Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1883)
- Article
- Zur russischen Judenfrage
- Date
- 1883-09-13
- Page
- 633 (sequence 2)
- Language
- German
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633 in bic weiter oben bereits berührte Alternative versetzt, entweder ans die Bildung nnd das damit;u gewinnende größere Wohlwollen der Regierung, oder ans ihre värer׳- iiche Religion nnd das damit sich zu erhaltende göttlichc Wohlwollen ztt verzichten. In solcher Alternative hat aber das jüdische Volk sich nie bedacht, lio hat größere Güter geopfert, tun sich seine väterliche Religion zn erhalten, nnd wo eS diese gefährdet sah, hat es sich von je nur tun so enger an die Heiligthümer angeschlossen, in deren hingebungsvollen treuen Pflege es seinen gottgewiesenen Beruf tttib sein ganzes Vebensglück erblickte. Und wenn min vor etwa fünszehn Jahren die russische Negierung sich zu dem noch traurigeren, bcklagenSwerthcrut Schritte Hinreißen ließ, die Inden ' mit Gewalt zu dem Schein einer pur äußerlichen Bildung zn zwingen, nnd, als ob irgend ein wahrhaftes Bildnngsmomeut in lättgeren oder kürzeren Schläfenlocken, in tätigeren oder kürzeren Rockschößen bestände — nnd noch dazu i!t einem Reiche, das so viele auch in Rationaltracht verschiedene Bevölkerungen ׳umschließt — die Inden in Warschatt ttnd Umgebung durch ihre Offtzt'anten auf der Straße, ja in ihren Däusern überfallen und ihnen die Vockett abschneiden, die Rockschöße kürzen, ja verheiratheten Frauen auf öffentlichem Markte die ihnen religiös gebotene Kopfbedeckung abreißen ließ - tonnte dies den Inden größere Sympathie für eilte Bildung abgewinnen, deren Berlreter, geliitdesteus gesagt, sieh zn solchen unvernünftigen Gewaltmaßregeln bestimmen lassen mochten? Mußten nicht vielmehr die Inden selbst die Anfrechthaltnng angestammter Aeuße-rliebkeiten als heilige Gewissenspflicht betrachten, tun die blinde Gewalt nicht ztt dem Wahne zn verleiten, es ließe sich der Jude durch Gewalt das Hinopfern einer religiösen Gewissenssache abtrotzen'? Oder sollen — um ans die jammervollen Grfahrnttgen der Gegenwart znrückznlotnnten — sollen die Inden sich für eine Bildung begeistern, die von der sittigenden Macht, welche sie über die Geister nnd Gentüther ihrer Jünger .ansübt, so traurige Probett abgelegt, wie in den Attsfehreittutgen der rnsfischen;!le־• völkernttgen gegen die Inden in den Jahren 1881, 1882 und 1883 ztt Tage getreten? Sollen sie die Zivilisation Derer beneiden und ihren mindern als Muster zur Aneignung empfehlen, die ihnen ihre Täufer angezündct, ihre Wohnungen geplündet. ihre Mütter, Frauen, Töchter ttnd -Schwestern geschändet, sie, die solchen aller Menschlichkeit ttnd aller Menschenwürde H)hn sprechenden Barbareien gegenüber mit doppelt gerechtem Stolze auf die Hoheit ttnd versittlichende Macht ihrer angestammten väterlichen Bildung hinblicken können, die sie also vor verbrecherischen Ausschrcittutgen zu schützen gewußt, daß, mitten unter verkennenden, kränkenden, ja mißhandelnden Bevölkerungen, nie eine jüdische Hand auch nur atinähiunigSweise in gerechter Bergeltttng sich also vergangen, wie. hier eine dett Namen ״Mensch" schändende Berwildernng an friedlichen Mitbewohnern verübt worden! (Schluß folgt.) Alts der elften Hälfte iiusercs IahrhimdertS. (Otad) einer wahren Begebenheit) Friedrich Vott. (Ue :Hci1>tc uorbi'ljaltcit) i fZensevnng.'! Auf dem schmalen Pfade zwischen den Feldern wandelte langsamen Schrittes ein einsamer Mann; er hatte die Hände auf dem Rücken übcreinandergekrcnzt, sein Haupt war gesenkt, seilte ganze Haltung etwas vorgetteigt. Ob er die Saaten musterte? — er war der Gigenthümer, oder vielmehr der Pächter dieser Felder, ttnd der ganze Reichthnm ringsum sein eigen. Gin Hochgefühl hätte des MattncS Brust erfüllen ntüsscn; vor kaum einem Jahre der Schuldhaft nahe und nun die sichere Hossntmg auf so reichen Segen. — Dennoch war der Attsdrttck seiner Züge keilt freudiger, int Gegentheil, ein tiefes Weh lag in feinem Angesichte und seine Wangen, ehedem frisch und blühend, waren faltig nnd gelb. Aber die Bauern hatten Respekt vor dettt ״Rattdar", dent der Gutsherr sichtlich wohl wollte, und der auch mit der Geistlichkeit ans dettt besten Fuße stand. Gar manche Dorfschönc hätte sich schon bemüht, die Ansmerlsantkeit des Angesehenen ztt erregen, doch umsonst. Ghrmann's Sinn schien erstorben für Franenreiz. Das Trauerjahr um die entschlafene Gattin ging ztt Gnde, doch seine Trauer nicht; nagende Gewissensbisse hielten sie nnablüssig wach. Wiederholt war sein Freund, der Schloßlaplan, in ihn gedrungen, sich zu ermannen, wie er es nannte, ein junges schönes Mädchen als Gattin heintzttsührett, und int Glücke netter Vielte den erlittenen B er ln st dann leichter ztt verschmerzen — doch ׳umsonst, Ghrmann wollte nicht auf ihn Horen. GS gab zwar Stunden, in denen das Alleinsein zur ttncnräglichen O.nal ihm wurde, doch eben so unerträglich ward ihm ztt Zeiten der wüste Vitnit in seinem Branntwcinhanse. Tann flüchtete er hinaus in die Felder und zwang sich, beim Anblick der vielversprechenden Saaten, dett reichen Gewinn zn berechnen, der seiner harrte. Doch auch daztt mußte er sich zwingen; was nützte ihm der reichste (Gewinn? — er vermochte die Gntschlafene tticht zu erwecken, vermochte nicht zu bannen des GetvisscnS O.ualen, nicht;nrückzttsühren den verlorenen Frieden in seine Brust. Zuweilen wünschte er zwar, in wilder bacchantischer Lust den unablässigen Mahner in seinem