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Jeschurun · 1883-07-26 · Heft 30 (26.7.1883) · p. 487

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 30 (26.7.1883)
Article
Rußland : Petersburg [Nachricht]
Date
1883-07-26
Page
487 (sequence 2)
Language
German
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487 Deputationen ebenfalls vertreten zu sein. Ihre Maje- (täten nahnien die Huldigung der Inden ebenfalls gnädig auf; ebenso auch die werlhvolleu Geschenke, welche sie dem Hcrrscherpaare widmeten. * Wilna, 17. 3111t. Der ״Nußli Iewrei" schreibt, daß der neue Bischof von Wilna -H ry niewiecki seinen Amtsantritt damit begonnen hat, daß er allen Juden, welche Micthwohniiiigen in den zum römisch - katholischen K ousislorinm gehörigen Häusern iuue hatten, das Dnartier kündigte, und da die römischkatholischen Hausbesitzer slngS dem Beispiele ihres Ober Hirten folgten, so wird bald der größte Thcil der Wilnaer Inden auf der Straße sitzen. Gegen die private Boreingenvmmeuhcit des -Herrn Bischofs gegen die Inden läßt sich vom rechtlichen Standpunkte ans nichts einwenden, es ist das eben Geschmackssache, aber die bischösliche Bestätigung dcs Nassenhasses stimmt jedenfalls wenig mit den friedenSseligen Worten zusammen, mit denen der Bischof am Altar gelobte, weiter nichts sein zu wollen, alS ein friedliebender Diener der .Kirche... Ein bcmerkenswerthes Gegenstück zu dem katholischen Bischof hat vor einigen Tagen ein griechisch-orthodoxer Geistlicher gegeben, und zwar der wegen seiner außerordentlichen Beredtsamkeit bekannte Metropolit von Kiew, Platon, welcher im Kiew'scheii Gonveruemcnt in dem Flecken Boguslaw eine Rede gegen Nassen- und Narionalilätenhaß gehalten, woraufhin ihm die Bognslawer Inden durch Ueberreichnng von Salz und Brod geantwortet. ÜS ist ausfällig, daß ein Diener der gewiß nicht dnldsamen rechtgläubigen Kirche, welche an einem Tage des Jahres ja alle Andersgläubigen össenttich verfluchen läßt, so handelt, wie der berühmte Metropolit von Kiew. Ein jüdischtr Tiiuikcnbold. Bon N'aphtali Simon, ill. ״Wo finde ich einen Werlführer?" cntgegnete diese. ״Wir haben uns so eben ernähren können; aber um einen Werkführcr lohnen zu können, ist das ׳Geschäft zu gering." ״Wenn Ihr zu mir Vertrauen habt, so will ich cö übernehmen," meinte Joel, ״Ihr braucht mir keinen größeren Wochenlohn zu geben, als bisher." Damit war die Sache erledigt. Das Geschäft blieb im ungestörten Gange, die Einkünfte waren nicht geringer geworden, dank des unermüdlichen Eifers der gewissenhaften Leitung, der Uneigenuützigkeit des jübi(d)en Gesellen. Als die Wittwe nach Ablauf eines Jahres die Traucrgcwänder abgelegt hatte, tauchte in ihr der Gedanke auf, wie es werden sollte, wenn Joel sie verlassen würde? Es wäre ganz unmöglich, an seiner Stelle einen anderen gleich treuen Gchnlscn für so geringen Lohn zu erhalten. Je länger sic sich mit dieser Erwägung beschäftigte, desto überzeugter wurde sie von der Unentbehrlichkeit ihres Werkführers, und j sie sann ans ein Mittel, um ihn dauernd zu fesseln, i — Es ward ihr nicht schwer, ein solches zu finden, j Joel war ein ganz stattlicher Mann, und sie sah auch! ganz frisch und blühend ans — warum sollte der; Werkführer nicht Meister werden und so ganz den! seligen Unvergeßlichen ersetzen? — Konnte es eine j bessere Lösung der schwierigen Frage geben? j Und Hochwald? Würde er nicht freudig Ja und Amen sagen? Er, der arme, jüdische Geselle, setzte sich dann in ein bestehendes (Geschäft und einen gut eingerichteten Haushalt als ehrsamer Schneideramtsmeister ein und heirathele außerdem ein tüchtiges, schmuckes Weib! Eine solche Aussicht sei schon die Taufe wenh, meinte sie zuversichtlich. Aber Joel war außerordentlich schwerfälligen Geistes; er hatte gar lein Verständnis; für die Andeutungen und Winke, welche die Frau Meisterin ihm zukommen ließ. Sie sah sich deshalb veranlaßt, ihrem schüchternen Werkführcr ganz offen den gehegten ZuknustSplan mitzutIjeiten. Dieser war anfangs so überrascht, daß er im Augenblicke nicht die entsprechende Antwort finden konnte. Er faßte sich jedoch bald und erwiderte: ״Ich danke Euch, Meisterin, für die Ehre, die Ihr mir bezeigt. Ihr seid eine geschickte .Hausfrau und gute Mutter Eurer Kinder und wäret Eurem verstorbenen Manne ein treues Eheweib; aber was Euren Vorschlag anbetrifft, so will ich Euch das Folgende erwidern. Ein Weiser unseres Volks richtete einst an seinen Genossen die Frage: weißt Du, tveshalb das neugeborene Knäblein, sonne es zur Wett kommt, den Blick zur Erde richtet, während das Mägdlein alsbald zur Mutter ansschaut? Ich will es Dir sagen, fuhr er fort, als dieser keine Antwort hatte, der Leib des ersten Mannes ist dem Erdboden entnommen, darum betrachtet jeder neue Mann zuerst den Stofs, dem sein Körper verwandt ist; — das erste Weib aber ist ans dem Menschenleib selber gewoben, da der Herr dem Adam eine Seite entnahm; jedes nengeschassenc Weib erspähet deshalb alsogleich den Ursprung seines Körpers. So lieg! cs schon in der Natur eines jeglichen Menschen, des Mannes sowohl nne des Weibes, sich seiner Abstammung zu erinnern, und wie Alles für seine Art geschaffen ist — der Baum, der Vogel, der Fisch, das Thier — also auch der Mensch." Forlsktzung folgt.)

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