Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1883)
- Article
- Salomonische Spruchweisheit
- Date
- 1883-07-05
- Page
- 420 (sequence 2)
- Language
- German
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420 ward euch beides nur mit Bewußtsein die Weisheit des GottcsgcsetzcS euch anzucignen und mit freiem Willensvorsatz das Gottesgcsctz zu erfüllen, das in allen übrigen Wesen unbcnmßt und unfrei sich vollzieht. Verstand und Vernunft haben nicht das Ziel, eine uns beliebige Wahrheit zu schaffen, ein uns beliebiges (Gesetz zu setzen. Die Begriffe Verstand und Vernunft selbst sagen schon, daß die Wahrheit ein außer ihnen Liegendes, ein Gegebenes sei, das von ttns ״verstanden" lind ״vcrnontmen" werden will. Darum hat uns Gott die Hallen seiner Lehr- und Gesetzesweisheit gestiftet, zu deren Pforten wir Tag für Tag wallen sollen, um uns die Gottesweisung für unser Tagewerk zu holen. Nur dort quillt uns das Leben, nur üoit dort ans blüht uns das Wohlwollen Gottes. Wer diese Richtung verfehlt, versündigt sich an sich selbst, und umarmt den Tod in dem Augenblicke, in welchem er das Leben zu umarmen Wähnt. i iZor!sel>ung folgt. ׳ Die pfitnd Mt MenfriM in Rnlilimd. Wir haben kürzlich in einer Reihe von Artikeln eine aktenmäßige Darstellung der jüdischen Zustände in Rußland gegeben, welche dem uinfangrcichcn Werke eines ansgezeichneten russischen Rechtsgclehrten entnommcn war. Wir glauben, daß jeder Vorurtheilsfreie ans derselben die Ucbcrzengnng von der Grundlosigkeit der vielen Anschuldigungen und Verdächtigungen, die nicht nur zur Beschönigung des Druckes und der Beschränkung, unter welchen die Juden im großen Aarenreich seufzen, sondern auch zur Erklärung und Rechtfertigung der entsetzlichen Ausschreitungen der letzten Jahre dienen sollten, gewinnen kann. Wir freuen uns, daß diese objektive Schilderung nenerdings eine Aestätigung von einer Seite gefunden hat, deren Unparteilichkcit und Urtheilsfähigkcit unantastbar sind. Kein Geringerer als der Fürst Demidow San Donato, welcher von dein Kaiser in die mit der Bcrathung über die Judcnfrage beauftragte Kommission berufen ist und während einer langen Reihe von Jahren das Amt eines Stadt-Oberhaupts von Kiew bekleidete, ist die Autorität, die sich kürzlich in einem Memorandum an die Mitglieder der ״Judcukommission" in dem gleichen Sinne ausgesprochen hat. In einer Korrespondenz ans Petersburg (siche Nr. 24) haben wir bereits in Kürze hiervon berichtet. Der ״Nowosti" veröffentlicht dieses bedeutsame Memoire, welches wir hier in der Uebcrsetzuug der ״N. fr. Pr." wicdcrgcben. Fürst Dcmidow spricht sich in klaren Worten dahin aus, daß die große Armnth der russischen Juden die Folge der unnatürlichen Bcgrenztlng ihres Wohnrechts auf wenige Gouvernements sei. Eine Aufhebung der Domizilbeschränkuug würde nicht nur den Juden, sondern auch gerade den jetzt den Juden verschlossenen Landestheilcn, welchen cs an geeigneten Vermittlern für die Verwerthung ihrer Produkte fehlt, zu Gute kounnen und für das ganze Reich von den heilsamsten Folgen sein. Er behauptet, daß in diesen den Juden bis jetzt unzugänglichen Provinzen Wucher und Aussaugung der ärmeren Bevölkerung nichts weniger als unbekannt seien und deshalb erscheint die Anschuldigung in dieser Richtung speziell und ausschließlich gegen die Juden gerichtet als eine Ungerechtigkeit. Ebenso widerlegt er die Behauptung von der Untauglichkeit der Juden zum Ackerbau und Handwerk und gelaugt zu dem Schlüsse, daß die vollste bürgerliche Gleichstellung und das Freizügigkeitsrecht den Juden gewährt werden müssen. Das Schriststück lautet: ״Die antisemitische Bewegung bei uns setzte die sogenannte Judcnfrage auf die Tagesordnung. Und schon gegenwärtig, nach Ernennung des Präsidenten der Kommission in dieser Frage, darf man hoffen, daß sie endlich eine Richtung erhält, welche sich in der Veseitigung aller anorutalcn sozial-ökonomischen Bediugungcn, die das Wesen der Frage bilden, äußern innß. Was die Vage der Juden in Rußland besonders auszeichnet, ist ihre Fesselung an die Scholle. Demzufolge ist fast die ganze drei Millioueu starke jüdische Bevölkerung in den nord- und südöstlichen Gouvernements kouzeutrirt. Eine derartige Anhäufung aus verhältnißmäßig kleinem Raunt und die sich daraus ergebende übermäßige Konkurrenz bei Erlangung der uöthigen Episteuzinittel bedingen die aussichtslose Lage der Juden und uöthigen sie, bei der Wahl des Erwerbs nicht eben wählerisch zu sein. Allgemein bekannt sind die große Armnth und die elende Lage der großen Masse unter den Juden und die dadurch, bedingten ökonomischen Erscheinungen, über welche wir in Erstaunen geratheu. Alle Repressiv-Maßnahmen im Kampfe gegen dieses liebet werden nutzlos bleiben; nur durch gleichzeitige radikale Reformen zum Nutzen sowohl der Expkoitirtcn als der Ausbcuteuden kann eine Besserung . herbeigeführt werden. Die Verbreitung von Bildung, die Organisation des bäuerlichen Kredits, Verringerung der Abgaben und Steuern, die Beseitigung der künstlichen Schranken, welche den Inden die freie Wahl einer Beschäftigung verbieten — das sind wirksame Maßnahmen im Kampfe gegen das erwähnte Nebel. Durch die Aufhebung der Domizil-Beschränkungen und kraft des politisch-ökonomischen Grundsatzes von Nachfrage 1mb Angebot werden die gegenwärtig beobachteten anormalen Verhältnisse schwinden, und umsomehr, als die bestehenden Domizil-Beschränkungen für die Inden die ihnen verschlossenen Gouvernements keines-