Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1883)
- Article
- Deutschland : Hannover [Nachricht]
- Date
- 1883-08-30
- Page
- 599 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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599 Korrespondenzen und Nnchrichtcn. Deutschland. Hannover, 28. August. Am 24. d. MtS. wurde Herr I. Jüdel hier zu Grabe getragen. Derselbe stand scchSzig Jahre lang im Dienste der Gemciude als Schochet und Lehrer und zeichnete sich durch seltene Pflichttreue auS. Das imposante Gefolge, welches dem im fast vollendeten achtzigsten Lebensjahre Berstorbencu die letzte Ehre erwies, legt Zeugniß von der hohen Verehrung ab, dessen derselbe im bcsondcrn Grade sich mit vollem Rechte zu erfreuen hatte. Herr Seminardirektor Dr. Prager gab derselben an der Vahre in beredten Worten ergreifenden Ausdruck. Bor wenigen Jahren mit vollem Gehalte pensionirt, hatte Herr Jüdel bei der an der Religionöschule seit fast einem Jahre ciugetretenen Vakanz wiederum auShülfSweise den Unterricht übernommen. Die Nothwendigkcit, die erledigte Stelle jetzt sofort zu besetzen, tritt nunmehr deshalb mit un! so größerer Dringlichkeit hervor. Seit dem Ableben unseres LandrabbincrS Di׳. Meyer herrscht leider auf manchen Gebieten unseres GemeindelcbenS eine unheimliche Stille. Der Wahlakt zur Widerbcsetznng des NabbinatS ist jetzt auf den 8. Oktober von der Landdrostci angesctzt worden. Es ist wahrlich allerhöchste Zeit, daß das Interregnum endlich beseitigt wird. In allen Gemeinden der Landdrosteibezirke Hannover und Lüneburg sind jetzt Gcmeindcvcrsammlungen anzuberaumen, um aus den drei Kandidaten Goldschmidt-Weilburg, Groncmann-Danzig und Wedelt- Düsseldorf den zu ernennenden Rabbiner zu wählen und zugleich einen Vertreter zu bestellen, welcher am 8. Oktober die betreffende Gemeinde bei der Wahl zu vertreten hat. In der Vollmacht muß auSgcdrnckt sein, daß der Dcputirte in ordnungsmäßig geladener, vollzähligcr Gemeindeversammlung von den persönlich daselbst anwesenden Mitgliedern gewählt ist. ES wird auch empfohlen, in der Vollmacht den Rabbiner zu nennen, für welchen der Dcputirte die Stimme seiner Gemeinde abgebcn soll. Die Wahlhandlung findet im hiesigen Landdrosteigebäudc unter Leitung eines RegicrungSkommissarS statt. -a- Berlin, 25. August. Die TiSza - ESzlarer Juden sind srcigesprochen — eö lebe der AntisctiSmus! — das ist die Losung des TageS im Lager ungarischer von der Judcuhetze lebender Blätter nicht nur, sondern auch im ״Westfälischen Merkur", in der ״Germania" in rührender Ucbereinstimmung mit der ״Krcuzzcitung" und den vornehmen ״Grenzbotcn" 11. s. w. 11. s. w. Dieselbe wird auf alle mögliche und unmögliche Weise zur Geltung gebracht, und man wäre öfters versucht, an dem gesunden Menschenverstände mancher verehrter Personen zu zweifeln, wenn mau nicht von ihrer völligen Gesundheit überzeugt wäre und sich deS beruhigenden Gedankens hingcben könnte, daß Derjenige, welcher seinen Vergil noch recht innc hat und den Vcrö ״lleetere si neqiieo superos, acheronta movebo“ nicht nur geläufig zu übersetzen, sondern noch vollkommener zu beherzigen weiß, an allem andern, nur nicht an Herz- oder Gehirnerweichung leidet. Ja wohl, die Herren wissen cS, daß wenn der Himmel dem sehnsüchtigen Verlangen und Hoffen eines wackern AutisemitenherzcnS bei dem Schauspiel an der Theiß nicht gewogen war, die Hölle in Bewegung gesetzt werden muß. ES war aber auch Unrecht, schreiend Unrecht von euch, Schwarz, Scharf und Genossen, daß ihr euch nicht hängen lassen wolltet zur größeren Ehre und Bcsriedigung der thcuern Verehrer eures Glaubens und Stammes, und blutige Thrüncn müßte man weinen mit dem handfesten Herrn von Onody ob des Nyiregyhazaer Gerichtshofs; — cö wäre doch gar zu schön gewesen! Solamen miseris socios 11almis.se malorum — eS ist ein herzerquickender Trost, Leidensgeführten zu haben, Genossen, gleich unS zartbesaitete Seelen, die unscrn Schmerz, unsere Trauer thcilen, das erhebt und tröstet uns, das ruft. unS zu: aegnam memento rebus in urduis servare meutern, fasse Muth, auch bei widrigen Ereignissen bewahre deine Standhafligkcit. Und so tröstet Einer den Andern, und so erhebt sich der Eine an des Andern frischem und mannhaften! Streiten für die heilige Sache des Antisemit iS - muS. Mit Esther Solymosi war eS also nichts, — bon — man muß was Anderes suchen und wer da sucht, der findet, und man hat gefunden — Heureka! Freilich will eS mit dem ״jüdischen Referendar", der Herrn -zu Putlitz'S Selbstmord auf dem Gewissen haben soll, nicht recht ziehen — man sieht, es spukt der Geist deS armen ertrunkenen ungarischen Mädchens noch in den Gemüthcrn des ״Dresdener Journals״, der ״Badisehen LandcSpost" und Derer, welche diesen genialen Entdeckern Heereöfolge leisten, — ein unerklärter Todesfall muß es nun einmal sein — aber die nüchternen, praktischen ״Grcnzbotcn", die haben eS glücklich herausgebracht in der Nr. 32 vom 2. August als ״Glossen zu den modernen Kreditbestrebungcn." Höchst gelehrt, ungeheuer wissenschaftlich, überaus genial und weise! Axiom ist: die Juden sind an dem wirthschastlichcn Nnin der heutigen Gesellschaft schuld. Axiomata bedürfen kciueS Beweises. Wir wollen aber doch beweisen, und zwar erstens durch einen Beschluß der Kirchenvcrsammlung zu Wien im Jahre 1287, in welchem eS also heißt: ״da der Uebermuth den Juden so hoch gestiegen ist, daß selbst die Reinheit des christliehen Lebenswandels durch sie verletzt wird"; — quod erat demonstrandum. Zweiter Beweis: der deutsche