Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1883)
- Article
- Ein jüdischer Trunkenbold
- Date
- 1883-08-30
- Page
- 603 (sequence 2)
- Language
- German
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603 besteht doch das eigentliche Wesen der Liebe. Sie blickt nur auf die Vorzüge des Geliebten hin; und Du hast so viele Vorzüge, daß ich die beneidenswcrtheste Frau bin. Du bist fromm und gut, sanft und wohlthatig — verkleinere Dich nicht, schmähe Dich nicht — daö bricht mir das Herz. Wenn ich Dich nicht hätte, so wäre ich so unglücklich, wie ich durch Dich unsäglich glücklich bin!" Wie der linde FrühlingShanch des Frostes starre Decke bricht, auf daß des Flusses klarer Spiegel, von dem Sonnenstrahl geküßt, wiederum glitzert und schimmert, also drangen die Worte des wackern Weibes durch den Panzer hindurch, welchen Scham, Reue und Verzweiflung um das Herz des Gatten gelegt, und Hoffnung, und frischer Muth erhellten daö Düster seines Geistes. Aus den Augen seines Weibes strahlte ihm die reinste, innigste Liebe, Glück verheißend, entgegen. ״Du willst es ferner mit mir wagen," begann er. — ״Deine treue Gattin zu sein und zu bleiben bis zum letzten Athemzuge," unterbrach ihn Niekchcn; ״in Freud' und Leid mit Dir des Lebens Geschick zu theilen;— Dein liebendes glückliches Weib." Joel hatte sich aufgerichtet. ״Wie soll ich Dir danken, thcures Weib?" Hub er an. ״Du bist wie On ben Peleth's Gattin; Du rettest Deinen Mann vom Untergange; Du bist das Biederweib, wie die Weisen es schildern: die Freude, der Segen, das Glück, die Hülfe, die Sühne des Mannes. Sich', ich gelobe es hier, ich will dem schändlichen Laster —" Aber Niekchcn legte die Hand vor seinen Mund und rief: ״Du sollst nichts geloben und versprechen, als das Eine: allen thörichten Gedanken von Trennung, allen selbstpeinigenden Vorwürfen für immer zu entsagen. So wie Du bist, bist Du mir recht; — ich will Dich nicht anders haben." In tiefer Rührung war ich stummer Zeuge geblieben. Joel hatte die Wahrheit gesprochen, — seine Frau war das gute, weise Biederweib, das des Mannes feste Stütze nnd treuer Nathgeber ist in allen Lagen des Lebens. Wie verstand sie es, dem Niedergcbeugtcn, an sich Verzweifelnden, von Scham Erfüllten das Selbstgesühl zurückzugeben und ihn aus seiner Gesunkenheit emporzuheben! Ich drückte den Freunden die Hand und ließ sic im traulichen Gespräche allein. Am andern Morgen, während Joel seinen Geschäften nachging, suchte seine Frau einen Arzt auf. Sie hatte eine lange Unterredung mit demselben, deren Resultat war, daß ihr der Nath ertheilt wurde, ihrem Manne den Vranntweingenuß nicht zu entziehen. Er habe seinen Körper schon zu lange daran gewöhnt, um ihn ohne ernste Gefährdung der Gesundheit entbehren zu können. Als Joel hcimkehrte fand er zu seiner Ueberraschang auf der Kommode eine Flasche mit Branntwein. ״Du mußt täglich davon trinken," sagte ihm seine Frau; ״ich werde dafür sorgen, daß sie immer gefüllt ist." Hochwald aber schüttelte das Haupt. Jeden Tag ermahnte ihn seine Frau, der Flasche zuzusprechcn. Aber vergebens. Wohl ruhten seine Augen verlangend auf dem verlockenden Getränk, und immer gieriger wurde sein Blick; — dennoch blieb er seinem Vorsätze der gänzlichen Enthaltsamkeit treu. Er litt aber unter dieser Entbchruug unsägliche Pein. So vergingen mehrere Wochen. Joel'S Wangen wurden bleich und eingefallen; der Appetit nahm ab; sein Gang ward schlotternd; er fühlte sich elend und schwach. Eines Morgens vermochte er nicht, sich vom Lager zu erheben; so sehr war sein Körper geschwächt. Die besorgte Gattin ließ den Arzt rufen. Dieser erklärte ihm mit voller Bestimmtheit, daß er. endlich zum Alkoholgenussc zurückkehrcn müsse. ״Was Anderen Gift ist, ist Ihnen dringendes Lebensbedürsniß; Sie müssen trinken. Wenn Sic sich Ihrer Frau erhalten wollen, so lassen Sie von Ihrem Eigensinn"; also lautete der ärztliche Ausspruch. Und Joel gab seinen Widerstand auf und wurde wieder der alte Trunkenbold. Außer Niekchcn, dein Arzte und mir, wußte Niemaud von dem geheimen Laster, dem er zu fröhnen jetzt gezwungen war. Joel Hochwald zählte zu den geachtctsten und äugescheusten Mitgliedern der Gemeinde. Er war ein musterhafter, zärtlicher Gatte, ein sorgsamer Vater, ein treuer Berather und Annehmer aller Bedrängten und Noth leidenden. Sein Vermögen vermehrte sich unter seinen fleißigen Händen. Das Vertrauen der Gemeinde ehrte .ihn durch die Wahl zum Gabbai der Ehewra Kadischa. Er stiftete die Talmud-Thora-Ehcwra, welche allabendlich eine Anzahl würdiger, lvißbegieriger Geschäftsleute zum gemeinsamen Studium vereinigte. Seine Kinder wuchsen zu braven Männern und wackeren Frauen heran mib waren stolz auf den Namen, den sie trugen. Allgemeine Trauer herrschte in der Stadt, als man ihn kürzlich zu Grabe trug und an die Seite seiner unendlich geliebten Gattin bettete, deren Hinscheiden er nur wenige Monate zu ertragen vermochte. Keine Seele hatte eine Ahnung, daß der mit allen Tugenden geschmückte edle Mann, dessen Bahre Hunderte weinend umstanden, ein Trunkenbold gewesen. Sein Andenken sei gesegnet!