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Jeschurun · 1883-05-03 · Heft 18 (3.5.1883) · p. 285

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 18 (3.5.1883)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1883-05-03
Page
285 (sequence 2)
Language
German
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285 daß wir mit unserm Ringen und Kämpfen, mit unscrm Streben und Arbeiten im Dienste des allmächtigen, allgütigen Wcltcnlcnlerstehen, von welchem allein der Segen unserer Arbeit und die Gestaltung unser- Geschickabhängt. Und nun gar der Abschied von dem Pessachsestc, ״dem Feste unserer Freiheit," dem Feste unserer nationalen Geburt!' Gicbt cetwa- Erhebenderealö die Begehung diese- Feste-, etwa- Trostreicherein dieser trüben Zeit? Wir haben mit Weib und Kind die große Stunde der Erlösung an den Sederabenden durchlebt und cerkannt, wie der Verfolgte einen Helfer, der Gedruckte einen Annehmer, der Rechtlose einen Erlöser hat, der mächtiger alalle Gewaltigen der Erde ״vom Staube den Gesunkenen, vom Düngerhaufen den Wehrlosen hebt," der ״so hoch er thront, so lies herniederschant in die Himmel hinein, ans die Erde herab." Wir haben eempsnnden daliefe unsägliche Leid, welcheeinsten- Menschcnwahn unb Uebermnth der Gewaltigen über n!tgebracht, mtd wir haben jubelnd den Kelch erhoben und dem zngejauchzt, der sich unser, der ohnmächtigen Sklaven, angenommen und nnzur Freiheit ttnd Selbstständigkeit geführt, trotz der widerstrebenden Macht unserer Feinde. Da sollten wir iticht Trost tNtd Muth schöpfen für die Misäre de- Alltag-lebcn-, für den Hohn und Haß der nnumgebenden-Welt'? — — Doch Verzeihung, ich habe keine Predigt, ich habe eine Korrespondenz über die Ereignisse de- Tagezu schreiben. Ich bin aber leider mitten in meinem Thema. Denn wovon hätte ich anderzu berichten, alvon Haß und ׳ Bcrsolgnng? Ans den ״Düngerhaufen" weist man auch nn-, die Israeliten der Gegenwart, hin, matt wirft nnzitm Nutzlosen, zum Schädlichett, zum ״Kehricht", alda- Auszustoßende und An-zuscheidende der Gesellschaft. Am 13. April hat diese nnverachtende Gesinnung ihren ernnetcn Ausdruck in der Versammlung der chrichstlich-sozialen Partei gesunden, und wiederum war e- Herr Hosprediger Stöcker, welcher zu diesem frommen Werke nicht nur den Segen gab, sondern die eigentliche Predigt hielt. Wahrlich, eilte beucidcnowerthe, erhabene Stellung nimmt dieser ״Diener der Religion" ein! Wenn ihm da- Ehristcnthum aldahöchste Ideal gilt, so mag er sich auf.welchen׳ Standpunkt auch iminer stellen, da- Judenthnm wird ihn! niemals verwerflich und al- Objekt der Bekämpfung erscheinen können. Sind doch die Bücher de- Iudenthmauch ihm, dein christlichen Geistlichen, heilig; erscheinen doch auch ihm die ״jüdischen Erzväter" ehrwürdig; sind doch atlch ihm die jüdischctt Propheten Verkünder de- Gotte-- wort-'. Nur der vom Vornrtheil umfangene Blick tonnte diesem Geistlichelt die vorgebliche Erkenntnis; bringen, ״daß da- Judenthnm der Pfahl im Fleische der Völker sei, vor dessen Beseitigung ein gesunde- Volksleben nicht denkbar ist." Nur ein vom Vornrtheil getrübtes Gemüth vermag es alein zn beseitigende- Nebel zn keltnzcichnen, wenn eine Kategorie von Staatsbürgern in der Entfaltung ihrer Kräfte zur Mehrung der materiellen und geistigen Wohlfahrt rührig und eifrig ist, weitn sie ihre Jugend in die Hallen der Wissenschaft einznsühren sich mit Erfolg bemüht. Wie ließe es sieh sonst erklären, daß der Herr Hosprediger darüber Jeremiadcn anstellt, wenn in Berlin ein Gymnasium ein Drittel Inden unter den Schülern zählt, ili Budapest es eine solche Anstalt gicbt, wo von ‘1<>7 Sehülern 302 jüdisch sind, wenn die Juden Arznei- und Rechtswissenschaft eifrig betreiben? Wenn Herr Stöcker nicht vom Vornrtheil geblendet wäre, so hätte er in bcu von ihm hervorgehobencn Thatsachcn anstatt eine Ursache zn!n Tadel eine Veranlassung zum V.obe der Inden erkennen müssen. Vielleicht dürfte er bei ruhiger eingehender Erwägung doch, unsere Ansicht theilen, daß eine Voltsklassc, welche also, wie er schildert, der Arbeit und der Wissenschaft sich widmet, für des Vaterlandes Wohl Ersprießlicheres leistet, alein Prediger, welcher seine Beredtsamkeit dazu benutzt, um die Saat de- Mißtrauens und de- -Hassegegen Volksgenossen an-znstrcncn. Jedenfalls wird er euns nicht verübeln, wenn wir unseren Ortder Meinung sind, daß die jüdischen chrenwerthen Bürger al- Industrielle, Aerzte, Juristen und Gelehrte ״an der Veredelung und Hebung de- Volkslebens" mit dem Herrn Pastor zu wetleisern im Stande sind, wenn sic auch nicht auf den ..lebhaften und anhaltenden Beifall", einer Versammlnng rechnen können, der dem Herrn Hosprediger für seine moderne Krenzzngs Rede zu Thcil geworden ist. — — Nach dem veröffentlichten Standc-registcr sind im Monat Mär; hier 37 jüdische Paare getraut und!2 Mischehen zwischen Inden und Christen eingegangen worden. Ich habe vielleicht Gelegenheit, auf diesen Punkt demnächst eingehender znrückzukommcn. —c— Halberstabt, 20. April. Einer unserer würdigsten Männer, Herr Gerson Josaphat, ist heute vor acht Tagen zur ewigen Seligkeit eingegangen. Während einer langen Reihe von Jahren bekleidete er da- Amt eine- Rabbiners der Berend-Lehmann'schen Stiftung und wirkte lernend und lehrend להרביץ תורה. Seilt reiches Wissen, sein lauterer Karaklcr, die Freundlichfeit seinco Wesenerwarben ihm die unbegrenzte Hochachtung und Liebe seiner Umgebung und sichern ihm ein ehrendes Andenken nicht mu* im Kreise unserer Gemeinde, sondern weit über deren Grenzen hinaus. — סיו— Paderborn, .20. April. Die israelitische Waisen-Erzichungs-Anstalt hicselbst veröffentlicht ihren Bericht über das scch-undzwanzigste Jahr ihre- Bestehen-. Derselbe gicbt in erfreulicher Weise von dem fortschreitenden Gedeihen dieser Institution, der

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