Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1883)
- Article
- Unsere Aufgabe in der Gegenwart
- Date
- 1883-08-16
- Page
- 534 (sequence 2)
- Language
- German
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Unterricht du ihnen zu Thcil werden ließest, waren nur im Staube ihnen zu bieten, was den einzigen Inhalt ihres Wissens ausmachte: die Kenntnis; der (Gesetzes- Vorschriften für ba* praktische Vcbca und die Lehre, das; man denselben Gehorsam leisten müsse. Aber weil du und die Lehrer deiner Kinder das Leben nicht aus dem Judenthnm zu begreifen verstanden, weil ihr nicht die Erscheinungen des Lebens tun euch, die Gestaltungen der Menschengeschichte und das Walten in der Natur an der Hand des Jndcnthnms zu betrachten vertnochtet, weil euch der tiefe Inhalt des JndenthnmS nicht zugängig war, darum wäret ihr unfähig, das junge Auge empfänglich zu machen für das sichtbare Walten Gottes im Leben des Menschen und im Reiche der Natur, das junge Ohr für die Stimme Gottes in der Geschichte, den jugendlichen Verstand für den ,,Herzerfreueltden", ״augcncrlenchtcudeu" Geist, welcher zu ihnen spricht aus jeder מצוה, aus jedem Gebote, aus jeder Verpflichtung, und darum ward deinen Kinderit die ״Lehre Gottes״ nicht תנזינזה, nicht ,,allumfassend", alle Seitett ihres Wesens umsasscnd und durchdringend, und darum konnte sie ihnen nicht die ב! שיבה נפש werden, die alle Zweifel der Seele lösende, für alle fragen der Seele eilte Antwort gewährende Erkcunlniß und Weisheit. . Und darum werden sie wankend in ihrer Gesetzestreue und schwankend in ihrem Gesetzesgehorsam, sobald sie die Schwelle deines Hauses überschreiten und daS Leben draußen und die dort gelehrte uttd verehrte Weisheit im Gegettsatz lind Widerspruch zu der beschränkten väterlichen Anschauung uitd Lebensgewohnheit ihnen gegeuübersteht. Ihnen fehlt der innere Halt, welchen nur das Bewußtsein deS eigenen WertheS und des WertheS deS heiligen Schatzes der Gotteslehre vcrleiht, und sie entbehren der VcrtheidiguugSwasfeu, um diesen Schatz zu schiruten und sich zu erhalten gegen die Verlockungen einer fremden trügerischen Weisheit, gegen die Verführung einer den Sinnen schmeichelnden Lcbensauschanung, gegeti die Allgriffe des Spotles und der Mißachtung einer bethörten Umgebung. Dein Sohll wird in bei! Hörsälen der Universität in ihm neue Gedankenwelten eingeführt, in welchen für sein Judenthnm fein Platz in. Wo er von Gott spricht, da sieht er irgend einen philosophischen Begriff thronen, all die Stelle der erschaffenen Natur setzt man ihln einen durch sich selbst erzeugten Organismus, die von ihm als göttliche Osseubarung verehrten Urkunden zersetzt inan vor seinen Allgen in Reste mythcnhafter Legenden und Sagen, oder stempelt sie zu von späterer angeblich ebenfalls göttlicher Kundgebung überholten und aufgehobenen, diese spätere Botschaft vorausverkündenden Dokumenten. Und der andere Sohn tritt in Beziehung zu einer leichtlebigen Umgebung, in welcher man gedankenlos nur dem Augenblicke einen Werth beimißt. Erwerb und Genuß sind die einzigen Potenzen, welchen man huldigt; ״leben lind leben lassen", ״gerecht im Handel und Wandel", heißen hier die einzigen Gebote, und mit den Phrasen: ״was kann Gott daran liegen, ob ich dieses oder jenes genieße, ob ich am Sabbath mir eine Zigarre anzünde", ״alle diese Gesetze möge ehemalS gut gewesen sein, für die Gegenwart aber taugen sie nicht" u. s. w. u. s. w. kündigt man km JudentHunte den Gehorsam ans. Da stehen nun deine beiden Kinder und wissen keine Antwort. Der Eine beginnt zu zweifeln, aber nicht lange währt der Zweifel; er fühlt sich bald überzeugt, daß die gelehrten und berühmten Männer Recht haben. Er lächelt über die naive Einfalt seines Kiudergkaubens und verehrt in den! geliebten Vater das liebenswürdige, einfache ״kindliche Gemüth", die schlichte rührende ״GlanbenSinnigkeit", die er, der gebildete, gelehrte und aufgeklärte Sohn, um keinen Preis an seinem Vater missen möchte, welche zu theilcn er aber ״natürlich" nicht im Stande ist. Der Andere aber bedarf ebenfalls keiner langet! Bedenkzeit, tun zur Erkenntniß zu gelangen, daß seine Umgebung doch eigentlich weiser und erfahrener ist, als er und sein Vater. Sein Vater kennt ja gar nicht daS heutige Leben, und ׳ tu an kann doch auch in der That nicht in dem raschen und vielgestaltigen Wechsel deS Verkehrs 1uit jener sich überlebt habenden Anschannng dnrchkontmen. Für die modernen Verhältnisse passet! diese hemmenden und beengenden Satzungen doch keineswegs! Und so leben deine beiden Söhne in einer dir fremden Anschauung und Gesinnung und gedenken deiner Lehre und Mahnung nur dann, wenn sie zu dir heimlehren, um ihrem ״alten, verehrten Vater in dankbarer Pietät kein Aergerniß zu bereiten." Artner Vater, arme Söhne! Ihr seid beide vor dem Richterstuhle Gottes ob deS VerratheS und Treubruchs vielleicht ohne Schuld. Der Vater verinochte seinen Kindern nicht den Stab zu reichen, der sie stützen könnte ans dem Lebenspfade, und nicht das Licht, daS ihnen leuchten könnte, um die Lüge als Lüge und die Wahrheit als Wahrheit zu erkennen, — die Söhne aber wurden ohne Stab und Leuchte hinausgcsandt und strauchelten ltttö fielen, (nortsctzung folgt.)