Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-06-07
- Page
- 360 (sequence 2)
- Language
- German
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360 ״Es ist wahr, Frau Ehrmann, sic schm Gottlob; ganz frisch aus, der Brief von dem guten Kinde hat Sie gesund gemacht. Aber was gut ist, sott man gut . lassen — und der Bauer unten —" j ״Um dessentwitten möchte ich eben hinnntergehen — ich möchte mit ihm reden — er hat sie gesehen und könnte mir sagen, wo sie ist und wie sie aussieht." Aber Lcah schüttelte entschieden den Kopf. ״Das geht nicht, das darf ich nicht zulassen — und dann — ich bttf Sie um Gotteswitten, wenn der Herr Sie sehen würde." ״Es ist wahr, es geht nicht," sagte seufzend die Kranke, ״aber, Leah, so müssen Sic den Kalender suchen — und wenn sie mir ein Blatt Papier und eine Feder geben wollten, so möchte ich schreiben." ״Hab' mir's gedacht," versetzte Leah mtt selbstbewußtem Lächeln, indem sie einen Vogen Schreibpapier und einen Bleistift ans der Tasche zog. ״Eine Feder Hab' ich nicht, aber im Bett schreibt sich's gewiß auch besser mit dem Blei. Und nun geb' ich Ihnen hier das Schcmerl auf's Bett, daß Sic schreiben können und ich hole während den: den Kalender. — Oder nein —" verbesserte sie sich selbst, ״besser, ich warte hier, bis daß Sie geschrieben haben — der Herr könnt' mich drunten treffen — und dann könnt was dazwischen kommen. Also schreiben Sie, Frau Ehrmann, ich bitt' Sie, aber nur ganz kurz — die Mirjam ist so lieb und brav — sie will ja auch nur, daß Sie ganz wenig schreiben." Sie hatte bei diesen Worten den erwähnten Fußschemel auf das Ben gestellt, das Papier in Briefform gefaltet und darauf ansgebrcitct und den Bleistift daneben gelegt. Und die Kranke, die vor kaum zwei Stunden nur mit größter Anstrengung im Stande gewesen war, dem kleinen David die Hand zu reichen, sie saß nun ohne Anstrengung und ohne Stütze aufrecht da und schrieb hastig folgende Zeilen. ״Mein liebes, thcnrcs Kind!" ״Herzlichen Dank für Deinen lieben, lieben Brief, er hat mich ganz glücklich gemacht und eile ich, Dir zu antworten. Ich fühle mich Gottlob ganz wohl und kräftig, aber ich glaube, wenn ich krank wäre, Dein Brief würde mich gesund machen. Da ich Dir aber heimlich schreibe, muß ich mich sehr kurz fassen. Also vor Allem, die Lcah ist bei mir und sorgt für niich und für die Kinder'und für Alles und die Kinder sprechen sehr viel von Dir. Wegen Deiner, mein theures Kind, sorge ich gar nicht, denn Du bist so brav, so überaus brav, daß ich sicher bin, der liebe Gott wird für Dich sorgen und wird Dir'S noch recht gut gehen lassen. Adieu, mein theures Kind! Ich grüße Dich und bitte Gott, daß Er Dich segnen möge. —" Sie wollte noch einige Worte hinzufügen, aber die Hand war doch ermüdet. . ״Schon genug, schon genug," mahnte Leah, ״ich bitt' Sie, Frau Ehrmann, hören Sie auf, — der Bauer möcht' ungeduldig werden. —" Sie nahm das Schreiben, faltete es zusammen und schob es in ihre Tasche. Dann entfernte sie den Schemel vom Bette und suchte ihre Herrin zu überreden, sich wieder nieder zu legen. ״Sorgen Sie sich um nichts, ich werd' schon Alles machen; ich weiß, wo der Lu'ch ist und werd' ihn mit dem Brief zusammen machen. Und dann werd' ich nachschanen, ob nicht was Gnt's im Hanse ist, was Sie dem Kinde schicken könnten — Hab ich recht?" Frau Ehrmann nickte ihr lächelnd zu. ״Sie wissen, wie ich es möchte, Lcah, und werden gewiß Alles recht machen." ״Ja, aber was ich noch Hab' sagen gewollt — der Herr hat gesagt, wenn Sie anfwachten, sollt ich ihn rufen — ich möcht' ihn jetzt 'rauf schicken zu Ihnen, daß er nur drunten nicht auf die Hände schaut, wenn ich den Bauer expedire." ״Thun Sie das, aber eilen Sie, daß der Bauer nicht uugcduldig wird." Die Alte verließ in der That eilends das Zimmer und die Kranke lächelte still vergnügt, als sie ihre sonst so schwerfälligen Schritte nun so rasch die Stiegen hinunter hörte; wenige Minuten darauf trat Ehrmann ein. ״Dinah, mein Kind, wie geht's?-schaust ja ganz anders aus. Die Leah hat mir schon gesagt, daß Du Dich gut cmsgeschlasen hast und nun ganz anders dreinschaust. Und recht hat sie, das muß man ihr lassen. Heute in der Früh' hast Du ansgeschaut! — na, ich Hab' Dir Acngsten gehabt." ״Der Schlaf hat mir gut gethan," erwiderte die Kraute mit doch etwas trüben Lächeln ״Schlaf, ja Schlaf ist das Beste. Ich Hab' mir gleich gedacht, der möcht' Dir gut und darum Hab' ich Dir auch die Bauern unten in Schach gehalten — die einen Hab' ich gebiltct und den andern gedroht und chidusch gebe, beides hat genutzt. Aber 'ne Arbeit hal's gegeben — ich sag' Dir —" ״Du bist sehr gütig, mir thm's nur leid, daß Du Dir um meinetwillen so viel Mühe machst." ״Unsinn, wer wird von so was reden. Was inöcht' ich nicht alles thnn, wenn ich wüßte, daß es Dich stärken könnte." (Fortsetzung folgt.)