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Jeschurun · 1883-08-30 · Heft 35 (30.8.1883) · p. 602

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 35 (30.8.1883)
Article
Rußland : Petersburg [Nachricht]
Date
1883-08-30
Page
602 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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602 ment Grodno, in der Nähe des Dorfes Deretschin, im Slonimer Kreise, welche schon seit dreiunddreißig Jahren ans einundzwanzig Häusern besteht. Dieselbe umfaßt etwa 400 Deßjälinen Acker nebst Weid- und Wiesenland mit 150 Stück Rindvieh und 20—30 Pferden. Er schreibt: Die Kolonie macht einen guten Eindruck. Die Bauern Hütten, welche in einer Reihe errichtet sind, wie dies in allen Dörfern jenes Gebietes der Fall ist, sind fast alle sehr reinlich, mit Strohdächern und Fenstern, die ans zwei Flügeln bestehen, — eine große Seltenheit in den russischen Bauernhäusern. Ebenso sind sümmttiche Gebäude mit Schornsteinen versehen, — ebenfalls eine große Ausnahme, denn die russischen Bauern haben zwar zumeist Oefen, aber keine Schornsteine, so daß der Rauch in den Wohnräumen bleibt. Die Schelmen bcfiubcn sich in einiger Entfernung hinter den Wohnhäusern Als ich in das erste beste Bauern- Haus eintrat, war ich überrascht von der daselbst herrschenden Reinlichkeit. Wände und Decke sind weiß übertüncht, der Fußboden aus Holz, das Meublement besteht aus einem Sopha, zwei Stühlen und einer Kommode; in einer Ecke war ein Wandbrett befestigt, auf welchem einige Bücher und zwei kupferne Leuchter, die nur am Sabbath gebraucht werden, zu sehen waren. Alles sauber und in bcner Ordnung. Die Männer hatten einfache leinene Anzüge an, wie sie die Bauern dieser Gegend zu tragen pflegen, die Frauen kleiden sich in Kattun nach städtischer Art. Die Männer tragen außerdem ein spezifisch-jüdisches Kleidungsstück, welches einer geschlossenen Weste ähnlich sieht, mit herabhängenden Zwirnfäden. Besonders fiel mir die reine Aussprache der Kolonisten'auf, — ich erkläre eS nur dadurch, daß dieselben nicht der Nothwendigteil ausgesetzt sind , ' bald russisch, bald polnisch, bald litthauisch re. zu sprechen, was bei den in den Städten wohnenden Juden wohl der Fall ist, in Folge dessen diese letzteren schließlich sich ein Kauderwelsch aneignen. Sämmtliche landwirthschaftlichen Arbeiten verrichten die Kolonisten selbst, im Nothfalle aber rufen sie die Mithülfe der benachbarten Bauern des Ortes Kriwitschi an. Die alten Leute unter ihnen verstehen übrigens bis auf den heutigen Tag noch nicht zu pflügen, — diese schwerste der landwirthschaftlichen Arbeiten! — aber die jüngeren Leute, welche schon in der Kolonie aufgewachsen sind, pflügen ganz vortresflich. Die Wirthschaslen sind nicht gilt eingerichtet, aber doch so gut, daß die Kolonisten mit ihrem Schicksal äußerst zufrieden sind. Dabei ist der Boden keineswegS ein guter. Die Kolonie hat selbstverständlich eine Synagoge und zählt auch jüdische Handwerker in ihrer Mitte. Peru. * Nach einer der ״Alliance Israelite" aus Lima kürzlich zugegangenen Nachricht befinden sich daselbst etwa 150 jüdische Familien in guten Verhältnissen. Sie bilden eine Gemeinde mit einer Synagoge und erfreuen sich völliger Gleichheit mit den übrigen Peruanern. Australien. * Achtzehn russische Flüchtlinge, welche von dem Londoner ״Mansion Honse Eoinmittee" nach Australien gesandt wurden, sind in Port Lhttleton angekommen und wurden von ihren Glaubensgenossen sehr freundlich ausgenommen. Sie werden in Neu-Seeland sich niederlassen. Ein Mischer Trunkenbold. Bon Aaphtali Simon. VIII. ״Ich hatte," so schloß er seine Erzählung, ״die Vorstellung, als ob ich einen Mord begangen, einen Mord an dem heiligsten Wesen, daS sich mir Vertrauensvoll hingegeben. Ich lief so rasch meine Beine mich forttragen konnten; ich hatte die dunkle Empfindung, als ob ich dein Orte meiner Schandthat entfliehen müßte. Thor! Ich trug das entsetzliche Verbrechen mit mir; mein Laster verfolgt mich, wohin ich auch meine Schritte lenke!" ״Bald versagten mir die Füße ihren Dienst; ich gerieth in eilt Taumeln; mein Geist ward umnebelt; mühsam schleppte ich mich heim. Meine Frau war nicht zu Hanse. Ich schlich ntich in die Kammer — mein Weib fand einen Trunkenbold vor, der die geweihte Stätte des Hauses verpestet." Der Unglückliche barg das Angesicht in seinen Händen; fein ganzes Wesen krümmte sich unter dem Schmerze einer wilden Verzweiflung. Niekchen war zu ihm hinangetreten und legte ihren Arm um seinen Nacken. ״Joel, geliebter Mann, — fasse Dich!" sprach sie milde. ״Ich lasse nicht von Dir; ich wende Dir die volle Liebe und Verehrung eines treuen Weibes zu. Und Du verdienst sie im ganzen Umfange. 'Es giebt keinen Menschen, der also vollkommen gerecht ist, daß er keinen Fehler hat/ sagt der weise König; und ferner heißt eS: 'nicht den Engeln ist die Thora zu Theil geworden^; — — Du hast auch einen Fehler, wie alle Sterblichen. Uebertreibe nicht die Ansprüche, welche Du an Dich zu stellen hast; auch davor warnt der Weise. Mir, als Deinem Weibe, geziemt eS aber vor Allem, daß ich Dich liebe, wie Du bist, daß ich Dritte kleine Schwäche übersehe, wie Du meine Mängel nachsichtig beurtheilen sollst. Darin

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