Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1883-09-20 · Heft 38 (20.9.1883) · p. 659

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 38 (20.9.1883)
Article
Zur Lage in Ungarn
Date
1883-09-20
Page
659 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2932996-2933034-2954191--13572-2954240
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

tntion; insbesondere ist die Aeußerung des Letzteren zu erwähnen, der in einem Sendschreiben an seine Wähler hervorhcbt, daß die antisemitische Agitation nothwendigerwcise dazn führen müsse, daß Europa Ungarn ans der Reihe der zivilisirten Staaten streichen werde. Die Juden seien nachahmenswerth in Bezug auf Sparsamkeit, Fleiß und Nüchternheit. — In der Familie unseres Juslizministers Pauler scheint inan allerdings nicht so zu denken, wenigstens weist die Ucbernähme des Patronats des Ballfestcs in Badaesoni zu Gunsten der Wittwe Solymosi von Seilen einiger dem Justizmiuistcr nahestehender Damen daraus hin. Gut ist nur, daß man an maßgebender Stelle nicht mit der T hei ln ahme der Familie Panier an dem Unglück der armen Mutter einverstanden zu sein scheint, da, wie ein antisemitisches Blatt meldet, das Fest ans Gründen, die nicht im Arrangierungs-Komitö zu suchen sind, nicht stattfinden werde. :— Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. (Nach einer wahren Begebenheit) Kriedrich "•Hott. (־Me Rechte Vorbehalte». (Fortsetzung.) Der Vater, zwar nie zärtlich gegen Jakob, hatte ihn doch bisher selten hart, oft sogar mit ausfallender ׳Nachsicht behandelt. Ein ernster, bittender Blick seiner großen dunklen Augen, der ihn stets an den Blick der Entschlasenen erinnerte, hatte bisher genügt ,den aufwallenden Jähzorn des Nandars gegen den Knaben zu entwaffnen. — Dvch diese Zeit war vorüber. Ehrmanu, hatte jetzt eine förmliche Scheu vor dem Blick seines Sohnes, der weder durch Bitten noch durch Drohungen zu bewegen war, der Geliebten seines Vaters auch nur die geringste Alismerksamkeit zu erweisen. Selbst Leah, die für den Knaben ernstlich bangte, halte ihn zu überreden versucht, seine Geringschätzung gegen die Prochaska nicht gar so offen zur Schau zu tragen; umsonst, der Knabe blieb bei seinem starren Sinn. ״Schau, Kobi," sagte die Alte, indem sie das glänzend dunkle Haar aus der bleichen Stirn ■ ihm strich, ״schau, Du tHilst nicht recht und nicht geschcidt. Nicht recht, denn was der Vater besichlt, muß das Kind thun, und nicht geschcidt — denn was nutzt's? der Vater nimmt' sie doch und straft Dich obendrein." ״Mag er mich strafen." rief der Knabe wild, ״und wenn er mich todtschlägt, ich küsse ihr doch nicht die Hand und sage doch nicht Mutter zu ihr — Mutter! Mutter! 0 meine liebe, liebe Mutter!" Er brach in ein wildes leidenschaftliches Schluchzen aus und Thränen entstürzten seinen Augen. Leah bc« lnühte sich umsonst, ihn zu beschwichtigen. Endlich, als schäme er sich seiner Thränen, drängte er sie mit Gewalt zurück. ״Du hast recht, Leah, ich will gar nimmer weinen, das ist kindisch und llützt zu gar nichts. Und wenn's am Ende doch so wäre, wie cs mir immer vorkommt, wenn's der liebe Gott der Mutter erlaubt hätte, auf mich herunter zu sehen, da möchte cS ihr leid sein, wenn sie sehen müßte, daß ich weinte — nein, ich werde nicht weinen, ich werde inuncr so sein, daß die Mutter ihre Freude daran hätte, werln sie ulich sehen würde — immer werde ich so sein, wie ich's der Mutter versprochen habe — Du weißt es doch — nie werde ich etwas thun, wovon ich weiß, daß cS nicht recht ist. — Aber Du sagst, es wäre nicht recht, wenn ich nicht thäte, was der Vater besichlt, Leah — das ist nicht wahr; das weiß ich gewiß. Denn immer, wenn ich nicht weiß, ob ich etwas thun soll oder nicht, dann denke ich mir, was würde die Mutter sagen, wenn ich das thun würde? — Und Leah! Leah! was würde die Mutter sagen, wenn sie hören würde, daß ich zu so einer Mutter sagte? — O! O!" er knirschte mit den Zähnen und seine schmalen Hände ballten sich in ohnmächtiger Wuth. ״Wenn ich höre, wie der David zu ihr Mutter sagt — ich möcht' ihr in's Gesicht speien —" ,,Kobi! Kobi! um Gott! wcnn'S der Vater hörte! —" 'und angstvoll blickte die treue Alte um sich. ״Lass' er's meinethalben hören," rief Jakob mit neu ausbrccheuder Wildheit, ״und lass' er mich meinethalben deshalb todtschlagcn, mir wär's auch recht!" ״Kobi! Kobi! so darf Keiner nicht reden — denk' nur, wenn das die Mutter hören möchte!" — ״Wenn das die Mutter hören inöchte —," wiederholte der Knabe mit bebenden Lippen — man sah es ihm an, er rang nach Mäßigung — aber in ihm tobte es. ״Wenn das die Mutter hören möchte, mir scheint, Leah, die Mutter möchte sagen, der Kobi hat recht — und am Ende wär's ihr gar nach lieber, wenn der Vater mich und den David todtschlagcn möchte, als daß er ׳.ins das thnt. — O, wenn Du wüßtest, Leah, wie das ist, wenn er nnS inuncr am Sonntag bei der Hand nimmt und fest hält — so fest, ich weiß gar nicht wie — und mit uns in die Kirche geht — in die Kirche, Leah — in die Kirche — wo — und alle Menschen knicen da vor den Bildern — der Vater und David auch — aber ich nicht — ich stehe immer ganz grade und rede kein Wort — keines, Leah. — Und zuerst, da haben die Leute mich immer angeschaut und am Montag, da hat der Schullehrer mich geschlagen und der Kaplan hat mich eingesperrt und der Vater — Du weißt doch — er wollte mich hungern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.