Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1883)
- Article
- Österreich-Ungarn : Preßburg [Nachricht]
- Date
- 1883-09-20
- Page
- 670 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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bciwitcub höhere $cvfcrftrafcn als in der ersten Instanz I erhielten- Die Angeklagten haben jedoch die Berufung! ,ingemeldet. — Angesichts der gegenwärtigen Unruhen ' lmi der Kriegsministcr verfügt, daß die im Jahre!860 Einberufenen im gesamnuen Militärbezirke Prcßbnrg vorläufig noch nicht zu beurlauben seien. — Binnen Kurzem wird wohl vor dem hiesigen Gerichtshöfe die ' Abnrtheilung der Hanptexzcdcnten bei ben Großj Blageudorser .Krawallen erfolgen. £ Brünn, 14. September. Es gewährt dem j Menschenfreunde eine wahre Befriedigung, wenn er sich j zu überzeugen vermag, daß der häßliche Fleck mittel-! alterlichcn Wahns, welcher iu den Judenverfolgungen - unserem Jahrzehnt anl)aftct, iu Wirklichkeit künstlich erzeugt und nicht aus dem Innern des Volkes heraus! an dessen Oberfläche getreten ist. Deshalb möchte auch! die in einer jüngst hier stattgehabteu Arbeitcrvcrsamm-! luug gefallene Erklärung von Interesse sein. Iu der-! selben wurde über die antisemitische Bewegung das! Folgende unter allgemeinem Beifalle von Herrn Badorf j ans Wien geäußert: ..Wir Arbeiter geben n'ns nicht! zu derartigen unverantwortlichen reaktionären Be-! slrebnngen her, deren Urheber im Verborgenen straflos! ansgeben,!nährend sich ihre armen Opfer der blanken? Waise aussctzcn. Wir wollen diesen Hetzern nicht folgen,! und wenn euch solche Agitatoren in ״weißen Blonscn"! verleiten wollen, um vielleicht dadurch die Wünsche ge-! wi׳׳er Kreise zu befriedigen, so jagt ihnen, daß sic! Schurken sind! Sagt ihnen, sie mögen nur selbst bingeheu; ihr aber seid auf der Hnth und geht nicht!" Frankreich. * Paris, 8. September. Die ״Köln. Ztg." meldet unter diesem Datum, daß ein Ausschuß zur Veiknng der antisemitischen Bewegung in dcnt Arrondisiemenr, wo morgen eine Dcpntirtenwahl stattfindet, einen Aufruf durch Maucranschlag bekannt gemacht habe, worin Garnier als antisemitischer Kandidat aufgestellt wird. Der Aufruf beginnt mit dem Satze: ״Der Jude ist der Feind!" und schließt mit dem Satze: ״Krieg dem Judenthum!" H o l t a n d. '3 Rotterdam, <». September. Wie cs scheint, soll mit der Besetzung des schon so lange und nur allzu lange erledigten Rabbi.wtssitzes unserer Gemeinde endlich Ernst gemacht werden. Von der neuen Serie Kandidaten haben die Herren!)1׳. Ritter -Prenzlan, I)r. Eohn Kattowitz und Herr Or. Kohn-Inowraelaw bereits Probcpredigten gehalten. Hoffentlich erhalten wir endlich eine!; Rabbiner und in ihm den rechten Mann, der mit ernstem Wollen eine energische Thalkraft vereinigt. Spanien. * Rach einer Mitthcilnng des ״El Globo" zählte man bei der letzten Volksanfnahmc in Spanien 402 Juden. Rußland. A Moskau, 29. August. Die Verfügung des Grafen T o l st o i wegen des Verbots der Beschäftigung christlicher Arbeiter in jüdischen Etablissements stützt sich auf eine ältere, bis jetzt größtenthcils außer Uebung gesetzte Verordnung. Das Unheil, welches dieselbe anrichtet, ist nicht nur für die Juden, sondern auch für die Christen von unberechenbarer Tragweite. Tausende christliche Arbeiter werden dadurch brodloS. Aber auch nach einer andern Richtung ist diese Verfügung geeignet, uns düster in die Zukunft schauen zu lassen. Man fragt sich sicherlich mit volleru Rechte, warum diese Verfügung jetzt, in dem Augenblicke, wo die Judenkommission im Begriffe ist, ihre Arbeiten zu beginnen? Und die Antwort lautet, um der hochherzigen weisen Kundgebung des edlen Fürsten Demidow-San Donato ein Paroli zu bieten. Dieser hat bekanntlich die völlige Freiheit und Gleichstellung der Inden als das einzige Mittel zur Lösung der ״Iudcnfrage" angegeben. Einer der einflußreichsten Mitglieder dieser Kom- Mission, Po bedou oszcw, aber soll ein ausgesprochener Feind der Iudenemanzipation sein, und dem Bemühen dieses Mannes gelungen sein, seinen Freund, den Minister des Innern, Graf Tolstoi, zu diesem judcnfcindlichen Schritte zu veranlassen. Der Kommission will man hierdurch einen Fingerzeig gegeben haben, in welchem Sinne sic arbeiten soll. Ignatieff's Geist ist noch immer lebendig — Gott schütze die Juden, Gott schütze Rußland! Wir sind hier voll trüber Ahnungen, zumal auch die Schritte, welche von auswärtiger Seite zum Widerruf des Ukas hinsichtlich der Ausweisung der österreichischen Juden mit Ende dieses Jahres vergeblich gewesen sein sollen. Amerika. k. Chicago, 25. August. Es ist hier von Seiten der zahlreichen russischen Juden eine Ncligionöschule ins Leben getreten, welche bis jetzt 70—60 Schüler zählt, in vier Klassen cingctheilt ist und außer dem Rabbiner Herrn Lesser drei Lehrer hat. Möge dieselbe dazu beitragen, ernste Religiosität zu befördern und zu befestigen. — Es erregt überall großes Aufsehen, daß die ״Rcw-L)ork Times" in ihrer Ausgabe vom d. Mts. in einer Korrespondenz aus Paris einen sehr gehässigen Artikel gegen die Juden bringt. Sic sehen, auch das frcisinuige Amerika wird jetzt schon von dem Antisemitismus infizirt: doch wird eS ihm niemals gelingen, eine solche Verbreitung zu finden wie in der alten Welt.