Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-05-10
- Page
- 296 (sequence 2)
- Language
- German
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296 ״O, wie seid Ihr so gut," sprach Mirjam, indem sic thränenden Blickes zu ihm empor schaute, ״wie so sehr, sehr gut. — Ader wird'S nicht gar zu weit sein bis nach Woickerodors'? wird'S Euch nicht zu spät werden — wenn Ihr Geschäfte in B.... habt?" ״Sorg' Du nicht," entgegnete er lächelnd, ״der Seidlcr Toni hält's Wort, loeitn er was verspricht. Heut in acht Tagen bin i in Wackersdorf und wirst'S sehen, i wer's Akntterle schon finden. Und gut wcrd' ich mir'S anjchann, das; ich Dir verzählen kann, wie'S anSschant. Und wenn Du willst, Marie, kannst ihr 'neu Brief schreiben, 'S möcht sie halt auch freuen, wenn sie 'S wüßt', das; Dir's ui gar zu schlimm geht. Aber weiht, daß Du ni schreibst wo Du bist, — Dein Vater könnt 'n Brief in die Hand kriegen und dann möcht' er kommen und Dich holen. Denk's, daß Dn'S ni schreibst," fügte er warnend hinzu. ״Ich werd'S ja nicht," versicherte sie, ״Ihr dcitkt an Alles — Ihr seid so gut — so gut —- .wenn ich > nur wüßte, wie ich Euch danken kann."׳ Er lachte vergnügt vor sich hin. ״Und wenn i heim komm', da klopf i an Dein Thür, daß Du aufwachst und dann verzähl' ich Dir vom Mutierte und wer weiß, am Ende schreibt sie Dir auch'n Brief und den bring' ich Dir." Ein Strom von Thränen entstürzte den Angen des jungen Mädchens; der Gedanke, einen Brief von ihrer Mutter zu erhalten, versetzte sie in die heftigste Aufregung, und der Toni bereute es beinahe, ihr schon jetzt seine Absicht mitgetheilt zu habet!. Er und seine Mutter bemühten sich jedoch sic zu beruhigen, indem sie sie anfforderteu, recht bald schon den Brief an ihre Mutter zu beginnen. #־ Im Schankzimmer deSBr a n t w ein h a n ses znWoikerS׳ dorf herrschte reges Leben. Es war Sonntagnachmittag und das saalähnliche Zimmer voll zechender, lärniender Bauern. Der bleiche ilVcum mit dein zuckenden Antlitze, der hin und wieder sich zeigte, mit dem Lärmen wo tuöglich zu steuern, war der ...Inhaber' der Schenke, Wolf Ehrmann. Sein t-odtkrüilkcS Weib lag zwar im oberen Stockwerk in dem eiitferMesten Zimmer, doch das wüste Geheul der TrunkÄien drohte den Schlummer, der sic gegen Abend überwältigt hatte, zu stören — und Ehrmann liebte sein Weib, liebte sic mit 11.11 so verzehrender Leidenschaft, je rascher er ihr Ende herannahen sah. An dem Fenster deS Krankenzimmers lehnten zwei Knaben im Alter von sechs und neun Jahren, Mirjam's Brüder. Aengstlich hafteten die Blicke der .Kinder an , dem Bette, in dem die Kranke, unregelmäßig athmend, schlummerte. Fürchterlich war die Verheerung, die die verflossenen fünf Wochen an ihr verbracht, hätte Mirjam sic heute gesehen, sie hätte sich entsetzt. Wohl war die Mutter schon schwer leidend, als sie sie verlassen, doch heute glich sie nur mehr einem Schatten ihres damaligen Selbst. Wie unsäglich aber hatte auch die Unglückliche in den jüngsten Wochen gelitten. Gleich am Morgen, nachdem Mirjam entflohen, hatte sic dieselbe vermißt. Sie hatte das Fenster in ihrem Schlafzimmer offen gefunden und das Schränkchen, in dem ihre Tochter ihre geringen Habseligkciten aufbewahrte, offen und geleert. — 3111 Nu entsann sie sich der Unterredung mit ihren Gatten am gestrigen Abend und zweifelte keinen Augenblick, daß Mirjam möglicherweise nnwillkürlich Zeuge davon gewesen und entflohen sei, um dem ihr drohenden Zwange zum Abfall zu entgehen. Weinend hatte sie sich auf das Bett geworfen, in dem ihre Tochter geruht und die Polster umarmt, in denen der Eindruck der zarten Glieder ihres Kindes noch sichtbar. O, wie schwer, wie unsäglich schwer empsaud sie die Trennung — würde sie ihr Kind je wieder sehen? — Und gleichwohl empfand sie Mirjam's Abwesenheit als ein Glück, das einzige in ihrem namenlosen Jammer. Sie sorgte nicht, die zärtliche Mutter um das Wohl ihres Kindes. ״Gott wird sie nicht vcrlassen," flüsterte sic sich selbst ermnthigcud, ״Er wird für sie sorgen — Er wird sie geleiten" — Dann aber suchte sie sich zu ermannen, trocknete ihre Thränen, schloß das Fenster und die erwähnte Truhe, damit kein Anderer Mirjam's Abwesenheit vorzeitig gewahrte. Außer von ihren kleinen Brüdern, die die Mutter leicht zu beschwichtigen wußte, war sie von Keiucin vermißt worden. Erst am ׳Nachmittag, als Alles zur Abfahrt bereit und die Equipagen des Grafen bereits vor dem Hause seines Pächters harrte, da erst fragte Ehrmann nach seiner Tochter. Seine einsichtsvolle Frau theitte ihm nnverholen ihre Vermuthung mit. Er gerieth außer sich; schwur, die Vermessene auszufinden und war schon im Begriff, eine Anzahl Leute die Umgegend durchstreifen zu lassen, um die Entflohene, wie er sich ausdrückte, lebend oder tobt ihm znrückzubringen. Seine Frau hielt ihn zurück. Sic stellte ihm vor, wie schwer, ja wie vielleicht nnmöglich eS sein werde, das karakterfeste Mädchen zum Abfall zu zwingen, und das; er im eigenen Interesse sich ihrer Flucht freuen müsse. So erregt er war, er mußte die Nichtigkeit dieses ArgnmcuteS zngeben und grollend fügte er sich in das, was er bei ruhiger Ucberlegung jedenfalls als daS geringere Hebel anerkennen mußte. Für die Flucht seiner Tochter konnte der Graf ihn nicht verantwortlich machen, während eS allerdings zu gar mancherlei Uuanuehmlichkcitcu hätte führen können, wenn seine Tochter unter seiner Bot- Mäßigkeit sich geweigert hätte, der ihnen vom Guts- Herrn aufoktroyirtcn Ncligiou gemäß zu leben. (Fortsetzung folgt.)