Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1883)
- Article
- Judenthum und Deutschthum
- Date
- 1883-05-17
- Page
- 308 (sequence 2)
- Language
- German
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308 die die ״Deutschen" speziell gegen Juden hegen, ist daS Finale aller antisemitischen Versammlungen: ״Deutschland, Deutschland über alles! Am AuSgange unserer Abhandlang stehend, sei mir nur noch die bescheidene Anfrage gestattet, zu welcher Kirche der deutsche Jude denn eigentlich übergehen solle? Herrschen denn keinerlei Uneinigkeiten und Spaltungen innerhalb des Christenthums? Soviel mir aus der Geschichte bekannt ist, haben die evangelischen Stände auf dem Reichstage zu Speicr im 16. Jahrhundert Protest erhoben gegen die Feinde der kirchlichen Reformen! Ein Protcslircn der Christen also gegen Christen! Doch dies zu erzählen, hieße soviel als bekannte Thalsachen mitthcileu. Ich inöchte aber für meine inißverstaudeuen Brüder eine Nutzanwendung aus dieser historischen Begebenheit ziehen: CS hat sich nämlich aus dieser Protestantischen Kirche das uusns regio ejus religio hcrauSgebildet. Nun frage ich: Wie sicht eS auS in der Welt mit diesem Grundsätze, daß ״der, dein das Land gehört, auch den Glauben deS Landes zu bestimmen habe"? Sind die verschiedenen Glaubensrichtungen der Christenheit unbedingt damit einverstanden, der wettlichcn Regentschaft auch das Kirchenfürstenwescn zu. übertragen? Der Kulturkampf, das Zentrum, mögen diese Frage beantworten! Der ״Talmud" aber ist eS, der in diesem Punkte die goldene Mittclstraßc geht, und den Jsraelitcn in ihrem Charakter als Staatsbürger zürnst: ,.dina demalclmta di na״!״Für alle Verhältnisse des bürgerlichen Lebens sind die Staatsgesetze unverbrüchlichcs Gesetz, und deren Befolgung, religiöse, heilige Pflicht der Juden." ') Der Talmud hat mit diesem Grundsätze den Kerngedanken unserer Betrachtung ״Indenthum und Deut sch t h n nt" ausgesprochen! Der Jude müsse bei seinem Partikularismus in gottesdienstlichen Dingen von wahrer, echter Staatstreue beseelt sein. Cr solle, mit Gott, (in seiner spezifischen GlaubcnSweise) für König und Vaterland, leben und sterben. So stehen ״Judenthum und Dcutschthum" in harmonischem Einklänge. Und dieser VaterlandSgcdanke ist wiederum der VereiuigungSpuukt für alle Glaubensbekenntnisse. Ob Jude oder Christ, und als Christ, ob römisch- oder griechisch-katholisch, ob auch Mann und -Frau, was nicht selten .der Fall ist, in verschiedenen Kirchen ihr Herz im Gebete auSschütten — für die nationale Zusammengehörigkeit, für ') Nedarim, 27, a. (!Höschen Mischpat Kap. '369. das gemeinsame, einheitliche Volksbewußtsein durchwehen sie gleiche Gefühle, gleiche Empfindungen, und alle sonst im Leben unvermeidlichen MeinungS-Verschiedenheiten machen Halt vor diesem Schlagbaum. Hiermit glaube ich, in bcm frohen Gefühle, die geraubte Chrenstclluug der Juden im Staate und in der Gesellschaft zurückerobert zu haben, tnich von Mommscn'S Schrift verabschieden zu können. Bevor ich jedoch der Schrift mein ultimum vale sage, möchte ich, daß die Hauptsache nicht unerwähnt bleibt. CS werden nämlich viele Leser den Rabbiner mitleidig belächelt haben, der sich über die Auseinandersctzungcn eines Historikers echaufsirte; eines Historikers, der ja nun einmal die Dinge in der Welt nicht mit Glai-e-Haudjchuhen anzugreifen pflegt, eines Historikers, dem das jüdische Volk und andere Völker bloße Figuren auf dem Schachbretts der Weltgeschichte sind, eines Historikers, denen frei sich entwickelnde Forschung in der Geschichte durch Rücksichten der Pietät nicht gehemmt werden darf: mit einem Werte ״eines HistorikerS" der die Zustände und die Verhältnisse wie sic sind und nicht wie sie sein sollten, zu erfassen hat. Allein, das eben ist ein vcrhängnißvollcr Fehler, wenn man vom historischen Standpunkte allein aus die Bedeutung des JudeuthumS beurtheilcn zu tonnen glaubt, und beziehe ich mich auf die Ansicht eines Mannes, der selbst Historiker war, und zwar ebenfalls christlicher Konfession, wo prahlerische Sclbstüber- Hebung und etwaiger indischer Chauvinismus auSgeschlossen sind. Ich meine den Freiherrn Ludwig von Holberg, den Schöpfer der neuen dänischen Literatur, der am Schlüsse des zweiten TheilcS seiner jüdischen Geschichte wie folgt erklärt: ״Gewiß, cs ist unbegreiflich, daß ein zerstreutes, ein verhöhntes, und mit Feuer und Schwert verfolgtes Volk bis auf einige Millionen anwachsen, und aller Widerwärtigkeiten ungeachtet, seine alte Sprache, Sitten und Gebräuche bis hierher erhalten konnte. Hier sind so wenig die Ursachen, die num inSgemciu anzu führen pflegt, als andere historische Beispiele hinlänglich, sondern man ist gezwungen zu sagen: ״Das ist GotteS Finger!" V e r i ch t i g u n g e n: 31t Nr. 16 11. 17, Seite 2f>3, Spalte 2, lies ״abelJi" für adele. ״ ״ ,1 ״ ,1 <"2 ״ ,17״ 16 ״ ״!vollen". Anmerlung 6 ites: ״in ttrcijc“ für im. . ״ Nr. 1s׳ Seite -70, Spalte 1, lies: ״herabslatternde". Uberidaselbsl auf geile :32, liest: ״ja" anstatt so. 31t Nr. 19, Seite 29-1, Spalte 2, lieö ״sprechend" auf der zweiten Zeile.