Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1883)
- Article
- Ein jüdischer Trunkenbold
- Date
- 1883-08-09
- Page
- 530 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933028-2953701--13249-2953750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
530 Ci» jüdischer Trunkenbold. Bon 'Jinpljtali 3111101t. V. (ir fal) sich in feinen Erwartnngen getäuscht; auch t)tcr gönnte man ihm feinen Platz auf dem Schneidertisch. Da entschloß er sich, selbstständig zu arbeiten. Er wurde jedoch sehr bald von dem löblichen Schneideramte ״gejagt" und al$ ״Pfuscher und Böuhase" äugeklagt. Joel entschuldigte sich vor dem Bürgermeister wegen dieses Vergehens mit seiner Nothlage. ״Man verweigert mir jede Arbeit," sprach er; ״ich will weder betteln, noch stehlen — was soll ich anfangen'? Seit sechs Monaten bin ich durch die Welt gejagt worden, — in meiner Heimath muß ich bleiben und mein Brod verdienen dürfen! Der König Pharao in Ägypten war noch barmherziger, als die Herren Zunftmeister — er liefe die jüdischen Knäblein gleich nach der Geburt ersäufen; —' mich aber will man mit Gewalt zum Verbrecher stempeln oder des Hungertodes sterben lassen; das geht doch wider die Vernunft und die Menschlichfeit!" Der Bürgermeister, ein wohlwollender Herr, wandte sich an die Ankläger mit den Worten: ״Der Jude hat doch recht! WaS soll er anfangen? Nehmt ihn doch als Gesellen bei Euch ans!" ״Wir dulden bei uns keinen Inden," kantete die Antwort. ״Ihr habt zünftig gelernt, Hochwald," sprach hierauf der Bürgermeister, ״und seid znnstmüßig gewandert, — nicht wahr? — Nun, so meldet Euch zum Meisterstück!" ״Ja, das geht nicht, Herr Bürgermeister," demerkte würdevoll der älteste Zunftmeister; — ״solches verstößt wider unsere Ordnung und Nechtsame. In der traurigen Zeit der Fremdherrschaft da ging Alles, da war Alles möglich! Damals hat man auch sogar Juden in's Handwerk genommen; — jetzt aber gelten wiederum die alten Regeln und Gesetze! Unser Hand-׳ werk soll ein ehrbar christliches bleiben, wie es von Alters her gewesen! — Die Inden sollen schachern, dazu sind sie gut, und das ist ihr Beruf!" ES blieb dem Bürgermeister nichts anderes übrig, als Joel auf 24 Stunden in's Gefängnis; setzen zu lassen wegen ״Gcwerbekontravention". An dem Abende, an welchem er aus seiner Haft znrückkehrte, snchte ich ihn ans und erlangte bei dieser Gelegenheit Kunde von der beklagenSwerthen Virtuosität meines Freundes in dem Genüsse von berauschenden Getränken. Trübselig saß er in seinem Stübchen und blickte in das große GlaS hinein, welches mit Bräuntwein gefüllt vor ihm stand. Er bemerkte meinen Eintritt nicht. Von Zeit zu Zeit leerte er das Glas, um ans der Flasche auf's Neue einzusehenken. Ich traute meinen Augen kaum, als ich ihn so binnen kurzer Frist eine nach gewöhnlichem Begriffe unglaubliche Menge des feurigen Stoffes vertilgen sah. Ich trat zu ihm hin und begrüßte ihn. ״Ah, das ist schön von Dir, Naphtali," sprach er, indem er meine Hand drückte, ״Du kommst, um meinen Jubelgesang zu vernehmen. Ich gehöre zu den Bieren, welche Dankgebete opfern sollen: ich war im Gefängnissc und bin jetzt erlöst worden. Aber ich bin noch immer in Oiotl) und Drangsal. Ich befinde mich noch in der schauerlichen Oede der Wüste, der״ Wüste feindlicher Völker, aus welcher kein Pfad mich hinausgeleitet; mein zukünftiges Geschick sehe ich auf schwachem Gebälk von den Wogen des Hasses und Neides unbarmherzig verfolgt; und ich — ich bin krank, sehr krank; das Mark in dem Gebein ist versiegt, die Kraft des Geistes ist gebrochen — —" Während dieser Rede goß er ein Glas Bräuntwein nach dem andern herunter. Als er wiederum zur Flasche greifen wollte, faßte ich seinen Arm und rief: ״Bist Du rasend? Du trinkst Dir den Tod!" Er aber erwiderte lächelnd״ .׳Laß' mich gewähren, Freund; die Flasche ist mein Tröster und Ernährer. Wenn es keinen Branntwein gäbe, würde ich längst nicht inehr sein. Und ich habe ihn entbehren müssen, ganze viernndzwanzig Stunden! — Wie Du weißt, lehren die Philosophen, daß drei Seelen im Menschen leben: die Naturscele, welche in allen geschaffenen Wesen wirkt; die Lebensseele, welche auch im Thicre weilt, und die Verstandesseele, die dem Menschen eigcnthümlich ist. Diese drei Seelen empfinden verschieden und streben nach verschiedenen Zielen; was jede wahrnimmt und erstrebt fällt aber in Eins zusammen: das Gute ־ Tow, das Angenehme Arew, daS Nützliche Mail. Tow, Arew und Mail, verbunden durch die Anfangsbnchstaben ergeben Taam, welches jede Wahrnehmung, die geistige sowohl, wie die sinnliche bedeutet und ganz speziell Verstand heißt. Der Branittwein vereinigt Alles: das Gute, Angenehtue und Nützliche und dient allen drei Seelen. — er ist wirklich Taam und bewirkt die Entwickelung deS Verstandes Taam." — Joel trank immerfort; seine Augen glänzten in unheimkichern Feuer, seine Stimme wurde heiser. — ״Taam," begann er ans'S Nene, ״in umgekehrter Richtung gelesen heißt ״Mcat", d. i. Wenig. — Nicht zu viel trinken; niemals so viel, daß nur ein Weniges zum Zu-Vielen gebricht; denn eS heißt: od mcat ussefnlimi ״nur noch ein Weniges, so tobtet eö mich. — Der Branntwein ist mein Tod, — ist mein Unglück!