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Jeschurun · 1883-06-07 · Heft 23 (7.6.1883) · p. 363

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 23 (7.6.1883)
Article
Anti-Antisemitismus
Date
1883-06-07
Page
363 (sequence 2)
Language
German
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363 Rasch entschlossen ruft er den inzwischen wieder nach Berlin gereisten Sohn telegraphisch zurück. Der Sohn zerbricht sich vergeblich den Kopf, warum er, eben erst angclangt, schon wieder nach Haus soll, aber er kommt. Der strenge, ernste Zug in dem sonst so freundlichen väterlichen Gesicht bereitet ihn ans eine recht unangenehme Neuigkeit vor. ״Aber, Papa," antwortet der Sohn auf die erhobene Anklage, ״ich habe keine Ohrfeige erhalten, ich war an jenem Abend gar nicht bei S. und denke über die Indenhatz überhaupt ebenso tolerant wie Du." Um jeden Zweifel zu bannen, besuchen Pater und Sohn gemeinsan! die drei jungen Israeliten und lassen sich von jedem in aller Form ein Dokument ausstcllcu. ״Hiermit bcschcinige ich — so lautet das eine — daß der mir persönlich vorgestelltc stud. juris Charles F... bei dem Vorfälle im S.'scheu Restaurant, wobei ich einem mich gröblich insultircndcu jungen Manne einige Ohrfeigen applizirte, nicht zugegen und überhaupt in keiner Weise dabei bctheiligt war. £...., den 25. Sept. 1882. gcz. A. F..." Bon dem Verdacht gereinigt und mit den Dokumenten in der Tasche geht minmehr der junge Herr F... nach S., 11111 einen Frühschoppen zu trinken. Er trifft dort Bekannte, erzählt ihnen sein heutiges Erlebniß und zeigt ihnen seine Rechtfertigungsscheine. Einer der anwesenden Herren wird dabei ganz verlegen und wechselt förmlich die Gesichtsfarbe. ״Sie haben wohl die Ohrfeige bekommen?" fragen die Anderen. ״Bewahre! ich? Wo denken Sie hin? Ich hätte sie dreifach hcimbezahlt." ״Das läßt sich ja koustatiren und gicbt noch 'en Spaß," replizieren die Uebrigcn, ״wir steigen in corpore dem A.... F... auf die Bude, rcsp. in seinen Laden; der Verdacht soll an Niemand fälschlich hasten bleiben."' ״Ist der von Ihnen Gcohrseigtc unter uns, Herr F..., können Sie ihn genau wieder erkeunen?" ״Gewiß, dieser Herr isl's." Der Attentäter war entlarvt, die Ehre der Anderen gerettet. Jener hatte aber nicht blos die Ohrfeigen weg, die Schande dazu, er ward auch sofort ausgcschlossen aus dem wissenschaftlich׳geselligen Klub, den die jungen Studiosi bilden und welchem er bisher angehört hatte. Der wackere Major hat mir die Geschichte selbst erzählt, mir auch die von ihm sorgsam verwahrten Ehrenerklärungen gezeigt. Aber erst gestern, als ich ihn gelegentlich wieder traf, bat ich mir die Erlanbniß aus, die Assaire im ״Ieschnrun" veröffentlichen;11 dürfen, die mir auch unter der Bedingung ertheilt ward, die Namen nicht zu nennen. Dr. S. C., Rabbiner. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. —a— Berlin, 4. Juni. Der Antisemitismus ist augenblicklich in großen Quantitäten vorhanden und überall anzntrcffcn; er tritt in jeglicher Vcrbindung auf, und cs bedarf keines eigenen Prozesses, um ihn zu fällen, der Niederschlag erfolgt sreiivillig. Unerwartet entweicht der gebundene Antisemitismus und fällt als reiner nnvermischter Körper ans der Luft hernieder. Da ist der ״Verein deutscher Studenten" in Verbindung mit den Ausschußwahlen der Studentenschaft vorhanden; flugs erscheint der schönste kyrstallisirte Antisemitismus: der übermäßige große Einstuß des Indenthums muß in die gebührenden Schranken zurückgewiesen werden. — Da ist das edle Organ, welches unter der Devise: ״Vorwärts mit Gott für König und Vaterland" die Ereignisse der Gegenwart beleuchtet, in Verbindung mit der Sozialreform; sofort wird der reine Antisemitismus frei: manchcftcrlichcr Liberalismus ist gleichbedeutend mit Jndcuthum, die Juden sind die eigentlichen Faiseurs des bösen ״Fortschritts," der nicht dem ״Vorwärts" der Kreuzzeitung folgen will; — freilich, freilich, sind die Richter, Nickert. Dirichlet, Virchow Iaphetiden, thut nichts, cs müssen Semiten sein, die ..soziale Frage," ist ״kurzweg allerdings Judenfrage." — Da ist der uuvermcidlichc Herr Hofprcdigcr Stöcker in Verbindung mit der dritten Berathung der Gewerbeordnung; ehe man es sich versieht, steigt der Antisemitismus prächtig und zweifelsohne hernieder: ich habe hier ein Buch in der Hand, von einem Juden geschrieben, welches ״vermuthlich" vielfach kolportirt wird; meine Herren, das ist eine Probe von jüdischer Literatur; Sie sehen, daß in ucr, semitischen Literatur eine Quelle des größten Verderbens für unser Volk, entspringt. Freilich, freilich — man könnte zu dieser kostbaren Beweisführung einige bescheidene Anmerkungen machen. Der gefeierte Redner hat außer diesem ״Ben- Sirah militans" vorhin noch Elvira, die Zigeunerköuigin, Suleika, die Perle des Harems, den Freikuccht von Wien, den Freund des Teufels 11. s. w. als Volkslektüre erwähnt, ״die unser Volk in den Abgrund nicht bloß der Unsittlichkcit, sondern der Unnatur hineindrängen," und diese Bücher sind von Christen verfaßt und verlegt — wie nähme sich da die Apostrophe aus: Meine Herren, ich habe hier eine Reihe von Büchern, von Christen geschrieben, welche, ״nicht vermuthlich," sondern ganz bestimmt kolportirt werden, denn ich, der Hofprcdigcr, habe solche an eiucm Sonntagsmorgcn selbst von einem Kolporteur entnommen; meine Herren, das ist eine Probe von christlicher Literatur; Sie sehen, daß in der indogermanischen Literatur eine Quelle des

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