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Jeschurun · 1883-08-09 · Heft 32 (9.8.1883) · p. 526

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 32 (9.8.1883)
Article
Deutschland : Bremen [Nachricht]
Date
1883-08-09
Page
526 (sequence 2)
Language
German
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52K trafen die Hcnriei und Stöcker und Trcitschke für ihre! Saat einen minder empfänglichen Acker, eine minder ' unwissende Bevölkerung, ein minder gewissenloses Beamtenthum. Ader ihre Anregung ifl über die deutschen (Grenzen hinansgegangen und hat dort zu Thaten geführt, für welche sie die Mitverantwortlichkeit nicht mehr ablehnen tonnen. Wir glauben nicht zu irren, wenn wir fugen, daß das literarische und gelehrte Antisemitenthnm weit mehr Antheil an diesen Dingen hat als der prattische Fanatismus der betrunkenen russischen Bauern. Zwar haben die Bauern von Tisza-Eszlar keine Ahnung von den christlich-germanischen Argumenten gehabt, mit welchen mau in Berlin und München den alten Racenhaß modern anfzupntzen verstand; aber die Bauern von Tisza-Eszlar Hütten auch allein die ungchenerliche Tragikomödie niemals zu Stande gebracht. Ihre Dummheit war nur der Rohstoff, welchen Künstler ans höheren und intelligenteren Kreisen bearbeitet haben. Und diese letzteren, die eigentlichen schuldigen, standen in nachweisbarem Zusammenhänge mit den deutschen Antisemiten, deren Schriften sie kannten, deren Argumente sie sich aueigneten, denen sie die Möglichkeit vcrdankten, sich, wenn auch mißbränchlichcrweise, ans die Autorität deutscher Wissenschajt zu berufen. Vielleicht würden sie sich im Nothfalle auch nicht geschämt haben, den sonst so verachteten Moskowiter nachznahmcn, der einfach plündert, brennt und todtschlägt, ohne sich um geschichtsphilosophische Gesichtspunkte zu kümmern; sie brauchten sich aber nicht so tief zu erniedrigen; sie hatten ja zur Leite ein durch hohe geistige Bildung berühmtes Volk, das deutsche, mit welchem Arm in Arm zu wandeln doch gewiß nicht barbarisch sein konnte! Die Sicherheit und Dreistigkeit, mit welcher die magyarischeu Antisemiten ihr Spiel getrieben haben, ist aus die tnoralische Unterstützung znrückznfnhren, welche sic bei ihren gebildeten uiib gelehrten deutschen Gesinnungsgenossen fanden nitb auch da nun och zu finden sortsnhren, als bereits die Synagoge von Tisza-ESzlar zu ihrer traurigen Berühmtheit gelangt war, als bereits das übrige Europa, anfangs ungläubig, dann mit steigendem Entsetzen die Fäden des Komplottes erkannte, welches darauf berechnet war, mittelst Hinopfernng einiger Unschuldiger daS Vaud Ungarn für Israeliten unbewohnbar zu machen." h.. Erlangen, 2. August. ״Schachmatt den Blutkügncrn Rohling und Justus" lautet der Titel einer im Verlage von A. Deichert erschienenen Schrift, in welcher Frau; Delitzsch den von Rohling und Justus behaupteten Jnngfrancnmord ad al^unium führt. Wir begrüßen freudig dieses Werkchen dcS berühmten Gelehrten, das sich in würdiger Weise der Reihe von Apologicen anschlicßt, welche in dieser Angelegenheit auf dem Schauplatz der literarischen Welt erschienen sind. Ob aber Rohling und Justus sich ack absur- (111m führen lassen, ob ferner die leider große Anzahl ihrer Gesinnungsgenossen nunmehr von der Niedertracht und Ignoranz derselben überzeugt werden, so daß sie ferner nicht mehr blindlings in verba mag'istrorum schwören, ist mehr als zweifelhaft. Gegen sie ist der Kampf mit der Wissenschaft als Waffe in der Hand ein vergeblicher, da die Wissenschaft nur gegen Wissenschast oder Unwissenheit, nicht aber gegciD'Fanatismus und vorsätzliche Läge erfolgreich anzukämpfen vermag. || Hanau, 3. August. Das schauerliche Drama, welches an den Ufern der Theiß sich abspielte, bringt ähnliche Vorgänge in erneute Erinnerung. So geht durch die Zeitungen'jetzt die folgende Geschichte: ״Zur Zeit Kaiser Friedrich II. war ein Teich kn der Umgebnng Wiens zngcfroren, und 3 junge Leute, welche ihn nnvorsichtigerwcise überschreiten wollten, ertranken darin. Alsbald verbreitete sich das Gerücht, die Inden, deren Osterfest um diese Zeit siel, Hütten die 3 Unglücklichen ermordet. Die Verwandten derselben erhoben die Anklage. Man steckte die Inden ins Gefüngniß und erlangte unter Anwendung der Tortur das Geständniß ihres Verbrechens. 300 Juden wurden lebendig vcrbräunt. Im Frühjahr thante der Teich auf, und man fand darin die Leichen der 3 jungen Leute. Zn spät erkannte man, daß eine unnütze Barbarei so viele Unschuldige von! Leben zürn Tode gebracht." — Dies ist in einer französischen Chronik des Jahres!767 zu lesen. ״Bedars der Bericht eines Kommentars in den Tagen von Tiszla-Eszlar und Nyiregyhaza?" fragt daS ״Frkf. Journal." H Llcgnitz, 2. Angust. Der Tisza - Eszlarcr Prozeß hat den antisemitischen Blättern von Groß bis Klein, von denen der Reichshauptstadt an der Spree bis zu den dem flcincu Veilchen gleich, das im Verborgenen blüht, im engsten ״Familienkreis" seine Stilblnthcn treibenden sogenannten ״Käseblättchen" genugsam Gelegenheit gegeben, sich in vollster Glorie zu zeigen. Auch Liegnitz hat in seiner ״Patriotischen Zeitung" ein solches Pflänzchen, dessen Dasein dem edlen patriotischen Zwecke der Bekämpfung der nnpatriotischen Semiten gewidmet ist, iu deren Adern nicht' das edle gerumnischc Blut fließt, wie in denen des verehrten Herrn Redakteurs des bewußten Blattes. Das Blut dieses Herrn Redakteurs oder eines sicherlich seiner würdigen Herrn Mitarbeiters muß von ganz eigener Konsistenz sein, es muß insbesondere, wenn es ihm zu Kopfe steigt — was ja bei dem Verlaufe des Tisza-ESzlarer Prozesses ganz natürlich ist — eine eigenthümliche Wirkung auf das Zentrum seines Sehvermögens ansüben, indem es ihm die Dinge gerade in der umgekehrten Weise erscheinen läßt, wie sie den übrigen Stcrblichcn erscheinen. — Dem Herrn Redakteur ist es eine sichere Thalsache, daß die Juden Esther Solymosi umge-

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