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Jeschurun · 1883-08-09 · Heft 32 (9.8.1883) · p. 516

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 32 (9.8.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-08-09
Page
516 (sequence 2)
Language
German
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516 ״Bei unS daheim aufm Hof in NeutelSbrunn," erwiderte er gleichfalls flüsternd. ״In Nentclsbrunn? Wie kommt sie denn von WoikerSdorf nach Nentelsbrunn?" ״Sie ist gar nimmer in WoikerSdorf gewesen," fuhr er, womöglich noch leiser fort, ״in der )!acht hat sie gehört, wie der Vater zur Matter gesagt hat, daß 1 er die Kinder in WoikerSdorf wollt' taufen lassen, und da —" Und nun berichtete er in seiner einfachen, aber doch ziemlich weitschweifigen Weise, wie Mirjam ans ihrem väterlichen Hanse entflohen, wie er sie Abends in der Nähe seines Dorfes unvorsichtiger Weise vcrwandet, und wie sie seitdem im Hause seiner Mutter, verweile, wie sie dort lebe und trotz der nichtjüdischen Umgebung die jüdischen Gebote beobachte, und wie er und seine Mutter über sie staune, und wie sie die Blinde pflege und von dieser wie ihre Tochter geliebt werde. Und von dem Schrecken seiner Mutter erzählte er, als Mirjam ihnen gestern inktgetheilt, daß sie sie verlassen müsse, um nach V.... zu gehen, um dort das Passahfest unter Glaubensgenossen znznbringen. Seines eigenen Schreckens erwähnte er nicht, wohl aber, daß er sich erboten habe, Nahet, von der Mirjam mit so vieler Viebc gesprochen, anfznsnchen und sie zu fragen, ob es ihr nicht möglich wäre, das junge Mädchen während der bevorstehenden Feiertage bei sich zu beherbergen; ״aber nur, daß keine Seel' nichts merkt, sonst könnt'S der Vater hören, und da war' halt Alles umsonst." In athemloscr Spannung hatte die junge Frau seinen Mittheilnngcn gelauscht; heiße Thränen waren ihren Augen entströmt, als sie sich die Lage des fliehenden jungen Mädchens vergegenwärtigte, und staunend hatte sie die Hände zusammen geschlagen, als sie der Entbehrungen gedachte, unter denen dasselbe namentlich während der ersten Zeit ihres Aufenthaltes im Dorfe gelitten haben mußte. Gern war sie bereit, der glanbenSmuthigen Freundin ein Asyl zu gewähren, und mit innigen Worten sprach sie dein jungen Manne ihren Dank ans, daß er sie ausgesucht habe. ״Ah," crwiederte der Bauer abwehrend, indem er in seltsam komischer Verlegenheit die Kappe bald in den Händen drehte, bald sie auf's Haupt stülpte, um sie gleich darauf erschrocken wieder herunter zu ziehen, ״von wegen dem ist ja gar nichts zu reden, daö hätt' ich doch schon um der Mutter gethan, denn was die aus die Marie hält — sie ist ihr wie 's Leben. — Aber ist'S denn auch ganz sicher, Frau Mutter, daß keiner die Marie hier nicht sieht?" Rahel versicherte ihn, daß er in dieser Beziehung vollständig unbesorgt sein könne, ״aber wartet einen Augenblick," fügte sie hinzu, ״ich weiß zwar im vorhinein, daß mein guter Mann einverstanden ist, aber ich will ihn doch noch zuvor fragen." Damit eilte sie hinaus, trat jedoch schon nach wenigen Minuten wieder in das Zimmer. ״Na, es ist schon recht, sagt nur Mirjam, sie brauche sich bei uns nicht zu sürchtcn, kein Mensch wird sie hier sehen, und Freitag über acht Tage ist der Nüsttag zum Passahfest, da müsset Ihr sie schon in der Nacht von Donnerstag auf Freitag herführen." ״Ist schon recht," versetzte der Bauer, indem er sich erhob, ״na, b'hüt Ihne Gott, Frau Mutter." Nahet crwiederte seinen freundlichen Gruß und trug ihm nochmals viele Grüße an Mirjan! ans und daß sie sie mit Bestinnntheit Donnerstag Nacht erwarte. Er versprach, alles getreulich zu bestellen, und entfernte sich nach abermaligem Gruße. Nahet sah ihm kopfschüttelnd nach; sein Bericht hatte sie mächtig ergriffen, sie saß an: Tische, hatte den Arm auf den Tisch gestützt und stützte die Stirn mit der Hand, sie sann, in welcher Weise sie den bevorstehenden Aufenthalt bei ihr am sichersten verheiinlichen könne. So traf sie ihr Mann, der eben anö dem Magazin kam, in dem er das Geschäft mit den vorhinanwesenden Käufern abgeschlossen. ״Nahet, mein Kind, was ist? hast du Kopsweh?" fragte er besorgt. Sie beruhigte ihn lächelnd. ״Mir ist gar nichts," sagte sic, ״ich überlege nur, wie wir eS am besten einrichten können." ״Einrichten? was willst du denn einrichten?" ״Nun, daß man nichts davon merkt, ich habe Dir doch gesagt —" ״Ah, sei mir'S mochel, Nahet, mein Kind, aber wenn Du von den: redst, was Du mir vorhin im Gewölb' gesagt hast — weiß Gott, ich Hab' Dich nicht verstanden." ׳״Nicht verstanden?" wiederholte sie verwundert, ״aber ich habe Dich doch gefragt, ob Dir's recht wäre, und ausdrücklich hast Du gesagt, daß cS Dir ganz recht wäre." Er zuckte die Achseln, ״als ob das 'ne Frage sein könnt' — was Dir recht ist, ist das denn mir nicht immer recht?" Sie schlang ihren Arm um seinen Halö und zog ihn neben sich auf's Kanapee. ״Du bist mein lieber guter Mann — aber wenn Dn's vorhin nicht gehört hast, so mußt Du eS jetzt hören, und dann bin ich sicher, daß es Dir doppelt recht ist," und sie berichtete, waS sie von dem Scidter Toni über ihre Freundin vernommen. Und sie hatte abermals recht, dem wackeren Manne war cS mehr als recht, daß Mirjam während des PassahfesteS in seiuenr. Hanse verweilen sollte. (Fortsetzung folgt.)

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