Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1883)
- Article
- Österreich-Ungarn : Prag [Nachricht]
- Date
- 1883-06-07
- Page
- 365 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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365 Blüte bringen zn wollen, denn im ״Prager Tagblatt" Nr. 120 vom 1. Mai lesen wir Folgendes: ״Der Vorstand des Ez Hadaath-Vcrcines hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, eine Bildungsanstalt für israelitische Religionslehrer und 9tobbi11cr in's Leben '11ר rufen und ein neungliedrigesKomite aus hervorragenden und einflnßreichen Persönlichkeiten cinznsetzen, welches die Verwirklichnng dieses Beschlusses sich zur Aufgabe machen soll." Welchen Erfolg dieses Projekt haben wird, wird die Zeit lehren. Frankreich. *** Paris, 31. Mai. Die von Ihnen nach einer Berliner Zeitung erwähnte Thatsache, daß von Antisemiten Einladungen zu einer Versanimlung auf dem Invalidcnplatze ergangen sind, beweist weiter inclsts, als daß inan auch hier den Versuch niacht, und zwar ntcistcns von tlichtfranzösischer Seite her, den Boden für eine Antiscmitenbewegung vorznbercitcn. Wir hoffen nicht zu irren, wenn wir diese Versuche als vergeblich betrachten. Man hatte schon früher hie lind da vergebliche Anstrengungen gemacht, die aber kaum das Licht der Welt erblickten. Eine Vorlesung, die im Konferenzsaale des Boulevard des Cajmrines über das Wirken der Alliance Israelite bereits augeküudigt war Seitens eines Mannes, dessen Namen nicht viel Gutes versprach, wurde wegen ״plötzlich eingetrclener Unpäßlichkeit" des Redners nicht ausgcführt. Ein Wochenblatt, das sich Hoffnung machte, seinen Absatz im Kreise der Börsenbcsucher zu finden, indem es sich bemühte, durch Sensationsartikel und Verdächtigungen großer jüdischer Finanzkapazitätcn das Publikum anzulocken, hörte nach wenigen Wochen auf zu erscheinen. Das Auftreten der antisemitischen Bestrebungen in Frankreich unterscheidet sich von ähnlichen.Kundgebungen in anderen Ländern folgendermaßen. Es werden hier die schlechten Elemente, die sich etwa vorfiuden fonnten oder die man hier künstlich zu importiren sncheil wollte, verhindert sich zu zeigen, weil die öffentliche Meinung, zu energisch und uugcthcilt sich dagegen erklärt hat In manchen anderen Ländern leider ist es vielfach, und selbst in einem Theitc der sogenannten guten Gesellschaft, ״guter Ton" geworden, sich nicht zn vorurtheilsfrei den Juden gegenüber zu zeigen, so daß manche schwache Karaktcre ihre Ucbcrzcugung der Mode opfern. Es ist schlimm genug, daß selbst in dieser Beziehung Paris und Frankreich erst den Ton angcbcn nn'isscn, um auch diese ״Mode" zu verbessern. Der wcltbürgerliche Karakter der Bewohner der Weltstadt Paris und Frankreichs überhaupt, der viel zu diesem günstigen Verhältnisse beiträgt, läßt allerdings andererseits auch leicht das Eindringen vereinzelter feindlicher Kundgedungen zu. Namentlich ist die französische Sprache und Literatur, die fast zum Genicingut der zivilisirten Welt geworden und vorzugsweise von den Russen mit um so größerer Vorliebe kultivirt wird, als ihre eigene Sprache und Literatur wenig universelle Verbreitung hat, viel zu gastfreundlich für die Erzeugnisse dieser exotischen Hasscsersindungen. Sie finden zum Beispiel in den Nummern des 1. und 15. Mai der Revue des d<׳nx mondes eine Novelle ״der Jude von Soviefka", deren Verfasserin nach dem ״Figaro" die Baronin von Uxcnll, die Frau des russischen Gesandten in Rom, sein soll. In dieser Novollc giebt ein russischer Edelmann einem verfolgten Juden Asyl. Der Erstere wird als Mnsler aller Tugenden geschildert, der Jude als ein Individuum, in dent sich alle Laster vereinigt finden: Undankbarkeit, Bosheit, Grausamkeit. Es genügt ihm nicht, auf Kosten des Edelmanncs sich zu bereichern, er will ihn dttrchaus vuiniren und nicht ruhen, bis sein Wohlthäter von Haus und Hof vertrieben wird. In der ״Nonvelle Revue" vom 15. Mai behandelt ebenfalls ein Ausländer, der Graf Lambsdorff, die ״jüdische Frage in Rußland" mit nicht weniger Voreingeiiommenheit und Haß. Er erklärt den Antisemitismns als eine natürliche Folge des allmächtigen Einflusses der Inden in den politischen und finanziellen Sphären des modernen Europa. Sie beherrschen nach ihm die Regierungen wie die Bevölkerungen, ja, sie haben durch die Aktien und Obligationen der Hypothekenbanken auch den Boden in ihrer!vcnialt. Die deutschen und russischen Universitäten wimmeln, nach dem Grafen Lamsdorff, von jüdischen Jünglingen und empfinden so ihren radikalen und nihilistischen Einfluß'?'?!!! Ich unterlasse cs Ihnen die übrigen gehässigen und lügenhaften Schilderungen dieses Autors vorzuführen. Er gelangt zu folgendem Schlüsse: Mit den Grund- Prinzipien der modernen Welt ist cs unmöglich, die Juden aus ihrem Besitz zu verdrängen, da die Juden aber absolut geplündert Werder müssen, so muß man diese Grundprinzipien der modernen Welt ändern!! Nun gut, mjt ihm der Redakteur der ״Archivcs Israelites" ungefähr in folgenden Worten zu: ״Versucht cs die Grundprinzipien und die von der Geschichte geschaffenen und von alten liberalen Konstitutionen der ganzen Welt angenommenen Grundlagen zu benagen, feilet, feilet bis ihr die Verbannung einer religiösen Minorität gesetzlich möglich macht. Ans Werk. Wer weiß, Ihr findet vielleicht die Quadratur dieses Kreises. l-z Paris, 31. Mai. Die Signatur der Gegenlvart ist nun einmal der Antisemitismus, welcher in der That epidemisch geworden ist. Slaven, Germanen, Magyaren sind von ihm infizirt, und auch in Frankreich zeigen sich Symptome dieser traurigen Krankheit. Wenn ein so angesehenes Organ der Presse, wie die Revue des deux moudes sich nicht scheut, in ihrer