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Jeschurun · 1883-08-30 · Heft 35 (30.8.1883) · p. 588

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 35 (30.8.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-08-30
Page
588 (sequence 2)
Language
German
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588 Kerzen auf silbernen Kandelabern, dann hatten Beide das Abendgebet verrichtet. Kohn war noch nicht hcimgckommen ans der Synagoge, die Freundinnen saßen indessen neben einander auf dem Kanapee, Hand in Hand, keine sprach ein Wort. Das Her; war Beiden übervoll, denn Beide gedachten all der wechsclvollen Ereignisse, die seit dem jüngsten Sederabcnd ihr sonst so stilles, einförmiges Leben erfüllt. Am vorigen Sederabcnd war Rahel nicht einmal verlobt gewesen, aber sie hatte jenen Elenden bereits geliebt, und den Festesabend hatte er im Hanse ihrer geliebten Eltern an ihrer Seite verbracht. — Das Blut stieg ihr in die Wangen, wenn sie des Heuchlers gedachte und ihrer dereinstigen Neigung für ihn — sie gedachte seiner nicht allzu oft, denn längst hatte sic es gelernt, ihren braven Gatten zu lieben mit der keuschen Liebe einer echt jüdischen Gattin, und aus tiefstem Herzensgründe dankte sie Gott, der sic vor dem Entsetzlichen bewahrt und sie so reines ungetrübtes Glück an der Seite ihres wackern Gatten hatte finden lassen. Und Mirjam — wohl war auch ihr Herz von Dank erfüllt, doch mannigfache einander widersprechende Empfindungen drängten einander in ihrem Innern. — Wie mochten die Ihren das heilige Fest verbringen?! — ein tiefer schmerzlicher Seufzer entrang sich ihrer Brust, eine Thräne stahl sich über ihre Wangen. Nahel : gewahrte es und verstand sie. Innig drückte sie ihre ' Hand. ״Muth, Mirjam, Muth! Dn wirst sehen, eö wird noch Alles gut werden." Dann aber erhob sie sich hastig und eilte der Thüre zu, durch die Kohn so eben in das Zimmer trat. ״Ah, gutIomtow, Nahel, mein Kind! gut Iomtow, liebe Mirjam!" und dabei schlang er.seinen Arm um die junge Frau ׳und drückte einen innigen Kuß auf ihre Stirn. Die Freundinnen erwiederten seinen Gruß, auch Mirjam war aufgestandcn. ״Können wir noch nicht mit dem Sedcr beginnen?" fragte Nahel, ״Dn hast gefastet und den ganzen Tag gearbeitet." ״Als ob mir das möcht' schaden!" lachte Kohn, ״wenn ich Dich anschau', Nahel, Lhut mir's dreimal so gut wie das beste Essen. Aber cs ist gleich Nacht, wir können gleich zum Sedcr gehen; ich will nur meinen Kittel anzichen, dann können wir ansangcn." Er war bei diesen Worten in das Nebenzimmer getreten und schon nach wenigen Minuten kan: er wieder zurück in dem weißen leinenen lang herabwallenden Gewände, auf dem Haupte ein weißes Käppchen mit Silberborde verziert. Die blendend weiße Kleidung kontrastirte seltsam mit dem brünetten Teint und dem dunkeln Vollbart des Hausherrn. Doch sein Auge leuchtete, sein Angesicht strahlte, und in dem ganzen Acußcrn des sonst so einfachen, auspruchlosen, fast unscheinbaren Mannes lag am heutigen Abend etwas geradezu Imponirendes. Lächelnd reichte er seiner liebevoll zu ihm anfblickendeu Frau die Hand und nickte auch Mirjam freundlich zu, dann setzte man sich zu Tische und der Seder begann. Kohn, der sonst so schlichte, sich überaus einfach anSdrückcnde Mann, trug die vorgeschriebenen Gebete und Schriftstücke mit einer solch tiefen Empfindung vor, wußte sie den in gespannter Aufnlerksamkeit seinen Worten Lauschenden mit einer solchen Beredsanlkeit zu übersetzen und erläutern, daß Rahel mütterlich staunte; selbst sie hätte solches dem Gatten nimmer zngetraut. Mirjam aber hatte nie im Leben einem ähnlichen Festesabend beigewohnt. Ihr Vater hatte zwar auch um der Mutter willen das, was man ״Sedcr geben" nennt, gethan, doch in einer so gedankenlosen nachlässigen Weise, weder seinen Kindern noch ihm selbst verständlich, daß sie erst jetzt der hohen Weihe des Abends inne ward, und wie gebannt hing ihr Auge an den Lippen des so seltsam beredten Mannes. * * * Und in derselben ernstheitern Weise, in der das Fest begonnen, schwand es auch nur allzu rasch dahin; mit jedem Tage ward Mirjam den Freunden theurer, und in gleicher Weise wuchs auch die Hochachtung, die sie Nahels Gatten zollte. Ihre freundlichen Gastgeber hatten mit eben so viel Umsicht als Vorsicht für,bic Geheimhaltung ihres Aufenthaltes bei ihnen gesorgt; nicht einmal Nahels Eltern hatten eine Ahnung davon. Kohn hatte hierauf gedrungen, denn er kannte seinen Schwiegervater zwar als ernslsronlmen braven Mann, wußte aber, daß derselbe hin und wieder, namentlich bei einem Glase Wein, leicht zu gesprächig werden konnte. Daß Nahel weniger als sonst das Haus verließ, konnte nicht anffallen, da sic, wie Jedermann wußte, während der Feiertage ohne Magd war; und wenn Verwandle und Freunde sie besuchten, so wurden sie in dem Wohnzimnier cnipfangen, das unmittelbar neben Mirjam's Zimmer lag, aber diese schob jedesmal, der Verabredung gemäß, sofort den Nachriegel vor. Es war an! siebenten Tage des Festes; Kohn war eben heimgekommcn vom Nachmittagsgottesdienste; er athmete hastig, sein ganzes Wesen verricth Erregung. Nasch schritt er wie gewöhnlich auf das Wohnzimmer zu und hatte schon die Hand auf die Thürklinke gelegt, als laute frciubc Stimmen ihn belehrten, daß Nahel mit ihrer Freundin nicht allein sei. (Fortsetzung folgt.)

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