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Jeschurun · 1883-07-05 · Heft 27 (5.7.1883) · p. 424

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 27 (5.7.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-07-05
Page
424 (sequence 2)
Language
German
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424 ״freilich, eben so wenig als erkaufen," stimmte der Tchloßherr bei, ״und eben deshalb finde ich das Berfahren des Lehrers doppelt und dreifach verdammenSwerth." ״Herr Baron Der alte Herr zuckte die Achseln. ״Ich kann Ihnen nicht helfen, Hochwürden; eS ist so, wie id) Ihnen sage. Was wollen wir dem! bezwecken? Doch einzig und allein, daß unser junger Konvertit nicht nur dem Namen nach zn unserer heiligen Kirche sich bekennt, sondern daß er auch mit Her; und Seele von der Unfehlbarkeit ihrer Lehren durchdrungen ist. Nun liegt es aber tief in der menschlichen Natur begründet, daß Dasjenige, wofür wir leiden, uns doppelt thener wird, uns wahr und hehr erscheint, während Dasjenige, wozu wir gedrängt werden, wofür wir sogar Gewinn erzielen könnten., verächtlich erscheint und nicht selten gerade die Bessern abstößt. Jene blutdürstigen Hunde, die unsere ältesten Glanbensbrüder als Märtyrer enden ließen, haben ungleich mehr. zur Befestigung unseres Glaubens gewirkt, als jene frommen Veranstalter der Autodaf׳׳eS, die, so berechtigt in gewisser Beziehung ihr Vorgehen, doch nur einem Luther und Calvin die Wege bahnten. — Ich muß daher nochmals mit aller Entschiedenheit darauf dringen, daß der .Knabe wegen seiner Gewissensskrnpel nicht weiter behelligt wird.. Lassen Die ihn in dieser Beziehung nur ruhig gewähren, lehren Die ihn in Liebe und Danflmnth unfern heiligen Glauben kennen, und alle jene NeminiScenzen an seinen ehemaligen Kctzerglanbcn werden mit der Zeit von selbst schwinden." ״Wenn Herr Baron so befehlen —" ״Gewiß, gewiß, ich wünsche es so. — Ans welche Zeit haben Die den Kleinen herbestellt, Hochwürden'?" ״Er wird vermuthlich gleich und) Beendigung deS Unterrichtes seinem edlen Beschützer sich vorstellen — wenn nicht etwa angeborene Schüchternheit ihn zurückhält." ״Wird der Vater mit ihm kommen?" ״Das ist mehr als ich zu bestimmen vermöchte. Herr Baron haben allerdings nur von dein Kinde gesprochen, — doch eS wäre immerhin nicht unmöglich —" Der Kaplan ward unterbrochen, der Kammerdiener des BaronS trat in's Zimmer und meldete, daß ein kleiner Knabe nach dem Herrn Baron verlange. ״Das wird er sein," rief der Baron, ״führe ihn herein, Jean." Wenige Minuten darauf trat der kleine Ehrntann an der Hand des Kammerdieners in das Zimmer. Die Kappe in der Hand, den Blick zu Boden gesenkt, blieb er schüchtern an der Thür stehen. ״Sei willkommen, lieber Kleiner!" rief der Schloß- Herr ihm freundlich entgegen, ״komm doch näher, — noch näher, liebes Kind. Du siehst, meine Füße sind krank, sonst würde ick) Dir gern entgegen kommen." Schüchtern kaut der Knabe näher und wohlwollend lächelnd ruhte der Blick des srendlichen Mannes auf ihm. Jakob Ehrmann war ein schöner Knabe, seine Figur zart und schlank, sein Angesicht zwar etwas bleich, aber mit feine!!,!!tan könnte sagen aristokratischen Zügen glich ausfallend seiner verstorbenen Mutter, ebenso wie der Ausdruck derselben, eine Mischnng von Sanstmnth und Festigkeit. Aber die dnnkelglühenden Fenerangen konnten in Momenten der Erregung Blitze schlendern, und daS schwarze, glänzende, wcichgelockte Haar umrahmte eine hohe, gewölbte Stirn, die den Denker verrieth. ״Wie heißt Du, lieber Kleiner?" fragte der Baron nach kurzer Panse. ״Jakob Ehrmann," erwiderte der Gefragte, indem er langsam den Blick hob. ״Christoph Ehrmann," fiel der Geistliche verbessernd ein. Der Knabe preßte die Lippen zusammen und athmete hastig, der Baron warf dem Geistlichen einen mißbilligenden Blick zu. ״Jakob ist and) ein schöner Name und finde ich eS durchaus nicht unerläßlich, sich beständig beim Tauf-!!amen rufen zu lassen. Id) z. B. habe bei der Taufe die ׳Namen Paul Friedrich August erhalten, aber!!!eine Mutter hat mich stets Fritz genannt, und darum lasse ich mid) auch heute noch von meinen alten Kameraden an! liebsten Fritze rufen. — Also, mein lieber Jakob, wie geht eS Dir in der Schule?" ״Gut," flüsterte der Knabe, indem er von Neuem den Blick senkte. ״Gut?" wiederholte der Baron, ״ist der Lehrer recht freundlich gegen Did)? — schlägt Dich nie?" ״O doch, er schlägt mich häufig." ״Do? er schlägt Did) oft? da bist Du wohl häufig recht schlimm?" ״Nein, id) bin nicht sd)limm," flüsterte der Knabe, heftig den Kopf schüttelnd. ״Aber wenn Du nicht schlimm wärst, warum würde Dich denn der Lehrer sd)lagen?" ״Weil id) am Samstag nid)t schreiben!vill." ״Am Samstag willst Du niccht schreiben? ja, warum denn nid)t?" Der Kleine zögerte einige Augenblicke, seine Lippen bebten. ״Weil id) es meiner sterbenden Mutter versprachen habe, nie am Samstag zu schreiben," erwiderte er endlich leise. Fortsetzung folgt.)

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