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Jeschurun · 1883-05-03 · Heft 18 (3.5.1883) · p. 286

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 18 (3.5.1883)
Article
Deutschland : Paderborn [Nachricht]
Date
1883-05-03
Page
286 (sequence 2)
Language
German
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286 Schöpfung eines edlen WcibcS, des Fräulein Fanny Nathan gesegneten Andenkens, Klinde. Anfänglich mit zwei Waisenknaben eröffnet, zählte die Anstalt im nergangcncn Jahre fünfzig Zöglinge. Dieselbe sucht den Vater- und mutterlosen Kindern das Elternhaus zu ersetzen und sorgt in wirklich liebevoller Hingebung für das körperliche und geistige Wohl der Waisen. In diesem Jahre hat das große Gebäude insofern eine sehr zweckmäßige Erweiterung erfahren, als in demselben ein Bad angelegt worden ist. Die Anstalt besitzt ein Berinögcu von Mark l 35 853 in Wcrthpapieren; für gestiftete Jahrzeiten wurden im Jahre August 1 SB 1 82 1 1 670 Mark, an Vermächtnissen und besonderen Gaben 9286 Mark, an Kollektcngeldern 5360 Mark eingenommen. Die Ausgabe weist u. A. folgende Posten auf-. Beköstigung der Zöglinge Ol 23 Mark, Bekleidung! derselben 758 Mark, Besoldungen 4901 Mark, für j Bauten 6850 Mark u. s. w. Es werden jetzt auf! Grund errichteter Stiftungen 523 Fahrzeiten von der j Anstalt gehalten. Möge dieselbe in ihrem Wirken stets! vom besten Segen begleitet bleiben und die aus ihr j hervorgehendcn Zöglinge sich im Leben als tüchtige : Menschen und ernst fromme Israeliten bewähren. Schwerin i. V?., 30. April. Die Trauer, j welche alle Kreise des Mecklenlnirgischen Landes erfüllt, wird von der jüdischen Bevölkerung nicht in geringerem Grade empfunden. Auch sic beweint in dem dahingeschiedenen Großherzog Friedrich Franz II. den wohlwollenden, väterlichen, gerechten Fürsten, dessen edlem Herzen auch die Wohlfahrt der jüdischen Bürger nahe i ging.״ So hat er noch kurze Zeit vor seinem tief bc-! klagten Tode unserm Landrabbiner in einer Privat-! audienz erklärt, daß in feinem Staate eine den Juden 1 feindselige Strömung nimmer zur Geltung kommen < solle; er sei zu jeder Zeit bereit, den Landrabbiner zu empfangen, um von etwaigen Anzeichen antisemitischer Agitationen sofort selbst Kenntnis; zu erhalten; er würde keinen Augenblick zögern, die geeigneten Maßregeln gegen solche Ausschreitungen zu verfügen. Wie wir in aufrichtigem Schmerz die Bahre des verblichenen Monarchen umstanden, so blicken wir vertrauensvoll zu seinem Nachfolger hinauf, welcher sicherlich im Sinne und Geiste seines unvergeßlichen Vaters die Negierung angetreten und zum Segen und Heile des Landes führen wird. nun. Stuttgart, 18. April. Die Jndenhcit Stuttgarts befand sich heute in einer hochgradigen Aufregung, da es galt, für den neulich verstorbenen Hosrath Adolf Lcvi einen Ersatz als Kirchenvorstehcr zu wählen. Und das will hier viel heißen, wo dessen Verehrer sich fast scheuen, seinen Nachfolger einen ״Ersatz" zu nennen, weil sie sagen, daß ׳Niemand un Stande sein werde, ihn attch nur annähernd zu ersetzen. Jawohl! ich schließe mich dem auch an: cs wird sicherlich Niemand zu finden sein, der so, wie Adolf Lcvi ״eine so immense Schaffenslust und Schaffenskraft in sich vereinigte, daß seinen Kollegen im Kirchenvorstehcraintc säst gar keine Gelegenheit blieb, selbstständig zum Wohle" — oder zum Wehe! — ״der Gemeinde thätig zu sein," und sie sich meistens darauf beschränkt sahen, den Ansichten des Verstorbenen beiznslimmcn; — cs wird sich auch hoffentlich Niemand finden, der gleich ihm darauf bedacht sein wird, aus dem jüdischen Gemeindeleben alles Jüdische zu entfernen und kaum noch eine blasse Vorstellung von dem was den Juden thener mib heilig ist, übrig zu lassen. Es soll nicht geleugnet, und cs mag zur Ehre des Todten hier konsratirt werden, daß er, ohne ein bedeutendes Vermögen zu besitzen, sein ganzes Leben in den Dienst der humanen Bestrebungen stellte, in uneigennützigster Weise Wohllhätigkeitsanstaiten errichtete und leitete, überhaupt für die Armuth und das Elend ein wahrhast ״jüdisches" Her; hatte, - wohl das Einzige, was ihn als Jude doknmcntirte. Gegen alles andere ״Jüdische" trat er feindlich auf, und da er vermöge seiner cinflußreichen Stellung, nicht allein als Kirchenvorsleher, sondern auch als Sbcr kirchenvorsleher und Gcmcinderalh seine antijüdischen Pläne ohne jcmaligen crforgrcichen Widerspruch seitens seiner Amtsgenossen zur Verwirklichung bringen konnte, so gebührt ihm unzweifelhaft an der Herbeiführung und Konscrvirnng der religiösen Zerfahrenheit in Württemberg der Löwenanthcil. Zur Jllnstrirung des Gesagten will ich nur anführen, daß er, als s. Z. die hiesige ה' כמילות הסדים auf Errichtung eines jüdischen Spitals hinarbcitcte, sich in der Gemeinderathssitznng, der das betr. Gesuch vorlag, gegen dieses Projekt energisch und leider and) mit Erfolg anssprach, obschon Thatsachcn Vorlagen, daß man hier in den Hospitälern bei jüdischen Kindern die Taufe vornehmen wollte. So besitzt Stuttgart bis znni heutigen Tage noch kein jüdisches Krankenhaus. So halte man ferner nach Fertigstellung der neuen Synagoge lange gegen ihn um die Erlaubnis; zu kämpfen, daß dieselbe auch am מוצאי יגעת und an den Wochentagen zur Ab- Haltung des Gottesdienstes geöffnet werde!! Es ließe sich dabei noch vieles anführen,. das ich mir aber für später und bei anderer Gelegenheit zur Besprechung Vorbehalten will. Es war eigentlich heute gar nicht meine Absicht, ntich so des Weiten über Adolf Lcvi anszulasscn, es ist aber tunnöglich, ihn mit Stillschweigen zu übergehen, da sein Leben so innig mit allem Württembcrgisch-Jüdischen, oder besser gesagt Unjüdischcn, verwebt war. Nun wieder zu unserer Sache! Für die Wahl hatten sich zwei Parteien gebildet, die aber, im Grunde genommen, im Prinzipc durchaus nicht als verschiedene zu betrachten waren,

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