Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1883)
- Article
- Die Prager Judenfahne
- Date
- 1883-06-14
- Page
- 374 (sequence 2)
- Language
- German
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374 Dem zufolge wurde die Synagoge geräumt, und der Bau des neuen Dachstnhles begann sofort. Bei dieser Gelegenheit war es mir möglich, über Entstehung und Ursprung dieses nach gothischcm Style koustruirteu Gebäudes, den die Geschichte in tiefem Dunkel läßt, und über welchen all die sparsamen Notizen, Sagen und Ucberlicfcrungen nur noch einen größcrn, ja sogar einen duukelnachtcuden Schatten werfen, in den Inschriften, die in den schwarzen Sauden cingemeißclt sind, eine Recognoseirnng vorznnehmcn. Allein diese wahrscheinlich vielsagenden aber leider unleserlichen Inschriften blieben mir wie jedem Andern trotz eifriger Bemühung ein verschlossenes Orakel. Deutlich und leserlich ist nur eine Inschrift, welcher zum Beweise ihrer Wahrheit auch die erforderlichen Embleme bcigcfügt sind. Diese bestehen ans einer an der Estrade befestigten kolossalen Fahne, an deren Schaft die österreichischen Landessarbcn glänzen, nnd deren scharlachrothc rnit Edelsteinen besetzte Flügge, einen in der Mitte mit Gold cingcwirktcn prangenden Stern מנן דח״ und Schwedenhnt trägt. Die Fahne ist, wie die Inschrift besagt, ein Geschenk Karl IV (1357), der darin cingcivirktc Schwedcnhnt das den Juden von Kaiser Ferdinand II. wegen ihrer , hervorragenden Mitwirknng bei der Vcrtheidignng Prags (1648) gegen die Schweden zncrkanmc Wappen. Die Schriftzüge schließen diese Embleme in einem Rechtecke ein. Am oberen Rande lautet die Inschrift: קיז לפק •כהוא 1357 נתן,שיהר קראלוס .4 ו"-™ ליהודים בפראג להרים דגל. An der Seite links: ונתחדש בימי ורדיננדוס קיסר עה וברוב ימים נתקלקל ועתה נתחדש לבבוד. Am untern Rande: אדנינו הקיסר קראלום ירה בלדת בנו ערצערצוג לעאפא לטוס ■ירה למזט. ארבעה טורים אבן אדם פטדה וברקת נופך ספיר ויהלם לשם שבו ואחלמה. .׳ Ilu der Seite rechts' בשנת תנו;- מלכותו מאוד לפק. שמע ישראל In der Mitte ein Magen David mit Krone und darunter: ה, צבאות מלא כל הארץ בבודו Die Akten in der Registratur des jüdischen Rath - Hanfes bezeichnen diese Fahne als Merkmal kaiserlicher Huld für die Juden bei Gelegenheit der Rückkunft des Kaisers aus Italien; dies wäre gleichzeitig mit der Verleihung des goldenen I^ort? (I'öpüe an die Prager Bürgerschaft. Diese Auszeichnung war in früheren Zeiten von großem Gewichte, da in demselben Aktcnauszugc eine behördliche Aufforderung an die Inden angeführt wird, ״mit ihrer Fahne" beim Einzüge Kaiser Ferdinand!, am 5. Februar 1027 auszurucken. Kaiser Rudolf II. zetchncte auch die Meiselschnte 1598 mit eben diesem Ornamente ans, und fügte hinzu, ״daß die Fahne bei Umzügen verwendet werden solle." Bis gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts behauptete sich diese Fahne in ihrem Vortritts-Privilegum; seitdem aber begnügte sie sich mit der bloßen Erinnerung an ihre einstmalige Wichtigkeit. Es wurde nicht nur von Seiten der Inden, sondern auch der Regierung auf Erhaltung dieser Relignie großes Gewicht gelegt. In! Jahre 1716 wurden näntlich die Vorsteher Iizchak, Beer Josef llnd Iccheskiel Karpcl von der Regiernngskommission wegen Mangel an gehöriger Obsorge für Erhaltung dieser Fahne straffällig erkannt. — Getragen wurde die Fahne von der jüdischen Mctzgcrznnft bei dem feierlichen Aufzuge, welchen der Iudenprimator Simon Frankel aus Anlaß der Geburt des Erzherzogs, . nachmaligen Kaisers Josef I I. am 24. April 1741 veranstaltete. ^1. 4V. Die!)rOiugcr T!!!!!l!1Wlle. Bon Z. B. RostNijiiin. 14. 1-zorti'ctzuug/׳ Daß einem Menschen, dessen erste Lektüre die buchstäblich im Schweiße seines Angesichts gelesenen ״Räuber" gewesen, jede Aussicht ans eine ernst ju nehmende praktische Bildung abgesprochcn werden muß, bedarf wohl nicht erst gesagt zu werden. Doch minder bekannt dürfte es sein, daß.ein solcher klassisch begonnene Bildnngsgang in vielen Fällen auch auf die Denkweise und moralische Anschauung des Betreffenden eine höchst nachthciligc Wirkung ansübt. Denn so wie eine alte Wahrnchmnng lehrt, daß Butterbrod meist auf die bestrichene Seite füllt, so findet ein nngeschnltes, ästhetisch nrtheilloses Gemüt!) die in einer Dichtung mehr oder minder zahlreich vorhandenen Schlacken weit eher heraus und eignet sich dieselben an, als dessen edle Schätze, für die cs ja kein Vcrständniß besitzt. Doch über kurz oder lang, nach einer Reihe zeitraubender Experimente, verfliegt der Wahn und man erhält einen richtigeren Begriff und Maßstab von der Bildung, was aber gewöhnlich um Vieles zu spät geschieht, als daß es noch von irgend welchem Nutzen sein könnte. Denn entweder ist mittlerweile an die Stelle des früheren Feuereifers kopfhängerische Mnlhlosigkeit und eine verachtende Gleichgültigkcit gegen Alles, was profanes Wissen heißt, getreten, so daß man mit allen dies bezüglichen Antbitionen aufläßt, oder man nimmt zur trotzigen Behauptung