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Jeschurun · 1883-05-31 · Heft 22 (31.5.1883) · p. 344

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 22 (31.5.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-05-31
Page
344 (sequence 2)
Language
German
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344 mochten verstrichen fein, als Lcah wieder aus dem Zimmer trat, doch allein; der Bauer war nicht mit ihr. Bor der Thür blieb sie einen Augenblick zögernd stehen, dann drehte sie entschlossen beu Schlüssel 11111 und schob ihn in ihre Tasche. Tic ging in's Schenkzimmer direlt ans Ehrmann! zu, der dort an einem Tische sag, beide Ellbogen auf? denselben stützend, und mit den Händen verzweislnngs. voll in den dunkeln, krausen Haaren wühlend. Als er Leah erblickte, sprang er ans. ״Wie gcht's oben? schläft meine Frau noch?" ״Jetzt schläft sie ganz ruhig, nur als es vorhin hier laut war, schien sic zu erivachcn. Geben Sie nur Acht, dag hier weiter Alles ruhig bleibt." ״Werde schon dafür sorgen, ich gehe ja nicht vom Platz. Aber, Leah, Sie müssen oben bleiben." ״Gewiß, Herr Ehrmann, verlassen Sie sich darauf, und jo bald ihre Frau aufwacht, lasse iclss Ihnen sagen. Aber was ich Hab' fragen gewollt, soll ich die Kinder nicht 'runter schicken? Oben ist's dumpfig und die Armen sind heute noch nicht 'ransgekommcn, — mit Ende möchten sie noch die Frau stören." ״Meinethalben schicken sie die Buben hinunter, aber bleiben Sie nur oben, und sobald meine Frau erwacht, lassen sie mich cs wissen." ״Seien Sie ohne Sorgen. Herr Ehrmann." In ihrer gewöhnlichen etwas schleppenden Weise verließ Vcal) das Zimmer, doch drangen im .Korridor war sie mit einem Mal wie verwandelt; raschen Schrittes eilte sie die Stiegen hinan;11 dem Zimmer, in dem ihre Herrin ruhte. Doch sie konnte nicht sofort eintreten, sie athmctc so hastig, beinahe keuchend, daß sie besorgte, die Kranke könne erschrecken, wenn sie sic so erblicken i würde. Sic legte das Ohr an das Schlüsselloch und lauschte ־— sic vernahm nichts, drinnen war Alles still.! Vcife öffnete sie die Thür, und ans dem Tritt unter dem Fenster saßen noch die beiden Knaben, ihre bleichen, traurigen Gesichter der Mutter;ugewendet, die sie mit ängstlichen Blicken;11 beobachten schienen. ״Geht hinunter, Kinder," sprach Veul), ״hier ist's;11 dnmpsig für Euch " ״Wir möchten lieber hier bleiben," flü orten die Knaben, ״wir stören die Mutter ja nicht." Die Alte zuckte die Achseln. ״Der Bater hat gesagt, Ihr sollt hinunter gehen. . Spielt unten im Hof und wenn die Mutter aufwacht, da klopf' ich hier ans Fenster, da könnt Ihr wieder herauf kommen. Mil sichtlichem Widerstreben gehorchten die Knaben. Die Alte begleitete sie zur Thür, und als die Kinder das Zimmer verlassen hatten, schob sic den Nachricgel vor. Dann ging sie zurück zum Bette, aber durchaus nicht schleichend, sondern in gewöhnlichem kanten Schritt, schob auch geräuschvoll einen Sessel;11111 Bette und ließ sich in denselben nieder. Die Schlummernde regte sich, dieses plötzliche Geräusch nach anhalterder Stille schien sie;11 wecken. Sic öffnete die Augen, schloß sie jedoch sofort wieder. Abermals rückte Leah den Sessel und hustete laut. Die Augenlider der Kranken zuckten wiederholt, öffneten sich jedoch nicht. Die Alte schüttelte' den Kops und inurmeltc einige unverständliche Worte, dann neigte sic sich hinunter zu der Kranken, möglichst nahe zu deren Ohr. ״Frau Ehrmann," sprach sie halblaut, ״von Mirjam ist Nachricht da — von Mirjam," wiederholte sic lauter. Im Nn hatte Frau Ehrmann die Augen geöffnet und blickte fragend um sich. ״Bon Mirjam ist Nachricht da, Frau Ehrmann, von Mirjam." ״Mirjam", stammelte erregt die Leidende, indem sie sich aufzurichten suchte, ״Mirjam." Leah flößte ihr einige stärkende Tropfen ein und stützte sie sorgsam. ״Hören Sie zu, liebe Frau, aber aufrcgen dürfen Sie sich nicht, sonst kann ich's Ihnen nicht sagen. Aber freuen wird es Sie — 0, und wie! — ״Mirjam," murmelte die Kranke, ״Mirjam!" ״Ja, ja, von Mirjam. Schauen Sie her, Frau Ehrmann, ein Brief von Mirjam ist da, ein Bauer hat ihn gebracht." Sie zog bei diesen Worten ein Schreiben aus der Tasche, entfaltete es und hielt es der Kranken vor die Augen. Hastig griff diese danach, doch kaum hatte sie die Schriftzüge ihres Kindes erkannt, als ein Strom von Thränen ihren Augen entstürzte und sie laut schluchzend zurücksank. Die treue Dienerin gerieth in größte Angst. ״Ich bitt’ Sic um Gottes Willen, Frau Ehrmann, regen -Sie sich doch nicht so auf, Sie werden es ja gar nicht lesen können — und wenn der Herr es hör! — und der Bauer drunten hat nicht lange Zeit, er wartet auf Antwort." Allmählich gelang cs der heftig Erregten sich zu fassen; sic versuchte das entfaltete Schreiben zu lesen, doch die Buchstaben schwankten vor ihrem thränenumflorten Blick. ״Es ist jüdisch geschrieben, das könnte ich Ihnen vortcsen, wenn Sie wollen —" (Fortsetzung folgt.)

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