen soll, denn cö hat gewöhnlich von der Bedentung des heiligsten Festes seiner Religion keine Ahnung, es hat nichts gelernt. Wie wollen Sie da etwas für die Jugend thnn, wenn die Eltern ihre Kinder bereits durch unterlassene religiöse Erziehung dem modernen Heidenthnm zngeführt haben. Die Fragen des Fragestellers wurden nicht beantwortet, weil die Antwort kein logisches Motiv zur Unterlage haben konnte. — Der Vorsitzende rcsnmirte: Wir müssen anSschanen; in den kleinsten Gemeinden haben sie schon reformirt, und wir sollten noch beim Alten stehen bleiben! Es trat bald darauf die definitive Reform lommission zusammen und machte mit der Liturgie tabula rasa, wahrlich nicht zum Bortheil des gottesdienstlichen Aesuches. (Fortsetzung folgt.) (Fortsetzung der Korrespondenzen und Nachrichten auf Seite 708.) Aus der erste» Hälfte unseres Jahrhunderts. (Nach einer wahren Begebenheit) Kriedrich Pott. (Fortsetzung.) «w* vor^-haln-n- ״Leah!" rief der Knabe, indem er mit seinen großen feurigen Augen bald ihr in daS treue Antlitz schaute, bald hinüber auf den weißem Stein, über den der Mond jetzt eben aufgiug. — ״Lcah, der Mutter in die Hand Hab' ich'S versprochen, daß ich nie etwas thnn werde, von dem ich weiß, daß cS vcrboten ist — und hier bei ihrem Grabe verspreche ich Dir'S nochmals, ich werde immer, immer brav sein, daß die Mutter ihre Freude hat, wenn der liebe Gott ihr'S erlaubt, auf mich herunterzuschanen." Tief ergriffen drückte Lcah seine -Vaud. ״Du bist brav und gut," sprach sie, ihn mit sich sortzichend, während Thränen auf ihre faltigen Wangen herniederrannen. ״Du bist gut und brav, Kobi, — aber schon ein ganzes Jahr lang hast Du nichts Jüdisches mehr gelernt und hier, leider Gottes, kannst Du auch nichts lernen. Aber wenn Du älter wirst und so sein willst, daß die Mutter im Himmel ihre Freude an Dir hat, da mußt Du viel mehr Jüdisches wissen, als Du jetzt weißt. — Also hör' zu, Kobi, mein Gold, was ich Dir sagen werde. Hier geht'S nicht, aber wenn Du fortkommst, aufs Gymnasium oder sonst wo hin, da sieh zu, daß Du einen Rabbiner oder sonst einen frommen Juden findest, und zu dem sag' Du, daß Du gern fromm sein möchtest, daß Du aber nicht viel Jüdisches weißt, und bitt' ihn, daß er Dich unterrichtet oder zu Jemanden führt, der Dich unterrichtet, ilub wenn Du das gethan hast, dann wird alles gut werden, dann wird mein Kobi ein braver frommer Jude werden, wie sein Großvater einer gewesen ist und die Mutter wird sich im Himmel freuen über ihren braven Sohn." "Nahezu ein Jahr war verstrichen, seit Mirjam die Freunde in der Heimarh besucht. Gleich nach Schluß deS Festes war der Toni gekommen. das junge Mädchen, das er mit glühender Leidenschaft liebte, wieder hinauszuführen auf den Seidlerbos, we auch die blinde Bäuerin mit sehnsüchtigen Verlangen ihrer harrte. Und als sie mit freundlichem Willkommengrüß ihre Hand in die ihr entgegeuaestreckte Rechte des jungen Mannes legte imb in daS treue, srcudestrahlende Antlitz ihm schonte, da ward eS auch ihr plötzlich warm nm'S Her; unb über und über erglühend, wandte sie sich hastig ab, ihre Vorbereitungen zur Abreise zu treffen. KopsschüNelnd aber sah Rahel'S braver Mann den! Wagen nach, der in der sterncn- Hellen Nacht die beiden jungen Veute den: fernen Dorfe zu führte. ״Nahet, mein Kind, der Bauer ist brav, ich trau ihm nichts Arges zu — aber ich sage Dir, wenn die Mirjam da bleiben könnte — 's war' besser." ״Freilich wäre es besser," stimmte Nahel bei, ״aber wie hast Du Dich gestern geängstigt, daß hier Jemand sic sehen könnte und es ihrcm Vater sagen. — Nein, so gern ich sic hier hätte, noch kann es nicht sein, cs wäre zu viel gewagt." ״Du hast recht, Rahelleben, Recht hast Du wie immer — aber — besser wär'S." Eine Freude war am folgenden Tage im Scidler- Hof, als wäre eine lange abwesende Tochter hcimgekehrt in ihrer Mutter Hans. ״Die Marie ist wieder daheim, die Marie ist wieder daheim!" jauchzte der Toni einem Jeden entgegen und die Blinde drückte ihr bald die Hände, bald streichelte sie ihr die rosigen Wangen und wollte sie den ganzen Tag nicht von ihrer Seirc lassen. Aber auch die .Knechte und Mägde begrüßten die Heimgekchetc mit ullfrichtiger Freude, denn ihr stilles, freundliches Walten im Seidlerhof berührte Jeden wohlthnend und hatte ihr längst Aller Herzen gewonnen. Die Zeit schritt vor und fast mit jedem Tage ward Mirjam ihren freundlichen Wirthen thenrer, erschien ihnen ihre Gegenwart unentbehrlicher. Der Sommer schwand dahin in friedlich glücklichem Stillleben. Mirjam lebte, wie früher, von Milchspeisen,

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