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Jeschurun · 1883-09-06 · Heft 36 (6.9.1883) · p. 612

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 36 (6.9.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-09-06
Page
612 (sequence 2)
Language
German
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612 ״Alles? — was 2ie reden, Kind 's ist ja nichts — heißt das, so gut wie nichts — aber wenn Sie 'S wollen — ich hält' freilich lieber zuerst mit meiner Frau davon gesprochen —" ״Wozu ba$? ich bitte Sie, Herr Kohn —11 ״Schon gut, schon gut, .Kind, ich red' ja schon. Also Sie wissen doch, die Uhr ist mir heute steh'n geblieben und heute ׳.Nachmittag so um Minchc herum, Hab' ich nicht gewußt, haben wir 's Rusen überhört oder iü's noch nicht Zeit. — Ra, ich zieh' niich an und geh' 'nüber; aber die Schul war noch zu und kein Mensch da auüer Neb Iecheskel Karma 1111; Sie kennen ihn doch, der Bruder von meiner Schwicgermuilcr und der *Cntct von meiner Ra Hel, leben soll sie hundertundzwanzig Fahr und d'rüber. — Na, ich sag', gut Iomtow Rcb Iecheskel, und daß ich gemeint hält', man war' schon in Schul. Er lachte und zeigte mir seine Uhr, cs war noch 'ne halbe Stunde zu Miuche. Ra, wir reden über dies und über das und im Reden kommen wir aus 'nt Ring — und gegen das Ende vom Ring, da wo 's zum Schloß hinaufgeht, hält 'ne Britschka. — Ich denk' an gar nichts, mit einem Mal giebt mir Neb Iecheskel '11 Rippenstoß und raunte mir was iu's Ohr. Was sagen Sie? fragte ich. Er aber sagte gar nichts, aber er deutete mit '11 Finger auf die Briischka. Und was meinen Sic, wer da drinnen ist gesessen? — Ihr Vater," fügte er nach kurzem Zögern hinzu. Ein Schreckensrus entrang sich Mirjam's Kippen. ״Kind lieb, Kind lieb," flüsterte der wackere Mann erregt, ״da drinnen sind Menschen — ich bitt' Sie um Gottcswillcn!" ״Mein Vater —stammelte Mirjam, ״mein Vater — hier —" ״Ru"? was isi's? Ob Ihr Vater in Woickersdorf ist oder hier; er weiß nicht, daß Sie da sind und glaub', cs hat Sie kein Mensch gesehen. Aber wenn auch, meinen Sie, ich war' nicht Mannes genug, um Sie zu schützen, gegen wen auch immer?" Oer kleine Mann warf sich bei diesen Worten in die Brust und nahm eine solch' herausfordernde -Haltung au, daß Mirjam, trotz ihrer Erregung, ein Lächeln kaum zu unterdrücken vermochte. Der Wackere gewahrte es nicht. ״Schauen Sic. Kind lieb," fuhr er fort, ״ich habe kein Kind, aber ich hoffe zu Gott, er wird meiner Nahelleben welche schenken — und wenn ich dann eine Tochter hätte, da wär's mein höchster Wunsch, daß sie so werden möchte, wie Sie sind — so gern Hab' ich Sie — und Sie wollen 's noch nicht glauben, daß Sie in meinem Dause sicher sind? daß ich Sie schützen werde gegen alles Böse und gegen alle Bösen —" ״Wegen meiner furchte ich überhaupt nichts mehr," betheuerte Mirjam, ״Gott ist mir beigestaudeu und steht mir bei — meinetwegen bin ich ganz unbesorgt — wenn ich nur wüßte, daß ich auch für meine Brüder nichts zu fürchten hätte." Kohn zuckte die Achseln. ״Was brauchen Sie zu fürchten? Haben Sie nur guten Muth und vertrauen Sie auf Gott; da wird schon Alles gut werden." ״Gut?" wiederholte Mirjam mit schmerzlichem Seufzer, — ״Sie wissen, was mit mir und meinen Brüdern geschehen sollte — ich bin entflohen — aber meine Brüder — wenn ich nur wüßte, wie ich sie retten könnte —." ״Sie möchten die Kinder retten? — glaub's Ihnen gern — brav sind Sie. — Aber ich sag' Ihnen, Kind lieb, für jetzt und für die nächsten Jahre dürfen Sie daran nicht denken. — Sie müssen Gott danken — und ich weiß, Sie thun'S auch — daß Er Ihnen so .weit geholfen hat — und weil Sic eben gar nichts für Ihre Brüder thun können, so müssen Sie sich eben Keiner weiß es, und wenn Sie nur nicht zum Fenster gehen und Keiner Sie hier hört, so wird's auch Keiner erfahren. — Ich bitt: Sie, ich Hab' Ihnen doch gleich gesagt, cs ist nichts, und jetzt sehen Sic's selber, daß es nichts ist. — Kind lieb, Kind lieb, — Sie sind doch sonst so gescheidt — was fällt Ihnen nun mit einem Mal ein?" Doch Mirjam war nicht so rasch im Stande, sich zu fassen; der Gedanke, sich mit ihrem Vater in ein und derselben Stadt zu befinden, erfüllte sie mit Angst. ״Wenn ich nur erst wieder auf 'm Seidlerhof wäre," murmelte sie tonlos vor sich hin. ״Uebermorgen in der Früh, will's Gott, sind Sie wieder draußen," tröstete Kohn, ״morgen Rächt kommt der Scidler und holt Sie, und im Dorf sind Sie doch geborgen. — Ich bitte Sie, liebes Kind, haben . Sie nur keine solche Angst. — Meiner Seel'! ich! mir aus ihn verlassen — Gott ist groß und wenn Er will, so kann doch noch Alles gut werden." Die Zeit der Ernte war herangckommen. Golden prangten die Saatfelder rings umher und die '?lehren neigten sich tief zur Erde in überreicher Fülle. Es war gegen Abend, langsam glitt der glühende Sonnenball dort hinab hinter die Berge, und seine letzten Strahlen bedeckten den Abendhimmel mit goldigem Purpnrglanz. Vom nahm Dorfe her ertönten muntere Weisen, die jungen Bauernburschen schivenkteu ihre Schönen im lustigen Tanz, und bis hinaus auf die Felder drang der Jubel der Fröhlichen, die in ihrer Weise die Sonntagsfeier begingen. . Fortsetzung folgt.)

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