Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-09-20
- Page
- 660 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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lassen, weil er gesagt hat, ich bring' ihn um's Brod. ' Aber der Baron hat's erfahren und der hat's ihnen; Allen verboten, deiner darf mir was thun. O, der Baron hat mich lieb —" Ein lächeln erhellte des Knaben Angesicht; die unnatürliche Spannung seiner Züge war gewichen, Leah athmetc erleichtert auf. ״Der Baron ist brav," sagte sic, inu den Knaben auf ein anderes Thema zu bringen. ״Ob er brav ist, weiß ich nicht." versetzte Jakob achselzuckend, ״zu mir ist er gut, o sehr gut. — Weißt Du, tfeat), er hat mir versprochen, er wird mich slndiren lassen, daß ich Doktor werde. Nur noch zwei Jahre muß ich hier beim Kaplan lernen, und dann giebt er mich nach B . auf's Gymnasium —- da bin ich nicht nichr beim Vater und nicht mehr bei der — O! das wird schön sein! das wird schön sein!" Er war mit einem Mal wieder das heitere sorglose Kind und warf das Schnupftuch, mit dem er so eben seine Thränen getrocknet, in kindlichem Jubel hoch in die Lust. ״Zwei Jahre sind bald vorüber," plauderte er munter weiter, ״nicht Leah? und dann bin ich frei, ganz frei! — brauch' nichr mehr aus den Vater zu hören und nicht mehr auf den Kaplan und brauch' auch die — gar nie mehr anzusehen." Leah wiegte bedächtig das Haupt, so wenig sic auch von dergleichen verstand, das, was der Kleine da als Freiheit pries, es wollte ihr nicht als solche erscheinen; doch sie widersprach nicht. Mochte er immer*־ hin seinen Eintritt in's Gymnasium als Freiheit detrachten, mochte er wähnen, daß seine Prüfungen damit zu Ende -- vielleicht ertrug er leichter, was ihn: bis dahin bevorstand, wenn er das Ziel so nahe ivähnte — sie wollte ihm das Herz nicht noch schwerer machen.- ״Kobi, mein Gold, der Baron hat Dich gern, meinst nicht, daß eS gut sein könnte, wenn Du'S ihn: sagen möchtest, daß der Vater so bös mit Dir ist, weil Du zu der Prochaska nicht Mutter sagen willst." ״An das habe ich auch schon gedacht," erwicdcrte Jakob ernst, ״aber ich weiß eS selbst nicht — der Baron ist doch Ehrist und er sagt immer, ich wäre auch einer — also, was wird er darin finden, daß der Vater die Ehrisrin heirathen will?" -- ״Das ist wahr," seufzte Leah, .,leider Gottes wahr." ״Freilich," fuhr der Knabe fort, indem Helle Nöthc mit [einem Mal sein Antlitz überzog, ״mir kommt's immer vor, als ob's mit der Prochaska noch waö Besonderes wäre —" ״Geh', Ko di — was Dir nicht einfällt! — Ich mag sie ja auch nicht, aber wenn Dein Vater die Beste und Bravste heirathen thät' — Dir war' Keine nicht recht, — denn nach Deiner lieben braven Mutter —" ״Nein," siet Jakob lebhaft ein, ״das ist nicht wahr Wenn der Vater eine fronnne Jüdin heirathen würde, dann würde ich gleich Mutter zu ihr sagen und würde mir Mühe geben, sie gern zu haben. Denn einmal, als wir noch mR.... waren, als dem Aron Lcvi seine Frau gestorben war und als der bald nachher wieder geheirathet hat, da habe ich gehört, wie die Mutter zu den Lcvi seinen Kindern gesprochen hat, und von daher weiß ich, wie ich sein inüßte, wenn der Vater eine fronnne Jüdin heirathen möchte — aber die Prochaska Kati ist Christin —" ״Das ist wahr," siel Leah ein, ״aber mir scheint, versuchen könntest Du'S doch unb könntest den Baron bitten, daß er mit dem Vater spricht, daß er wegen der Prochaska nicht so bös zu Dir ist. — wenn er auch Ehrist ist, er hat ja doch verboten, daß dir Jemand was rhut, wenn Du am Sabbath nicht schreiben oder in der Kirche nicht knieen willst —" ״Das ist wahr, der Baron hat mich lieb, o sehr lieb — ich möchte eigentlich wissen warum?" ,.Warum er Dich gern hat," rief Leah lachend, ״Narrele, das weißt Du nicht? weil Du ein braver herziger Goldjunge bist, den Jeder gern haben mnß." ״Das ist nicht wahr, außer Dir und dem Baron hat mich kein Mensch gern. — Nicht der Vater und nicht David und Keiner. — Ja früher, als die Mutter noch da war und. Mirjam. — Wo mag nur Mirjam sein, Leah? — weißt Du'S nicht?" Die Alte schüttelte das Haupt. ״Nein, Kind, das weiß ich nicht — und der Vater weiß cs auch nicht, wenn er auch thnt, als ob cr's wüßte und zu den Leuten sagt, daß Mirjam bei Freunden sei und nächstens ans Besuch kommen wird." Jakob blickte sie überrascht an. ״Der Vater weiß auch nicht wo Mirjam ist? Aber er hat doch gesagt, er hätte sie svrigeschickt, ich weiß nicht wohin, daß sie waS Ordentliches lernt — und vorgestern hat er gesagt, daß sie zur Hochzeit kommen soll —" ״Er möcht's, daß sie kommt, das glaub' ich wohl, noch dazu jetzt,, wo die Leah fortgeht und die Prochaska in's Hans kommt, von der die Leute sagen, daß sie zu keiner Arbeit nicht taugt — da könnt' er freilich die Mirjam brauchen. — Aber sie kommt -nicht, glaub' Du. mir —" ״Aber wenn Du auch nicht weißt, wo sie ist, woher weißt Du denn, daß es der Vater auch nicht weiß?" :Fortsetzung folgt/-