Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-05-24
- Page
- 328 (sequence 2)
- Language
- German
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3*28 Allem recht gegeben, sie jedoch gebeten,' sie möge be- Jakob aber ließ nicht nach mit seinen Bedeuten, daß man nicht immer Herr seiner Entschlüsse thenerangen: ״Hörst Dn mich, Matter? — ich werd's sei, und daß geschehene Dinge nichl ungeschehen zu mauien nie wieder lhnn,— glanb s mir doch, Aktitter, ich seien. Sie möge nur um Alles in der 21>cLt dafür sorgen, daß die Kranke in Unwissenheit bleibe. .,Freilich, freilich," cittgegnele Leah, ״das wäre ihr Tod." : Und darum gab sie der unablässig Sorgenden j auch stets die beruhigendsten Versicherungen, weim die-; selbe sich erkundigte, ob die Knaben auch regelmäßig beteten und allen ihnen obliegenden religiösen Anj fordernngen pünktlich nachkämen. ״Sorgen Sie nicht, Frau Ehrmaun, ich geb' schon aus alles Acht." Und die Kranke, deren schmerzlichem Leiden ihr namentlich das Sprechen erschwerte, mußte sich zufrieden geben. Doch am jüngst verflossenen Sabbath. cs war der fünfte, den sic in ihrem neuen Domizil verbrachten, da hatte die Mutter in den spätern Nachmittagstundcn, die die Kinder an ihren! Bette verbrachten, einen frischen Timenskeck an Jakobs rechtevt Mittelfinger wahrgenomnien. ״Woher kommt das?" fragte sie erregt. Der Kleine ward glühettd roth und senkte vcrlegen den Blick. ״Sprich, woher kommt das?" rief die .Kranke heftig, ״heute ist Sabbath, — Du Han doch heilte nicht geschrieben?" (5s lag eine furchtbare Seelenpein in dem Ton, in dem sie die letzten Worte hervorsließ. Welten hätte sie darum gegeben, hätte der Knabe mit aufrichtigem /Blick diese Frage verneint, — doch der-kleine Schuldige war nicht im Stande, das Auge zur Mutter zu heben. ״Der Lehrer schlägt mich, wenn ich nicht schreibe," I schluchzte er, ״und der Vater hat gesagt, er sperrt mich ein und giebt mir nichts zu essen." Die Kranke starrte ihn mit weit ausgerissenen Angen an, sie schien reden zu wollen, aber kein Laut entrang sich ihren farblosen Lippen, verzweisluugsvoll rang sic dieOHäude. — Der kleine David wähnte, sie zürne dem Bruder und schenke seiner Entschuldigung keinen Glauben. ״Es ist ganz gewiß wahr, Mutter," fügte er hinzu, ״der Vater hat noch gesagt, wir dürfen uns um den Sabbath gar nicht mehr kümmern." Die Kranke fließ einen gellenden Schrei ans und sank wie leblos zurück. ״Mutter!" schrie Jakob, indeut er ihre herabhängende Hand ergriff und sie mit seinen Küssen und Thräncn bedeckte, ״stirb nicht, Mutter! stirb tticht! — ich werd's nie wieder lhnn! — nie! —״ ״Ich werde Lea!) rufen," flüsterte David und eilte hinaus. werd's ganz gewiß nie wieder thun — und wenn mich auch alle Menschen todt schlagen — ich thue nie tvieder, was Du verboten hast, — höre mich nur, Mutter! — höre mich!" Ob sie ihn hörte? ״Herr Gott, Kittd! was treibst Du?" rief Leah, die von David gefolgt ins Zimmer stürzte, ״geh zurück! — laß' mich!)in!" Sie schob den verzweifelnden Knaben ziemlich uusaitst zur Seite tiud bentühte sich, ihre Herrin aus ihrer Ohnmacht ztt erwecken; es tvollte lange nicht gelingen. Leise schluchzend sahen die Kinder ihren vergeblichen Bcmühnngeu zu. ״Soll ich den Doktor holen?" fragte endlich Jakob. ״Ja, lauf um ihn," gebot die Alte ״lind Du, David, ruf' den Vater." ״Den Vater?" fragte der Kleine zögernd, ״der Vater ist so böse, wenn die Mutter ihn sieht, wird sic sich noch mehr ärgern." ״Nus' ihn," wiederholte Leah, und die Kinder eilten hinaus. Den Bemühtmgcu des Arztes gelang es zwar, die Kranke tvieder zum Beivußtscin zu bringet׳., doch er verhehlte ihrer Umgebung nicht, daß ihr Leben nur noch nacb Stunden zähle. Darum schlich Ehrmann so verzweistnngsvoll im Hause umher, daruut beschwor er mit Bitten tmd mit Drohungen die lärmenden Zecher um Ruhe. Seine Frau hatte während der verflossenen Nacht und während, des ganzen Vormittags teilt Auge geschlossen, — jetzt aber schlummerte sie und er gab sich immer noch der trügerischen Hofsuuug hin, einige Stunden Schlaf könnten sic stärken und die Befürchtungen des Arztes sich als unbegründet erweisen. Gern halte er auch die Kilider ans dem Krankenzimmer enlsernt; er fürchtete beständig, eine unvorsichtige Bewegung der Kleinen könne die Schlummernde erwecken, — aber wenn sie erwachen würde und die Kinder nicht vor ihren Augen — sie würde in die heftigste Ansregung gerathen. Es war Ehrmann doch allntählich gelungen, einigerntaßcn Nuhe im Schantziminer herzuftetleu, doch er wagte es nicht mehr ztt verlassen, ans Furcht, der Lärm könne aufs Neue beginnen. ״Was giebl's denn, daß Alles hier so stak ist?" fragte ein junger Bauer, der erst vor wenigen Minuten in das Zimmer getreten war und voll Verwunderung auf die flüsternden Zecher blickte. l Fortsetzung jolgl.׳