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Jeschurun · 1883-08-23 · Heft 34 (23.8.1883) · p. 578

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 34 (23.8.1883)
Article
Ein jüdischer Trunkenbold
Date
1883-08-23
Page
578 (sequence 2)
Language
German
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578 Die Angelegenheit machte begreiflicher Weise das größte Aufsehen. Der 'Jtaiuc des jüdischen Trödlers, dessen Ehrlichkeit allein die Aufdeckung der Wahrheit, die Rettung der gekränkten Unschuld zu danken war, wurde überall genannt und gelangte dergestalt zu einem Ruhme, das; fortan bcm redlichen Joel, wenn er seinen Rnndgang.nach Erspähnug abgelegter Garderobestückc unternahm, alle Thüren offen standen. Alle hohen Herrschaften bedienten sich mit besonderer Vorliebe der guten Dienste des ״ehrlichen Inden Joel", um ihre Klciderspinde von dem überflüssigen Inhalte zu bcfreien. Hochwald erfreute sich eines seltenen BertranerlS und einer wirklichen Beliebtheit von Teilen seiner ansgedehnten Kundschaft. Er gelangte zu cinigent Wohlstände, so das; er der uralten Mahnung: ״es ist nicht gut, daß der Mann allein sei", endlich Gehör geben konnte und ernstlichst daran dachte, sich nach der lange schmerzlich vermißten besseren Hälfte seines Seins umzu schauen. — Er hatte nicht in der Ferne;11 suchen. Ihm gegenüber bewohnte die elternlose Näherin Nickchcn Lcvy ein kleines Stübchen. Joel und Riekchen waren RachbarSkinder gewesen. Merkwürdiger Weise erinnerte er sich dieser nahen Beziehung erst jetzt. ES fiel ihm erst jetzt wieder ein, daß die nur einige IahrS weniger als er zählende ׳Näherin ein herzensguter hübsches und fleißiges Kind gewesen. Von seinen Wohnung ans konnte er die ehemalige (Gespielin gcnabeobachten. Sie war gleich ihm von armen rechte schaffcncn Eitern und ernährte sich durch die cmsigS und geschickte Führung der ׳.Nadel gleich ihm. Dac gefiel ihm sehr, und auch das noch immer hübsche gute Gesicht mit den treuen braunen Angen erregte sein Wohlgefallen. Ebenso erfreute ihn die Wahrnehmung, daß Riekchen des Morgens und des Abends regelmäßig das umfangreiche Gebetbuch zur Hand nahm, um ihr fleißiges Tagewerk mit frommen Gedanken zu beginnen und zu beschließen. Am Sabbarh las sie auch eifrig in dem alten ״Iceno 111״0110־, einem Erbstück von Seiten der seligen Mutter. 'Noch inehr aber beglückte ihn eine andere Entdeckung. Riekchen schleppte öfters große Packen von Kleider heim, welche sic zu Kindergewandiing nmarbcitctc. Er sah häufig kleine Mädchen mit strahlendem Gesichte aus dem gegenüberliegenden Hanse treten, ein Packetchen unter dem Arme. Riekchen hatte die Gewohnheit, sich abgelegte Kleider von den Frauen, für welche sic arbeitete, zu erbitten, und versorgte damit arme Kinder. Diese Menschcufreundlichkeit erhöhte die liebende Verehrung, welche in seinem Herzen für sein vi8-n-vi^ im Aufblühen begriffen war, dermaßen, daß er an einem Sabbath-Vormittag an Rickchen's Thür klopfte und nach srenudlich gewährtem Einlassc kühn um die Hand des wackeren Mädchens anhiclt. Bald darauf führte er die Geliebte als seine Gattin heim. Es mochten ungefähr drei Wochen seit der Hochzeit verflossen sein, als ich eines Abends bei meinem Freunde Joel cintrat. Ich war gewohnt, in den Räumen deS jungen Eheglücks nur von Freude und Wonne begrüßt zu werden, und ich erschrack deshalb aufs höchste, ein Bild der Verzweiflung und deS Schmerzes anzutreffen. In der einen Sophaecke lehnte Joel, finster zur Erde stierend, in der anderen seine Gattin, anfgclöst in Thränen. ״Um deS Himmels willen, Freunde," rief ich entsetzt, ״was geht hier vor?" ES dauerte eine Weile, bevor ich eine Antwort erhielt. Riekchen schluchzte noch lauter, und Ioel's Blick verfinsterte sich noch schrecklicher. ״Ich bin der elendeste Wicht, welchen jemals die Erde getragen," Hub endlich Joel an; ״nicht wcrth, daß Gottes Sonne mich bescheint! Ich habe die tagend- Hafteste, edelste Frau betrogen, hinterlistig getäuscht, schmählich hintergangen, — sic zum Weibe eines gemeinen Trunkenbolds gemacht! — Die geschändete Ehre vermag ich ihr nicht wieder zu geben; — aber sie soll nicht ferner an dem Säufer gekettet sein; — ich lasse mich morgen von ihr scheiden und greife zum Wunderstabe. Hier ist meines Bleibend nicht länger; ineine 'Nähe vergiftet ihr '?eben. — Das Wenige, was ich besitze, mag sie als Sühne,hinnehmen und einen braven Mann beglücken. Ich will ferne von hier, wahrscheinlich in einem Graben an der Landstraße, mein fluchwürdiges Dasein enden!" ״So redet er schon seit einigen Stunden," jammerte Riekchen, ״und will gar keine Vernunft annehmcn! Helfen Sie mir, lieber Herr Simon; — Sic sind sein Freund; — Sic werden ihn beruhigen können." Es gelang mir endlich, den an sich Verzweifelnden etwas zu beschwichtigen und zu erfahren, was hier vorgefallen. —; Joel erzählte, daß er sich bei seiner Vcrlobnng fest vorgcnommen habe, dem Branntwein zu entsagen. Es sei ihm aber nur gelungen, sich von dem übermäßigen Genüsse desselben fern zu halten, und er habe sich mit dem Gedanken getröstet, daß nach seiner Verheirathnng er sicherlich ans Achtung und Liebe für seine Frau so stark sein würde, des lange eingewurzelten Lasters Herr zu werden. Heute aber sei er demselben wieder zum Opfer gefallen. Von einem, eine Meile in der Stadt bclegenen Edclhofe, wohin er sich in GeschäftSangelegenheiten begeben, heimkehrend, habe er der Versuchung nicht widerstehen tonnen, in einen Krug einzutretcn, freilich lediglich in der Absicht ״nur ein SchnäpSchen" zu sich zu nehmen. Aber dem Raubthiere gleich, das nur einen Tropfen warmen BlutS gekostet zu haben braucht, um eine wilde, ungezähmte

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