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Jeschurun · 1883-07-12 · Heft 28 (12.7.1883) · p. 440

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 28 (12.7.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-07-12
Page
440 (sequence 2)
Language
German
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440 fühlt und wie man athmct und wie das Her; auSsicht und wie die Augen und —" 31״nu;c, Oungc, Du gerät Hst in Extase," lachte der Baron, der sich über die Erregtheit des wißbegierigen Kindes herzlich amüsirtc. ״Aber ich gebe Dir mein Wort, wenn Du immer brav und fleißig bist, jo lasse ich Dich Medizin smdircn und dann kannst Du ein tüchtiger Arzt werden oder gar ein Professor. WillnDn?" ״Ich werde sicher immer brav und fleißig sein," bethcuerte der Knabe leuchtenden Blickes. ״DaS glaube ich selbst, liebes Kind," erwiderte der Schloßhcrr. ״Aber mm wird cS Zeit, das; Du Dich auf den Heimweg machst, Kleiner, cs könnte Dir zu dunkel werden. Aber Du mußt recht bald wieder kommen, liebes Kind, mußt mich überhaupt fleißig besuchen. Willst Du?" ״Wenn ich darf, — ich möchte gern." ״Nun, so bitte nur den Vater, er wird cS Dir gewiß erlauben. Kannst ihm erzählen, daß ich Dich sehe lieb habe und.Dich Medizin studiren lassen will, und daß Du dann mein Leibarzt werden sollst," fügte er lachend hinzu. Jakob drückte einen innigen Kuß auf die Hand seines vornehmen Freundes, zog auch die des Geistlichen an seine Lippen, dann verließ er mir dem ihm angeborenen hübschen Anstand das Gemach; Baron Woikersdorf blickte ihm wohlwollend nach. ״Das ist ein prächtiger kleiner Bursch," sagte er, ״und bin ich fest entschlossen, für seine Zutnnft zu sorgen." ״Herr Baron sind so überaus menschenfreundlich," bemerkte der Kaplan. ״Ja. eS macht mir in der That Freude, Menschen wohl zu thun," erwiderte der Baron, ״namentlich!venu es sich wie hier darum handelt, uuscrm heiligen Glauben eine Seele׳ zu gewinnen. Und Sie werden sehen, Hochwürdcn, die Gewissensskrupel des Kleinen werden rascher schwinden, als Sie vermutheu. Sorgen Sie nur, daß der Schulmeister zur Naison kommt. Sie können ihm mittheilen, daß ich den Kleinen unter meinen speziellen Schutz genommen." ״Das wird genügen, ihn für immer zu schützen," versetzte der Kaplan. ״Glaub'S selbst. Sie werden sehen, Hochwürden, wir werden noch Freude an dem Bürschchen erleben. Wie macht sich denn sein Bruder? ist er älter oder jünger als unser Jakob?" ״Jünger, Herr Baron,, um nahezu drei Jahre. Aber daS ist ein sanstcS, gefügiges Kind, der macht mir keine Sorge." Jakob schritt indessen guten MuthcS den Schloßberg hinunter. Er achtete nicht des TobcnS der Elemente, gegen die der zarte Knabe doch mir aller Macht anzukämpfen hatte; er sang mit seiner Hellen Kinderstimmc ein munteres Jägerlied, das durch das Heulen des Windes freilich übertönt wurde, doch was kümmerte daS ihn? — Die Freundlichkeit des Barons hatte ihn überglücklich gemacht, dessen Versprechen, ihn vor den Mißhandlungen des Schulmeisters zu schützen und ihn, wenn er fleißig sein werde, studireu zu lassen — es war die erste heitere Stunde seit den! Tode seiner Mutter. WaS nur der Vater sagen würde? — ob es ihn freuen würde? — und die alte Lcah? — Es war in den ersten Tagen des Dezembers; fußhoher Schnee deckte Wiesen und Felder und mit blendender Helle fielen die schrägen Strahlen der Wintersonne auf die weiße Oberfläche der Erde. In dem großen Zimmer im Seidlerhof, in dem die alte Bäuerin sich anfzuhalten pflegte, war es trotz der strengen Kälte draußen recht traulich und warm; in dem großen Kachelofen brannte ein Helles Feuer, der Ofen sprühte vor Gluth, denn die Alte, die fast beständig im Sessel lehnte, fröstelte leicht, und der Toni war ein guter Sohn, er trug selbst die mächtigen Holzblöcke herbei, damit die Mutter cS warm habe. Auch Mirjam befand sich noch immer im Seidler- Hof; sie hatte ihn noch nicht verlassen können, denn erst i!t den jüngsten Tagen schienen die Wunden an ihrem Fuße sich zur Heilung anznschicken. Seit vier Monaten lebte sie nun unter 'Nichts.!den; trotzdem hatte sie noch nicht ein einziges der speziell jüdischen Gebote übertreten, und die Achtung ihrer freundlichen Wirthe hatte sie sich eben dadurch in so hohem Grade errungen. Die Knechte und Mägde freilich hatten noch keine Ahnung von ihrer Nationalität, sic sahen zwar, daß sie sich ihre einfachen Speisen ans einer Spiritus- Maschine, die der Toni ihr aus der Stadt gebracht, selbst bereitete, nahmen cs jedoch für baare Münze, was die kluge Alte wie spöttelnd über sic äußerte, daß daS ״städtische Freilen" ihre derbe Baucrnkost verschmähe. Der Toni hatte ihr auch daS Schreiben ihrer Mutter und den von ihr verlangten jüdischen Kalender übcrbracht, und seitdem uw Mirjam stets heiter und sorglos, lieber das Befinden ihrer Mutter konnte sic hierdurch vollständig beruhigt sein, und die langsame Heilung ihrer Wunden kümmerte sie wenig, im Besitz des Kalenders war sie leicht im Stande, die vorgeschriebenen Hcrbslfeiertage zu halten. (Fortsetzung folgt.)

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