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Jeschurun · 1883-05-17 · Heft 20 (17.5.1883) · p. 312

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 20 (17.5.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-05-17
Page
312 (sequence 2)
Language
German
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31 ihnen bort eine Bcerkwürdigkeit zeigen, erklärte Ehrniann! den -rindern, die sich lieber zum Garten gewendet hätten. ׳ 2'1c schienen erwartet worden;n sein. Oben im! Schloßlhor stand ein Mann in Bedientenkleidung-. freundlich begrüßte er die Koimnenden. Ehrmann > wechselte einige Worte in slavischer, den Bindern unverj stündlicher Bcnndart mit ihm, der Mann nickte und! rasch vorausschreilend führte er sie gegen den weiten-! slngel des Schlosses, wo and einer offen stehenden j Thür ein Geistlicher ihnen entgegentrat. Er grügte! ebenfalls sehr freundlich, reichte dent Barer, der wiedernin ׳ s'avisch sprach, die Hand, streichelte den -lindern die j rosigen Wangen und forderte sie auf, einzntreten.! Ter Geistliche schritt voran, Ehrmann, an jeder! Hand eines seiner Kinder, folgte. Staunend schauten die Knaben sich um, sie befanden sich in der Schloßlapelle — noch nie im Veden halte sie das Innere einer Kirche gesehen. Ehrmann halte bcn Priester ersticht, die Zeremonie möglichst rasch zu vollziehen; cs drängte ihn, heim zu konimen zu seiner kranken Frau,- und der thcilnehmende Geistliche hatte bereitwillig seinem Wunsche entsprochen. Während die Knaben die reichverzierten Wände noch anslanulen, hatte das Weihwasser bereits ihre Häupter berührt unb sie waren ausgenommen in den Scbooß der ״allein selig machenden" Kirche. Die Eilfertigkeit hatte niclns auf sich; von 'mm an sollten sic tagtäglich den Priester besuchen, um von ihm in den Vehrcu ihrer nenaeqnirirten Religion unterrichtet zt! werden. Der jüngere. Knabe, der sechsjährige David, Halle nicht einmal bemerkt, daß irgend eine Zeremonie an ihm vollzogen; seinem nnt drei Jahre ältern Bruder war dieses allerdings tticht vollständig entgangen; doch er hatte noch feine Ahnung von der furchtbaren Tragweite der wenigen Wassertropfen, die seine Stirn benetzt hatten. ״Wir müssen eilen, die Mnner wird ans uns warten." sprach Ehrmann zu den Kindern, indem er ihnen durch einen Wink bedeutete, des Geistlichen Hand an die Lippen zu ziehen. Die Knaben gehorchten, der Priester nickte ihnen freundlich zu, tätschelte David's liebliches K'rauslopschen nub Hopfte Jakob wohlwollend auf die Schulter. ״Seid nur immer hübsch brav, Kinder, und folgt dem Baterle und morgen müßt Ihr zu mir kommen, ich habe ein paar prachtvolle Bilderbücher, die könnt Ihr Euch anschaucn, uub dann gehen wir mit einander in den Garten und schütteln die Pflaumen- und Aepsel- 'bäume. Gelt, das wird Euch gefallen'?" Die Kinder lächelten verlegen, Ehrntann aberdankte in .ihrem Namen nub versprach, sie morgen zu dem freundlichen Geistlichen zu senden. Dann empfahl 2 er sich rasch und eilte mit den Kindern den Schloßberg hinunter, dent Städtchen zu, das sie in wenigen Minuten erreichten. Trotz ihres Aufenthaltes in der Kapelle gelangten sie doch gleichzeitig mit der Equipage zu dem Hanse, das von nun an ihr Heim sein sollte. Ein mattes Lächeln erhellte die Züge der Kranken, als die Kinder ihr entgegen sprangen, sie hoffte, das Gefürchtete sei noch nicht geschehen uni) werde, da schon einmal verschoben, möglicherweise ganz unterbleiben. Vorsichtig hob Ehrmann die Leidende aus dem Wagen ttnd trug sie in S Hans, gebot dann der Magd, für die Bequemlichkeit ihrer Herrin zu sorgen und sie baldmöglichst zur Ruhe zu bringen, während er selbst nach ihren Effekten :e. sich nmsehen müsse. Er wollte mit bcn Knaben das Zimmer verlassen; doch die : Kranke richtete sich hastig ans und winkte mit ihrer! durchsichtigen Hand. ״Die Kinder," flüsterte sie, ״die Kinder."! Ehrmann, die Gedanken seiner Frau errathend, ן gebot den Kindern, bei der Mutter zu verweilen, l ״Aber nicht lärmen! — die Mutter ist krank.! Setzet Euch dort ans den Tritt unter'!» Fenster — | aber kein Wort reden!" Drohend winkte er ihnen mit dem Finger, dann eilte er hinaus. Gehorsam ans den Fußspitzen schleichend, trippelten die Kleinen zu dem Fenster, wo sie sich schweigend niederließen, während Leah der Kranken beim Entkleiden und Niederlegen behülslich war. ״So, Frau Ehrmann,. schlafen Sie ruhig nnt kümmern Sie sich um gar nichts; ich werde schon sü׳! die Kinder sorgen."! Die Kranke dankte ihr mit einem Angenwink;; ״Aber lassen Sie sie nicht von sich," flüsterte sie mi! [ Anstrengung. | ״Sorgen Sie nicht, Frau Ehrmann, wie meint! Augäpfel wcrd' ich die Kinder hüten. Kommt's, Kinder, j und sagt der Mutter gute Nacht." j Lautlos schlichen die Kinder zum Bette und zöge!׳! die fieberheiße Hand der Mutter an ihre Lippen : liebkosend streichelte die Kranke mit ihren zitternden! Händen die Wangert ihrer Lieblinge und bemühte sich, > ihnen zuznlücheln, — doch das wollte ihr nicht gelingen,! ׳vollständig erschöpft schloß sie die Augen.! Die Anstrengung der Reise und weit mehr noch j die mannigfache Gemüthsausregung der verslosiencn j Tage hatte ihr ohnehin unheilbares Nebel zu raschem Fortschreiien gebracht; am folgenden Tage war sü ן nicht mehr im Stande, das Bett zu verlassen, trotzden! hatte sie daraus bestanden, die Kinder um sich zu haben, j Ehrmann gestattete cS, gebot jedoch abermals den! Kindern in Gegenwart der kranken Mutter vollständiges l Schweigen. ^Fortsetzung folgt.)

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