Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1883)
- Article
- Ein jüdischer Trunkenbold [Nachricht]
- Date
- 1883-06-28
- Page
- 415 (sequence 2)
- Language
- German
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häufig der Borwurf gemacht wordeu ist, eigeutlich das Bollbürgcrrccht nicht zu verdienen,!veil es mir nicht vergönnt gewesen, im Trinken gleichen Schritt zu halten. In jungen Jahren habe ich diesen Mangel tief und schmerzlich empfunden und mir auch einmal ernstlich Mühe gegeben, den thalsächlichen Beweis der Grundlosigkeit der erhobenen Anklage zu liefern. Ich bin aber leider dabei schmählich gefahren. Trotz aller Anstrengungen war cs mir nicht möglich, es weiter als bis zum ersten Grade — bis zur crapula — zu bringen, welcher allerdings schon bei dem dritten Glase Bier eintrat. Dann streckte ich das Gewehr und ergab mich auf Gnade und Ungnade dem Spotte und Hohne meiner stolzen Kommilitonen, ohne weiter auf den zweiten Grad, — die ebrietas, — hinzuarbeiten. In dem niederschmetternden Gefühle des Unterliegens, und in dem beschämenden Bewußtsein meiner Inferiorität schwand auch bald der glücklich erreichte Grad der crajmla, und ich hatte Besinnung genug, um höchstgelehrte Studien über die Ursache niciner Niederlage anzustellen. Ich war zu der Einsicht gekomntcn, daß meine Widersacher recht hatten, und daß die Juden von der allgütigen Schöpfung in der That stiefmütterlich bedacht worden wären — Ich hatte aus den Kollegien bereits so viel gelernt, um zu wissen, daß der Durst die Veranlassung zum Trinken ist, indem er in uns die Begierde nach flüssigen Stoffen erregt. Ich wußte ferner, daß die Schleimhäute des Gaumens, der Znngcnwnrzcl und des Schlundes der Sitz des DnrsteS sind. Ich gelangte deshalb zu der Annahnte, daß diese Schleimhäute bei den Inden nicht so zart sein müßten, wie bei anderen Sterblichen. Da aber mir ferner nicht unbekannt war, daß durch anhaltende Uebung der Organismus des JndividuuutS nicht nur, sondern der Art überhaupt veredelt werden kann, so raffte ich mich in jener trüben Stunde zu dem Entschlusse auf, die Vervollkommnung der Schleimhäute an den jüdischen Mitndhöhlcn zum ernsten Ziele!nciucS Strebcns zu machen. Wenn es mir denn auch nicht vergönnt sein sollte, — meine Urenkel, oder doch die Urenkel meiner Urenkel, sollten als vollkommene Geschöpfe in der edlen Kunst der Vertilgung von Gersten- und Tranbensaft Niemandem nachstchcn! — Doch — ich will cs nur gestehen — diesem Ideale, welches meiner Seele darnals vorschwcbte, — ich bin ihm ungetreu geworden, jene glühende Begeisterung ist schnell verrauscht, jene jugendliche Schwärincrei hat bald nüchternen Erwägungen Platz gemacht, so daß meine Söhne und Enkel eben solche Stüniper geworden sind, wie ihr Vater und Großvater cs Zeitlebens geblieben. — ES läßt sich nicht hinwcgleugncn — die Juden sind nun einmal keine Trinker; wir müssen diese nackte Thatsache kritiklos anerkennen. Nicht als ob cS nicht hin und wieder vorkäme, daß einzelne Individuen des semitischen Stammes in Folge besonderer Ereignisse und Peraulassungcn ausnahmsweise sich in dem Zustande befinden, welchen man geineiniglich als den ״seligen" bezeichnet; — aber jene ächte, wahre Virtuosität des Zechens um des Zechens nullen ist ihnen verschlossen. In meinem an Erfahrungen mancherlei Art reichen Leben, welches mich mit den verschiedensten Ständen und Kreisen in ununterbrochenem, lebhaftem Kontakt gebracht, habe ich nur einen einzigen jüdischen Trunkenbold kennen gelernt, der den Branntwein liebte um zu trinken und alle zwei bis drei Wochen ein Mal in dem zweiten Grade der Trunkenheit exzcllirte, sonst aber fast täglich sich an der mipula ein Genüge sein ließ. Mir ist diese Bekanntschaft eine höchst werthvolle und lehrreiche gewesen. Durch sie habe ich die veredelnde sittigende Kraft des Judcnthnms im hellsten Lichte erkannt. Wenn ich meines Freundes Joel Hochwald gedenke, welcher längst zur ewigen Seligkeit eingcgangen ist, so fällt mir stets die Erklärung zu dem Namen des Erstgeborenen Jakob's ein, ״Neuben," d. h. seht nieinen Sohn und vergleicht ihn mit Esan, daniit ihr den Unterschied zwischen beiden erkennet. So habe ich den jüdischen Trunkenbold Joel Hochwald neben andere Personen gestellt, welche gleich ihm zu der Klasse der Gewohnheitssäufer zählen, und die verschiedene Wirkung, welche das gleiche Laster auf verschiedene Naturen ansnbt, kennen gelernt. Joel und ich sind Nachbarskindcr gewesen; er war allerdings um einige Jahre älter als ich, aber wir haben trotzdem innige Freundschaft gehalten. Er unterwies!nich in manchen höchst nützlichen Künsten, als da sind: das Schnitzen von sehr praktischen Hamanklopsern, das Gießen von Trendelchen, das Flechten von Lulowblüttern zu Behältern für die Hadaßim u. dgl. nt. Außerdem beschützte er mich in meinen Kämpfen mit der gleichalterigen Schuljugend und wiedeholte mit mir mein Pensum int Chumesch. Aber mehr als durch diese wichtigen Liebesdienste, fühlte ich mich zu Joel hingezogcn wegen der schönen Erzählungen, mit welchen er mich unterhielt. Sein Vater besaß einen ״Menorath Hamaor" mit jüdischdeutscher Uebersctzung, in welchem sein Sohn eifrig studirtc. Jede freie Minute benutze er, um sich in die Lektüre dieses Buches zu versenken, so daß er ganze Stücke des Testes auswendig wußte. — Stundenlang konnte ich ihnt zuhören, wie er mir die Parabeln, Allegorien und Sentenzen erzählte und nach seiner Weise erklärte. (Fortsetzung folgt.)