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Jeschurun · 1883-09-13 · Heft 37 (13.9.1883) · p. 647

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 37 (13.9.1883)
Article
Deutschland : aus Westpreußen [Nachricht]
Date
1883-09-13
Page
647 (sequence 2)
Language
German
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647 der Rabbiner von der Kanzel aus gegen die Orthodoxie Front macht und sie zu bekämpfen sucht. Solche Dieben sind in solchen Gemeinden häufig und auch gemeinhin die beliebtesten. Man wird diese Schilderung nicht übertrieben finden, wenn man sich einmal die Zusammenstellung des leitenden Körpers einer jüdischen Gemeinde ansieht. Die Vertretung der meisten jüdischen Gemeinden besteht aus den namhaftesten GeschäftSlcntcn des OrteS, welche durch geschäftliche Be- Ziehungen oder bm־d) geselligen Perkehr mit Richtjnden meistenthcilS dem jüdisch-religiösen Leben den Rücken gewendet haben und sid) als freisinnig geriren. Oder es befindet sid) am Orte gar ein Mann von gelehrter Bildung, dem ärztlichen oder jurislisd)en Stande angchörig, der in der Regel sd)0n seit langer Zeit dem prakrisd)en Jndenlhnme entfremdet ist, beut wird gern von unfern GlaubenSbrüdern, die es mit der Kritik der profanen wie der Religionswissenschaften selten so genau nehmen, die obere Leitung und daö Pertrauen der Gemeinde mit der Voraussetzung in die Hände gelegt, das; dieser gelehrte Mann am besten wisse, was einer jüdischen Gemeinde fronnne. — So setzen sich die meisten Gemcindevorstünde auö ncncrungSsüd)tigcn Elementen zusammen, wcld)c nid)t die religiöse Meinung der Geineinde vertreten, sondern darin ihren Ruhm setzen, zu rcformircn, und all dasjenige, wa-S noch einen jüdisd)cn Schein hat, ans der Synagoge und der ReligivnSschnlc zu bannen. Weshalb? Weil cs überall so ist, lautet der bodenlose Grund für sold)eS Vorgehen. — Der Rabbiner hat sid) in die Anordnungen des Vorstandes unbedingt zu fügen und Alles zu untersthreiben, wenn er den Vorstand selbst sid) nid)t zum Gegner [djaffen will. Die Ungunst des Vorstandes aber ist gleichbedeutend mit der der ganzen Gcnicinde. — Der geistliche Führer, der Rabbiner der Gemeinde, hat nid)t die obere religiöse Leitung derselben, sondern er wird vom Vorstande geleitet. (nortsetzimg folgt.) § Aus Elsaf; -Lothrirrqeu, im Septembcr. Für unsere Bruder im deutschen ׳Reiche ist cS sicherlich nid)t uninteressant, daß die Negierung der Neid)Slande and) an die Rabbiner die Aufforderung gerichtet hat, über die Höhe ihrer Einkünfte genaue Mitthcilnng zu mad)cn. ES handelt sid) darum, eine GctialtSaufbcssernng ״der NeligionSdiencr aller Kulte" hcrbeizuführen, und in Elsaß-Lothringen zählen and) die Rabbiner zu den vom Staate besoldeten Gcistlid)en. Oesterreich-Ungarn. ==* Nyiregyhaza, 4. September. In unserer Stadt, welche nächst Tisza-Eszlar sid) wohl den Ruhms?) zuschreibcn darf, der moralische s?) Hintergrund aller sid) hier zu Lande abspielenden Exzesse zu sein, ist eS noch vcrhältnißmüßig gelinde hcrgegangcn. Wenn and) fast in jeder Nad)t einige Fensterscheiben von jüdischen Häusern cingcschlagcn werden, so sind wir doch noch sehr zufrieden in Hinsicht auf die anderswo sich abspielenden Gräuclszcnen. Daß cs bei uns nid)t weiter kommen wird, als wie eS bis jetzt gekommen ist, daß versichert uns eine seit heute Nachmittag von Seiten dcS ObergespanS an allen Straßenecken assichirte Erklärung einer Anzahl angesehener Bürger, welche sich verpflichten, für die Ansrechterhaltung der Ordnung Sorge zu tragen nnd bei etwa vorkommcndcu Ansschrcitnngcn für den Ersatz jedes materiellen Sd)adenS zl! haften. ES wird nun zwar in Folge dieser Erklärung kein Militär in die Stadt cinrücken, da jene Bürger dnrd) diese Erklärung der Unannehmlichkeiten einer Einquartierung übcrhobcn sein wollten, aber die Unterzeichner dieser Erklärung bürgen zur Genüge für den Bestand der öffent!id)cn Ruhe und Ordnung, da sic ja alle Folgen einer evcnt. Anssd)rcit!tng zivilrcd)tlich zu tragen häben. *||* Pest, 6. September. Mord, Brand nnd Raub ist noch immer die Parole des TageS. Der Plebs wird systematisd) dazu abgcrid)tet. Man berid)tct, daß der Advokat- NaSzluhacz und Rem et- Ujvar. der reid)cGrundbesitzer Hordos ans Söjtör, der Sd)11llehrer von Escb, der Beamte FarkaS ans Groß-Kanizsa, der Kaufmann Knblin aus Szent- Groth, der Ex-Notär Sknblicz ans Esany und andere der gebildeten Klasse Angehörige als Hanpträdclsfnhrer mit zahlreid)cn Exzedenten verhaftet seien. Die Eisenbahnzügc bringenfortlvührend Flüchtlinge in großer Anzahl. DaS.Herz bricht bei dem Anblicke des entsetzlid)cn Elends, bei den Berichten über die stchrccklid)en Grünet. Die Menschen sind zu Bestien geworden. Die anfänglid)e Ohnmacht der Staatsgewalt nlad)t übrigens glücklicher Weise einer ernsten nnd eisrigen Entfaltung aller Kraft Platz. Die Wod)cnmärkte sind verboten, Truppen überall tu Bcrcitsd)aft. Der NegicrnngSkolnmissar machte die OrtSbehördc mit ihrer Person für jede fernere Slvrung verantwortlid). Die Beute der Räuber.ist ungeheuer; sie entzieht sid) der Sd)ätzung. Hinter denselben stehen aber die angesehenen Männer, welche den Enthüllungen der Verhafteten int Verhör mit Angst entgcgenschen. — Handel und Wandel liegt überall darnieder. — So wird ans Brünn gemeldet, daß mehrere dortige hervorragende Handels- Häuser nad) Ungarn vorläufig keinen Kredit gewahren wollen. In Debrcczin fühlt sich die Filiale der öfterreich-ungarischen Bank so unsicher, daß sie ihre Wad)en verdoppelt hat. — Auch hier in der ungarisd)en Hauptstadt hcrrsd)te in den geschäsllid)en Kreisen eine sehr gedrückte Stimmung. Man sieht nunmehr die .Konsequenzen der fortwährenden antiscmitisd)en Hetzereien in ihrer sd)recklid)cn Wirklid)kcit vor Augen und nuch sich

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