Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1883-06-07 · Heft 23 (7.6.1883) · p. 366

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 23 (7.6.1883)
Article
Frankreich : Paris [Nachricht]
Date
1883-06-07
Page
366 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2932996-2933019--12760-2953089
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

366 Ausgabe vom 1. b. M. in der Form eines Romans! die Nicdcrmetzclung der Juden in Rußland gleichsam! zu beschönigen und die Schlachtopfer eines beutelustigen i Pöbels, für welche jedes menschlich empfindende Her;! nur das Gefühl des tiefsten Mitleids hegen kann, zu! verunglimpfen, dann muß cS in der That der Ansicht! sein, daß das französische Publikum nicht inSgesammt über ein solches Attentat auf den Anstand und auf! die Humanität entrüstet sein wird. Oder sollte ״In׳! juif de .Sofievka״ von Herrn V. Nouslane gar nicht! für Frankreich geschrieben sein? Zollte dieser Roman! für Rußland, etwa für sehr maßgebende Kreise des ^Zarenreichs bestimmt sein und wir hier ein Pamphlet vor uns haben, welches auf dem nicht großen Umwege von der Seine zur Newa an diejenige Adresse gebracht werden soll, für welche cS verfaßt ist?? Der Verfasser schildert in Boris Kortchenko das naive, gutmüthigc, menschenfreundliche, milde Rußland welches seine Bauern befreit hat und nun auch gern die Israeliten zu vollberechtigten Bürgern ntachcn möchte. ״Man gewähre ihnen die gleichen Rechte wie den Christen, so wird man das daraus für das Vaterland erblühende Heil gewahren," sagt der edle Gutsherr Boris Pawlowitsch. Dieser hochherzige Mann, der Repräsentant des warm fühlenden, den Israeliten als Bruder liebenden Rußland nimmt einen gänzlich armen, von allen Mitteln entblößtcn, dem Hungertode nahen Juden bei sich auf. Foma, der Hebräer, stellt die jüdische Raec dar. Er wird von Boris mit Vohlthatcn überhäuft, aber er ist die Schlange, welche Rußland an seinem Busen hegt. In der rafsiuirtestcu, hinterlistigsten Weise betrügt und bestiehlt dieser jüdische Schuster seinen Wohlthäter. Er und sein Weib Rebecka wissen cS durch ihre Ränke und Kniffe dahin zu bringen, daß sie das ganze Dorf demoralisiren, alles Vermögen der Bauern an sich reißen und ihrem Wohlthäter ein vorzeitiges Ende bereiten. Die ehemals wohlhabende, nüchterne und glückliche Bevölkerung wird durch dieses jüdische Ehepaar zu einer Horde armer, trunksüchtiger und unglücklicher Sklaven gemacht. Und die Nutzanwendung? Die wird die nächste Nummer der Revue des deux mondes bringen. Sie ist aber bereits gegeben. Ohne Juden Heil, Frieden, Fröhlichkeit, Sittlichkeit, Nüchternheit, Wohlstand — durch die Juden Unglück, Hader, Jammer, Verbrechen, Trunkenheit, Armnth in! gesegneten Rußland. Haben nun nicht die armen unterdrückten Russen recht, wenn sie ihre Bedrücker und Verführer nicdermctzeln? — Daß auch kein einziger Zug in dieser Schilderung der Wirklichkeit entspricht, das genirt Herrn Nouslane und die Revue des deux mondes nicht. N ußland. ..z.. Petersburg, 31. Mai. Auch die Herzen der Juden wenden sich im Gebet zu Gott, daß unserem gekrönten Kaiser Heil und Segen zu Theil werden möge, auf daß er seines erhabenen Amtes in seinem Reiche walte und die Wohlfahrt seiner Unlerthancn begründe und schirme. Wenn eine VevölkerungSklasse in Rußland dieses kaiserlichen Schutzes und Schirmes bedarf, so sind cs die Inden, beider tauchen die Gräuel der jüngsten Vergangenheit wieder auf. In Rostow, Charkow und Kiew haben Epcessc stattgefundcn, welche thcilwcisc in Blutvcrgicßungcn auSartcten und nur durch ernstlichste Entfaltung der bewaffneten Macht gedämpft werden konnten. Gott schütze Rußland und nehme auch uns, die machtlosen, verfolgten und verleumdeten Juden in seine gnädige Obhut. Afrika. * Äb!)ssinien. Der berühmte Afrikarciscnde Gerhard RohtfS schreibt über die Falascha in seinem Werke ״Meine Mission nach Abyssinien" folgendermaßen: Einen kleinen Bruchtheil der abyssinischen Bevölkerung bilden die Falascha, die unzweifelhaft Juden sind, so sehr sie auch von den Juden der übrigen Welt abweichen. Man hat sehr viel über ihr Herkommen geschrieben, aber es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß sie eines Stammes mit den übrigen Abyssiuiern sind. Dasselbe Aenßerc, dieselbe Kopfbildnng, dieselbe Hautfärbe-, sie unterscheiden sich nur durch ihre Sprache, indem die Meisten den Duorra-Dialekt. die bei Goudar Wohnenden aber auch Amharisch sprechen. In ihren Gebeten bedienen sic sich der auch von abyssinischen Christen angeweudeten Ghcczsprache, die übrigens selbst den meisten Priestern tiuverständlich ist. Die Falascha stützen sich zum Theil auf das Alte Testament: sic regeln ihr Vcbcn nach den zehn üblichen Geboten Mosis, aber sie glauben an kein Wiedererscheinen des Messias: sie wissen nichts von der babylonischen (Gefangenschaft — ein Umstand, der sehr für daS Alter ihrer Religion spricht. Sie haben keine Kenntniß von der Erislenz des Talmud und stehen ganz außer Gemeinschaft mit den eigentlichen Inden. Nimmt inan au, daß alle Abyssinier ursprünglich anS Arabien stammen, daß sie dort schon in frühester Zeit den mosaischen Glauben annahmen, hierauf nach Afrika, ihren! jetzigen Stammlande, zogen, daselbst wohnen blieben: daß also sammtliche Abyssinier cinft jüdischen, oder besser gesagt, mosaischen Glaubens waren, und daß die Mehrzahl derselben im vierten Jahrhundert znr christlichen Lehre übertrat, so ergiebt sich unS die einfachste Lösung über Herkunft liub Abstammung jenes interessanten jüdischen VrnchtheilS abyssinischer Bevölkerung. Algier, 27. Mai. lieber die Judenunruhcu in'Tlemsen (Algier) läßt sich die ״Germania" schreiben: Die dortigen Juden scheinen sich einer großen Unbeliebt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.