Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1883-06-14 · Heft 24 (14.6.1883) · p. 382

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 24 (14.6.1883)
Article
Frankreich : Paris [Nachricht]
Date
1883-06-14
Page
382 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2932996-2933020--12822-2953175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

382 belohnt sehen, die sie für die unglücklichen, verfolgten Brüder gebracht haben. Paris, 8. 31111t. Leit dem 2. d. M. erscheint hier ein Wochenblatt ״I/X11lj-dü׳miti<jmG mit dem Motto: juif. voila 1'mim-mi!-- (50 wir demselben aber kein langes Leben prognoslizirt. Rußland. Petersburg, 6. Juni. Wir hassen und bangen: jeder srenndliche Schimmer hebt und die Brust: jedes verbürgte oder unverbürgte düstere Gerücht läßt uns zittern. Die kürzlich berichteten Krawalle sollen gcdämpst sein. Wahres und Unwahres läßt sich kaum unterscheiden. Rußland ist groß, — wer vermag jede Nachricht ans ihre Echtheit zu prüfen? Man erzählt sich eine Aenßernng des früheren Polizeimeisters von Petersburg, Trcpow, welche dahin gehen sott, daß es gegen die Juden nicht so weit gekommen wäre, wenn das Militär sofort ernstlich eingeschritten, ivaS zu seinem Bedauern aber nicht geschehen. Aber diese Nachricht stammt ans fremdem Munde; iver will nntersuchcn, ob diese Anschauung wirklich sich jetzt Bahn bricht? — Eine andere freundliche Kunde ist allerdings auch nicht verbürgt. Fürst Demidow, welcher in der Inden-Kommission sitzt, habe eine Denkschrift ausgcarbeitet, in welcher er nachweist, daß die Jndensrage nur darin ihre glückliche und friedliche Lösung zum Heile des Reichs finden könnte, wenn den Inden die Ansässigmachung überall gestattet würde. Aber die Kommission soll, wie verlautet, noch gar nicht arbeiten, sondern erst im September wieder einbcrnfen werden. A in e r i k a. * Newyork, 2t). Mai. Eine russisch-jüdische Ackerbau-Kolonie bcsiudet sich jetzt auch in Oregon. Dieselbe heißt Neu-Odessa und liegt an der Kalifornia und Oregon Eisenbahn in der Nähe von Leland im Eounty Douglas. 'Wie die ״Volks-Ztg." in St. Paul mittheilt, gedeiht die Kolonie, da ihre Mitglieder fleißig den Acker bearbeiten und durch Lieferung von Brennholz an die Eisenbabukompagnic eine lohnende Beschäftigung finden. Arvllektiv-Berichte aus Nrigarn. xn. In der pädagogischen -Hand- und Taschcnbibliothek von Handel und Scholz (XIX) ist folgende zutreffende Satire zu lesen: ״Der Schullehrer sott die Geduld HiobS, die Lehrgabe des Sokrates, die Weisheit SalomonS besitzen; er sott scharssinnig sein wie Newton, dichten wie Goethe, den Himmel kennen wie Herrschet, die Erde wie Humboldt; er soll mit Kästner rechnen, mit Paganini geigen, mit Ponßin zeichnen; er soll auf dem Klavier ein Thalberg, ans der Orgel ein Bach sein; er sott singen wie die Sonntag ." Welche Skizze könnte man erst entwerfen von den Anforderungen und Wünschen, welche die winzigste ungarisch-jüdische (Gemeinde an ihre Rabbiner stellt! — Wir wollen dieselben in kurzen Umrissen notircn: ״Gründliche talmndischc Gelehrsamkeit, התרות von anerkannten rabbinischen Koryphäen, Ausweis des akademischen Trieninms (wer auch ein Doktor-Hütchen aufsitzen hat swenn'S auch nach Amerika riecht — thut nichlSj er wird bevorzugt;) rhetorische Gewandtheit, vollkommene Beherrschung der deutschen und nugarischen Sprache, um in diesen beiden Sprachen gleich korrekte und exzellente Kanzelreden abhalten zu können; er soll ferner ein tüchtiger Pädagoge, routinirtcr Stylist :c. :c. fein, und womöglich auch Aehnlichkeit mit Absalom haben.״ Doch dagegen läßt sich wohl nicht streiten, wie sagt das vulgäre Sprichwort: ״Ein עשיר dars einen Gusto haben," und ein jüdischer Spruch lautet: ".אין ציבור עני" Aber einen nicht unwesentlichen Faktor scheinen die ungarisch ׳ jüdischen Gemeinden bei den kolossalen Ansprüchen und Forderungen, welche sic j nrgiren, völlig außer Acht zu lassen, nämlich, daß ein! Gusto auch bezahlt werden muß! — Es sieht mit der! Honorirung der hierländischen Rabbiner nicht sehr . rosenfarbig aus, zum Leben zu wenig und zum Sterben : zu viel, und noleus volens müssen sich gar Manche! strikte an den mageren Speisezettel der Mischnah halten: פת ביזלה תאבל ובו'! | Gewiß, noch vor wenigen Dezennien wurden die > Rabbiner der Großgemcinden nicht besser besoldet, als! heute manche Rabbiner in Provinz-Gemeinden; aber i früher hat man für wenig Geld viel bekommen, während j man heute für viel Geld wenig bekommt; ferner die! Ansprüche, welche Leben und Gesellschaft heute an den! Rabbiner stellen, sind gegen früher unendlich gesteigerte, und es hat der heutige Rabbiner unabweisbare Be-; dürfuissc und Ausgaben, welche riesige Summen Geldes; verschlingen, von den die früheren Rabbiner gar! keine Ahnung hatten. — I Doch auch dies wäre noch das Schlimmste nicht לא על הלהב לבדו יהי׳ האדם und die Sorge um die Deckung der Bedürfnisse in der Gegenwart, so drückend sie auch sein mag, hält noch lange den Vergleich nicht - aus mit der Sorge um die Zukunft der Familie.! Für das Desinitivum und die Pensionirung der Volksl schullehrer hat die königlich ungarische Regierung bestens j gesorgt, jedoch für die AlterS-Versorgnng der Rabbiner! und für die Sicherstellung der Zukunft ihrer Familie wird nichts gethan. — I ES ist schon drückend und deprimirend genug,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.