Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1883)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1883-09-13
- Page
- 646 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. -a- Berlin, 7. September. Nicht im Volke wurzelt die antisemitische Krankheit; sie ist nicht primär, sondern tritt im Volke selbst nur sekundär auf. Wo mau sich fern zu halten weiß von den Austccknngs- Herden, da bleibt die Lust rein und der bacillus morbi antiseinitici findet kein geeignetes Substrakt. Das beweist auch die kürzlich aus Anlaß der bevorstchcuden Stadtvcrordnetenwahlcn im Neuen Gesellschaflshause an der stottbusserstraße stattgehabte große Arbeiterversammlnng. Uns iutcressirt an dieser Stelle nicht, was die aus mehr als 1200 Personen bestehende Versammlung sonst anstrebt; wir nehineu aber mit Befriedigung Akt von der entschiedenen Zurückweisung einer jeden judeufeindlichcn Gesinnung, die diese Männer der Arbeit ausgesprochen haben. Als vereinzelte antisenlitlschc Kundgebungen versucht wurden, verbaten sich die Arbeiter solche ganz entschieden. ״Wir weisen mit Entrüstung jede Bemerkung gegen irgend eine Religion oder Rasse zurück. Es ist wohl jetzt Mode, eine gewisse Nasse für die Schäden der Zeit verantwortlich zu machen, — wer sich solche Hetzereien gefallen lassen will, der mag cs thun —, die Herren aber sollen cs sich merken, daß die Arbeiter niemals in diese Hetzrufe ciustiuimen," wurde unter allgemeiner Zustimmung entschieden erklärt. Beschämen nicht diese Arbeiter manchen frommen Mann und hohen Herrn im Punkte der wahren Bildung, die sich in Toleranz äußert, der wahren Religiosität, die den Mitmenschen ״nach seinen Handlungen, nicht nach Nasse oder Religion" beurtheilt, wie der Maschinenbauer Herr Görcki in der Versammlung betonte? Die Herren Christlich- Sozialen messen aber mit zweierlei Maß und haben für die Gaben einen ganz besonderen Kodex der Liebe. ״Der Krieg hat Deutschland geeinigt, und doch freuen wir uns, daß Deutschland kein Einerlei ist, — Preußen, Sachsen, Württemberger und Bayern haben neben einander gekämpft, — wir freuen uns der deutschen Mannigfaltigkeit, die sich in der inneren Einheit zusammensindet — damals, 1870, fragte man nicht: bist du katholisch oder evangelisch? — ach, wäre es doch auch im Frieden so!" — wer hat diese schönen, wahren Sätze ausgesprochen? Kein Anderer, als Herr Hofpredigcr Stöcker im Thiergarten bei der Sedanseier der christlich-sozialen Partei! Sagt cs diesem Herrn nicht die einfache Konsequenz aus diesen Sentenzen, daß auch Juden neben den Katholiken und Evangelischen gekäinpst, daß auch Juden mit die Mannigfaltigkeit in der Einheit des deutschen Reiches darstellen dürfen? Und wer stört die Einmüthigkeit nach der Beendigung des glorreichen Krieges, wer wirft die Dracheusaat des Hasses unter die verschiedenen Stammes- und ReligionSgcnosscn im Frieden, wer wird für die Ausbrüche einer rohen Leidenschaft verantwortlich sein, wenn sich —* was Gott gnädig verhüten wollte — in Deutschland der Antisemitismus solcher Erfolge rühmen sollte, wie im gegenwärtigen Momente im Zalacr, Prcßburger und Eisenburger Komitat??-Vielleicht beantwortet uns der beredte Stöcker, der auf heute Abend einen Bortrag über die Tisza - Eszlarer Affaire angekündigt hat, diese Fragen. — D. Aurich, 31. August. Am letzten שבת נהמו wurde der hiesigen Gemeinde eine kostbare, prachtvolle silberne Thorakrone als Geschenk des Herrn U. Rosenthal in New-OrleanS übergeben. Auch die Synagogengemeinde EsenS erhielt von demselben das gleiche Geschenk. Herr Nosenthal war vor Jahren Mitglied unserer Gemeinde und hat durch diese Spende seine alte Anhänglichkeit in rühmeuSwerther Weise bewiesen. Zn Ehren des würdigen Schcnkgebers wurde für denselben ein passender ■מי שברך rezitirt. : Aus Westpreu stell. Gerne wäre ich Ihrem Wunsche, geehrter Herr Redakteur, längst nachgekommen und hätte Ihnen Berichte über den Stand jüdischreligiöser Dinge in hiesiger Gegend zngehen lassen, wenn cs diesbezüglich hier überhaupt einen Stand gäbe und nicht alle den Glauben betreffende Dinge Abstrakta wären. Wollte man die Anschauungen und Aenßerungen jüdisch-religiösen Lebens der sogenannten Fortschrittsjnden, zu denen die meisten sich gerne aus Mode zählen lassen, in einen Rahmen fassen, es gäbe das allgemein bekannte Genrebild, an welchem wenig Spur von Bethätigung religionsgesetzlicher Pflichten wahrzunehmen wäre. Muß aber nicht Uukeuntniß der Religion, so allgemein sie jetzt ist, Judifscrentismus im Gefolge haben? אם אין הודה יראת מגלן. In Bezug auf jüdisch relrgiöscS Leben ist die hiesige Gegend ein אדץ מלחה ולא תשב, denn sie hat keinen urbaren religiösen Boden unter sich. — Das Bewuudcrungswürdigste hierbei ist, daß, so lauge die kleineren Gemeinden in hiesiger Gegend noch strenge nach den Neligionsgcsetzen geleitet, keinen Rabbiner hatten; erst nachdem sie den freisinnigen Prinzipien huldigten, sich Rabbiner anstellten. Was nützt da aber der Rabbiner einer Gemeinde, welche den Religionsgefetzen erst entsagte und dieselben als veraltete Zeremonie in die Rumpelkammer verwiesen unb thatsächlich nicht weiß, welche Leistungen sic vom Rabbiner als solchen zu fordern hat? Wollte man aber glauben, daß die Anstellung eines Rabbiners von sogenannter orthodoxer Seite ausgehe, so irrt man gewaltig; denn die Orthodoxie befindet sich überall in der verschwiltdend kleinsten Minorität, und ist cs in der Regel dem Gros der Gemeinden recht willkommen, wenn