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Jeschurun · 1883-08-02 · Heft 31 (2.8.1883) · p. 496

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 31 (2.8.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-08-02
Page
496 (sequence 2)
Language
German
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496 wollte sic nur in seiner Nähe wissen. — Er wollte sic sehen und ihr freundliches ״Behüt' Euch Gott" hören, bevor er am Morgen an die Arbeit;ן in fl unb wollte fic sehen und ihr herziges ״Grüß' Ellch Gott" hören, wenn er Abends heim vom Felde kam. Er fühlte sich reiner, besser, wenn er sie nur sehen konnte; alle bösen Leidenschaften, die sich ehedem hin unb wieder in seiner Brust geregt, schwicflcn dann. — Warm fühlend und menschenfreundlich war er stets flewcsen. Doch wenn jetzt ein Wanderer an seine Thür pochte und er Marie in der ׳Nähe wähnte, gab er sicher doppelt das, was er sonst gegeben. — Und sein Fähzorn — trotz seiner Gutherzigkeit hatte er ihn ehedem nur allzu oft über׳ mannt und ihn zu gar mancher Ausschreitung verleitet, die er hinterdrein bitter bereut. Und erst in den jüngsten Tagen — er hatte einen Knecht ertappt, der einen Ackergaul schmählich mißhandelt, und als der Bube trotz seines Verweises in seinem sträflichen Mnthwillcn nicht innc gehalten, da hatte der Zorn ihn übermannt und die Axt, die er eben in der Hand hielt, hoch schwingend, war er ans den Thiergnälcr zugeslürzt. — Ein Angstschrei Mirjams, die zufällig gegenwärtig, hatte ihn wieder zur Besinnung gebracht, und vor Scham erglühend hatte er das scharfe Werkzeug von sich geschlendert und dem schreckensbleichen Knecht stotternd angetündigt, daß er sich sofort trollen möge. Zu Mirjam hatte er nicht gewagt, den Blick zu heben. Wohl dankte er ihr in warmen Worten, daß sie ihn von beut Entsetzlichsten zurückgehalten. ״Aber was mußt' von mir denken!" klagte er, ״weil der Kerl das Thier gepeinigt hat, daß ich ihn Hab' todtschlagen gewollt —״ ״Ihr seid so bös und so gut —", entgegnete sie lächelnd. ״Es kommt halt d'rans an, ob du da bist oder nicht;" versetzte er, ״wenn Du da bist, bin ich gut und wenn du nicht da bist, bin ich schlimm." ״Wirst denn aber auch in Wirklichkeit wiederkommen, wenn's Passah vorüber ist'?" fragte er, nachdem seine erste Freude über ihre Zusage sich einigermaßen gelegt hatte. ״Ich habe Euch das Wort gegeben," versetzte sie, ״und was ich verspreche, halte ich." ״Das ist wahr," sagte er. ״aber gut ist gut 1mb besser ist besser. Und wenn Du mir noch schwören möchtest, daß Du ganz gesichert zurückkommst, so möcht' ich Dir sagen, wie wir 's machen könnten — und das möcht' Dich freuen." ״Schwören werd' ich nicht. Wenn ich Euch sage, daß ich wiederkomme, so komme ich. Und Ihr müßt eö glauben, auch ohne daß ich schwöre." ״Na ja, das thu' ich auch — und wenn Du sagst, daß Du wiederkommst, so kommst. Alsdann wegen dem sein wir einig. Aber jetzo möcht' ich Dir waS ander's sagen. Vom Scidlerhof bis V.z ist'S weit. Zwei Tage gebrauchten wir hin zu fahren und zwei zurück, llub wenn ich Tich voran Passah hinbring' und nachher zurückhol', macht mir das netto acht Tage — das ist'n bissel viel." ״Ihr braucht mich nicht hinzubringen und nicht zurückzuholen," enviederte Mirjam mit einem Anslüg von Hochmnth, ״ich kann allein geben uub werde allein wiederkommcn." ״So'? — daS kannst'? — Na, schön ist'S, — aber ich mein’, wenn ich Dich hinbringen thät und abholen, 's war' doch was anders. — Und nun schau,;'was willst nach B.z'? — Du kennst dorten keinen nicht, und Dich kennt eh lein Mensch — hast'S selber gesagt. Aber in P...., wo Ihr gewohnt habt, da kennst 'u Jeden. Und erzählt hast von 'm׳r Freundin, die gleich 's HauS neben Euch gewohnt hat. — Du hast gemeint, sic müßt' schon geheirathet haben. — Wem׳ das keine Planscherin war', mein' ich, Du könnt'st über's Passahsest bei der sein, und daß kein Mensch nichts davon zu wissen braucht. — Meinst ui?" Mirjam war glühend roth geworden, sie antwartete nicht sofort, ihr Herz llopftc hörbar. Der Gedanke, Nahel wiederzttsehen, an der sie mit der Liebe einer Schwester hing, erfüllte sie mit unsäglicher Freude. ״Mir scheint, der Toni hat recht," sagte die Blinde, ״'s wür’ gescheidter, wenn Du die acht Tage bei der Freundin sein möchtest als bei Fremden." ״Freilich, freilich," erwiederte Mirjam hastig, ״und- Nahel wird mich gern ausuehmeu, das weiß ich sicher. Aber wenn ich nur wüßte, ob es sein könnte, daß keiner davon erfährt. — Wollersdorf ist nicht gar weit und mein Vater. — Nahel's Manu darf's schon wissen, der ist brav —, aber ob sonst feiner im Hause ist?" ״ ״Das sollst bald wisten, morgen ist Sonntag, da versäum’ ich nichts, da fahr ich hinunter nach P...., und ich werd' die Nahel schon finden und mit ihr reden." ״Ein Blick innigen Dankes aus Mirjam'S sreudestrahlenden Augen lohnte ihn überreich. Der schlaue'Bauer verband mit seinem Vorschläge eine doppelte Absicht. Einerseits war cs ihm in Wirklichfeit um die Zeit; denn daß er-das junge Mädchen um keinen Preis allein nach B .. ..; hätte wandern lassen, das stand fest bei ihm. Andererseits besorgte er auch, daß sie in dem fernen B . . ..; sich vollkommen sicher fühlend, von Glatibeusgeuossen gar bald überredet werden könnte, für die Dauer dort zu verweilen, was er in dem nahen P...., wo sie nur heimlich sich aufhalten konnte, weniger befürchten zu müssen glaubte. (g. f.)

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