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Jeschurun · 1883-07-26 · Heft 30 (26.7.1883) · p. 476

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 30 (26.7.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-07-26
Page
476 (sequence 2)
Language
German
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476 ״Wenn 3()1'^ mir schauen könntet, Mutter, wie'S > jetzo alles wieder ist. Allenthalben sauber und so — | so — so — ich weiß nicht, wie ich's heißen soll — I grad so wie'S früher war — als Ihr auch nach Allem j!ungeschaut habt. — iUian könnt' ineinen, seit die! Marie herum geht, hättet Ihr Euer Augenlicht wieder." Die Alte nickte lächelnd mit dem *topfe. ״Ja, ja, die Marie ist halt 'n braves Mäderl." ״Ob's brav ist," ftiiiniiic der Toni bei, ״keine solche gicbt's nimmer im ganzen Dorf." ״Glaub's selber — ja, 's war' halt alles schön und gut, wenn nur — " Was sie in Gedanken hinznfüglc, erfuhr der Toni nicht, — ob er's errat Heu'? — Ter Winter neigte sich zu Ende, der Frühling nahte. Der Schnee zerschmolz, überall sproßte und keimte cs, die Natur schien neu verjüngt ans langem Schlafe zu erwachen. Warm und milde schien die Sonne, tind draußen im Walde hielten die gefiederten Sänger jnbilirend ihren Einzug, Amsel, Drossel, Fink und Staar und die ganze Bogclschaar. Mirjam war noch imitier im Seidlerhof; aber öfter als sonst konnte inan jetzt, wenn sic von den Knechten und Mägden nicht überrascht zu werden fürchtete, den kleinen jüdischen Kalender in ihren Händen sehen. Sie schien ihn fleißig zu suidiren, sie rechnete nnb rechnete, sic sann und sann, denn das Passahfest rückte immer näher und dsises wollte sic um keinen Preis im Bauernhof verbringen. Ihr 'Entschluß in dieser Beziehung war freilich längst gefaßt, daS, was sic gleich im Anfänge ihrer Flucht beabsichtigt hatte, mtlßte sie jetzt ansführcn. Die Wunden an ihren! Fuße waren längst geheilt; cs war nun Zeit, ihre gleich anfangs beabsichtigte Wanderung nach B.. z fortznsetzen. Aber es ward ihr nicht leicht, diesen Entschluß den freundlichen Venteu, bei denen sie den Winter verbracht, und die sich so überaus liebevoll gegen sie zeigten, n!itzutheilen. ״Kommt, lasset nnS ein wenig hinaus in die Felder gehen, 's ist draußen so warm und die Luft thnt euch wohl." - Die alte Seidler war rasch bereit, sie schritt so gerne am Arm des jungen Mädchens im warmen Sonnenschein dahin, und wenn Mirjam ihr von Allem sprach, was sie sah und was sic empfand, dann war cS der Blinden oft, als habe sic selber eS gesehen, und sie empfand in Wirklichkeit ihre Blindheit weit weniger als zuvor. ״WaS Du für '11 herziges Mäderl bist," sprach sic, indem sie den Arm des jungen Mädchens fester an sich rückte, ״wenn ich Dich nicht hätte, ich wüßte wahrhastig nicht, waö ich thäte." Mirjam nuterdrücktc einen Seufzer; die ansrichtige Zuneigung der Alten that ihr unendlich wohl, aber sie!rar so eben im Begriff gewesen, ihr mitzuthcilen, daß sie sie demnächst verlassen müsse. ״Aber was hast nur, Marie?" fragte die Bäuerin, die mit der den meisten Blinden scharfen BeobachtuugSgäbe an dem rascheren Athmen des jungen Mädchens ihre momentane GemüthSstimmnng erkannte. ״Nichts habe ich," versetzte Mirjam, ״außer daß ich auch gar so gern bei Euch bin — und daß eS mir deßwegen auch gar so leid ist, daß ich nun doch fort muß." ״Geh, Kind, was redest denn da schon wieder von Fortgehen, daS kann Dir doch nicht Ernst sein." ״Doch, doch, cs ist mir Ernst. In vierzehn Tagen haben wir das Passahsest, da könnte ich gar nichts bei Euch essen, nicht cinnial Vrod." ״Ncd'st im Ernst?" rief die Alte, erschreckt stehen bleibend und ihre lichtlosen Augen schienen ans ihren Höhlungen zu treten. ״Am Passah könntest Du nicht 'nial Brod bei nnS essen?" ״sticht das kleinste Stückchen," bethenertc Mirjam, ״nun da seht Ihr's doch selber ein, daß ich fort muß." Die Alte fühlte sich plötzlich schwach, Mirjam ließ sich mit ihr auf einen nmgehanenen Baumstamm nieder. ״Freilich, freilich — wenn'S so ist, dann mußt fort. — Hungern, daS geht nicht. — Aber, Marie,״ fuhr sic tief seufzend fort, ״glaub' Du mir, wenn Du fort bist, da bin ich auch nicht lange!nchr da — das muß ja sein, als möcht' ich znm andern Mal blind werden — daS halt' ich nimmer an-3." ״Redet nicht so," bat Mirjam, mit Mühe die anfsleigenden Thränen znrückdrängend, ״die Kati wird Euch bedielten und die Liesbeth ist doch auch da und—" ״Ach geh, geh — die Kati und die LieSbeth — Du weißt'S besser als ich, was das für welche sind — und ist'S denn nur uni'S Bedienen? — nein, wenn Du fortgehst —" ״Wer redet von Fortgehen?" rief der Toni, der eben auf sie zntrat und die letzten Worte seiner Mutter vernommen hatte. Die Alte theilte ihm seufzend mit, um was cS sich handelte; der junge Mann verfärbte sich. ״Daraus wird nichts," rief er heftig, ״meinst, ich möcht' Dich fortlassen, daß mir die Mutter vor Bangigkeit nach Dir umkommen thät'." ״WaS rcd'st für Dummheiten," verwies ihn die Alte, ״zwingen kannst die Marie nicht, wenn sie selber nicht will." — ״Ich möchte ja gern bei Euch bleiben," siel Mirjam ein, ״aber das Passahsest —" ״Ach was! Passah hin, Passah her, vom Stückcrl l Brod ist noch Keiner nicht gestorben." (Forts, folgt.)

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