Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-05-03
- Page
- 280 (sequence 2)
- Language
- German
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280 weiß. Du bist brav, aber mit einem hast uns doch angclogen." fragte voll Schrecken das junge Mädchen, indem glühende Röthe ihr Antlitz überzog. ״Ja, ja. gelogen," wiederholte der Bauer, der sich an ihrer Verlegenheit zu ergötzen schien, ״schau, das hält' i nimmer von Dir denkt." ״Das glaub' ich nicht," siel die Blinde ein, ״die Marie kann nimmer lügen." ״Doch, doch," bethencrte Toni, ״sie hat gelogen." ״Aber ich weiß doch nicht —" murmelte Mirjam. ״Zekir das Maderl nicht," mahnte die Bäuerin. ״Ah was," lachte der Toni, ״'n bissel zekiren schad't keiner nix — und wahr ist's dazu, Du hast gelogen." Sie wollte ihn unterbrechen, er ließ sie nicht zu Worte kommen. ״Schau, Marie, hellt in der Früh Hab i in der Trligel was g'sucht lind wie i halt beim Räumen bin. fallt mir Dein Packerl m's G'sicht. All die Zeit liegt's in der Trüget und ich hab's nimmer ausgemacht, aber hellt sallt'S auf die Erden und geht von sich selber ans und bei der Gelegenheit schau ich niir'n Kram an." ״Es ist Alles mein/׳־ flüslerste Mirjam verlegen. ״Glanb's," lachte der Bauer, ״aber weist, was i ni glaub? — daß Dein Mutter arui ist. Und Dl! hast verzählt, daß Dein Mutter arm ist .und wegen dem ging'st in Dienst. Adern 'n Madel, dem seine Mutter arm ist, hat leinen solchen Kram nicht; feine solch feine Hemden lein so'u Tücherl und 'n Dukaten erst rcd)1 nicht." In steigender Berlegenheit wagte Mirjam nicht den Blick vom Boden zu heben. ״Gelt Marie, hast z'HaliS was angestellt, daß Du hast fort müssen?"!leckte der Bauer. ״'Rein, nein!" flüsterte Mirjam, Thränen erstickten ihre Stimme. ״Kannst'S Zelircn nimmer lassen," tadelte die Blinde, indem sic die thrällenüberflntheten Wangen des jungen Mädchens streichelte. ״Aber geh', Marie, wirst doch nicht weinen. Er glaubt's ja selber nicht und ich glalib's auch nicht, daß Du was angestellt hast. Und wenn Du auch feine Hemden hast — wenn Du sagst, daß Deine Mutier arm ist, so ist sie arm, ich glanb'S." Aber Mirjam schüttelte den Kopf. ״Nein," sagte sie leise, ״meine Mutter ist nicht arm." ״Gelt, ich hab's crrathen," trinmphirtc der junge Bauer, ״also gcstchst'ö ein, daß Du gelogen hast?" Das junge Mädchen befand sich in peinlichster Verlegenheit. ״Es ist wahr," sprach sie mit bebender Stimme, ״ich habe Euch da gesagt, was nicht wahr ist — aber wenn Ihr wüßtet — ich habe Euch da doch noch nicht gekannt — ich konnte doch nicht wissen, ob Ihr mich nicht vcrrathen lvürdct." ״Was hätt' i vcrrathen sollen? — i weiß doch, ni, was Du angestellt hast." ״Aber ich habe nichts angestellt," ries Mirjam, in ein heftiges Schluchzen auSbrechend, ״ich habe gar nichts angestellt — o, wenn Ihr mir doch glauben wolltet!" ״Ich glaub Dir Maderl," beruhigte die alte Seidlcr, indem sie nach der Hand der Schluchzenden tastete und dieselbe liebkosend streichelte, ״ich glaub'S, daß Du nichts angestellt hast. Aber jetzt kennst uns und weißt, daß nur dir gut sind, nun sag', um was bist Du fort von zu Hans, wenn Deine Mutter nicht arm ist, nlld wegen was hast Du dem Toni gesagt, daß sie arm ist, wcnn'S nicht wahr ist?" ״Ja ja," schluchzte Mirjam, ״ich will Euch Alles sagen — Ihr seid so gut — Ihr dürft nichts Schlimmes von mir denken." Und nachdem es ihr gelungen war, ihre Erregung wenigstens äußerlich zu beherrschen, theilte sie ihren christlichen Freunden Alles mit. Daß sie das Eltern- Hans heimlich verlassen und warum sie eS verlassen und daß sie in den ersten Tagen beständig gefürchtet habe, ihr Vater könne nach ihr forschen, könne sie finden und sie zwingen, zu ihn! znrnckzukehrcn." ״Und von deßwegen bist fort von zu HauS?" rief der junge Bauer, indem er staunend die Hände znsammellschlng; ״Mutter, habt Ihr so was schon gehört." Die Blinde aber legte wie segnend die Hand ans das Haupt des erregten Mädchens. ״Bladerl, Maderl, Dir wird's noch gut gehn in der Welt; die alte Seidlerin hat'ö gesagt. Schau, von Eurer Religion weiß ich nicht viel — aber mir scheint, 's muß lvaS dran sein, wenn so'u junges Maderl von wegen der Religion so in die Welt 'nanS läuft und von wegen der Religion all diese Zeit nichts Warmes ißt. — Und Du könntest's doch gut haben bei uns — wir geben Dir'S gern." ״Das weiß ich," versetzte Mirjam, indem sie den Händedruck der braven Alten innig erwiederte, ״ich bin Euch so vielen, vielen Dank schuldig —״ ״Daß ich Dich angeschosjeu Hab', und daß der vcrslitztc Bader die Köcher ni zuheilen kann," lachte der Toni, aber in seinem Geslchte zuckte es seltsam und es lvar ein ganz seltsamer Ausdruck, mit dem er das erregte Mädchen betrachtete, dem die Erregung doppelten Liebreiz verlieh. ״Marie," sprach er mit plötzlich veränderter Stimme, die die ausstcigende Rührung erbeben!nachte, ״Marie," mir scheint, die Mutter hat recht, Dir muß 's noch gut gehn — jo eine wie Du bist gicbt'S in Dorf und Stadt nicht noch mal." (Fortsetzung folgt.)