Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1883)
- Article
- Aus den Memoiren eines Bettlers
- Date
- 1883-04-12
- Page
- 239 (sequence 2)
- Language
- German
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gleich mir haben sic sich falsche Pässe verschafft, gleich mir sich andere Namen bcigclegt-verunheilt sie nicht, laßt Euch nicht durch die Ausschreitungen einzelner dieser ״Schnorrer" zur Härte gegen Alle vcrleiten-vielleicht befindet sich unter ihnen Einer oder der Andere, welcher gleich mir Eurer Hülfe nicht ganz unwerth ist — — helfet lieber zehn Armen, Unglücklichen, die vielleicht nicht makellos sind — arm und unglücklich sind sic doch! — ehe ihr einem Einzigen unrecht thut! Ihr vermögt nicht zu prüfen, zu unterscheiden? Gewiß ׳ — denn welches Sterblichen Blick dringt in des Menschen Herz! Aber Gott, der Allgütige, läßt feine Sonne scheinen über Tugendhafte und Verbrecher — ahmt ihn: nach und seid barmherzig und milde und nachsichtig! Vor Allen sind cs die ״polnischen/' Bettler, welche auf ein Vornrthcil und einen besonderen Widerwillen gefaßt sein müssen. Warum? Weil wir ein so schlechtes Deutsch reden? Bedenkt doch, daß in Deutschland seiner Zeit die Inden verfolgt wurden und Schutz in Polen fanden, und wir deshalb vielleicht die Nachkommen jener anS Deutschland Vertriebenen sind, welche die alte Sprache unserer gemeinsamen Väter durch die Jahr-! Hunderte sich bewahrt haben!! Und andererseits — wie, wir Juden sollten! einen Unterschied machen zwischen deutschen, französischen, englischen und polnischen Inden? Kennt Ihr denn gar nichts mehr von dem Vorurthcile, welches unsere nichtjüdischen Brüder gegen uns, die Inden, hegen? Habt Ihr Euch darüber nicht mehr zu beklagen, empsindet Ihr darüber keinen Unwillen? Mit deinselben Rechte, mit welchent Ihr verächtlich ans den ״politischen" Bettler, mit dessen Heimath willen, herabblickt, — mit demselben Recht könnte ans euch von euren Mitbürgern vorurtheitSvoll hinabgcschaut werden! — Am andern Tage verabschiedete ich mich von meinen Wohlthätcrn,. körperlich gekräftigt und geistig gehoben. Ich . segnete die Stätte, an welcher mir das wahrhaft herzliche Mitgefühl zu Theil gctvordcn. -Die Jahre schwanden dahin; ich war wirklich alt geworden. Auch mein Weib war alt geworden, Sorge und Kummer nagen intensiver an dem Lebensmark des Menschen, als die Flucht der Jahre. Auch meine Kinder waren herangcwachscn unter Entbehrungen und Roth. — Gott sei dafür gepriesen! — sie waren gut und bei den Menschen wohl gelitten. Mein Erstgeborener diente als Gehülsc in einem Geschäfte und konnte von dem geringen Lohne seine Mutter in etwas unterstützen. Ich war durch vieler Herren Länder gezogen; von Zeit zu Zeit erhielt ich von den Meinen Nachricht, während ich regelmäßig meine Bettelpscnnige ihnen zugehcn ließ. Es war ein hoher Frcndcntag für ntich, als ich endlich den letzten Groschen zu den ersten hundert Thalern legen und durch Uebersendnng dieses großen Kapitals den Grundstein zu dem erhofften Wiederanfban meines LebcnsglückeS errichten konnte. Wahrlich, diese hundert Thaler waren mühsam erarbeitet! Jeder Pfennig davon war eine Wiederholnng des traurigen, mühseligen, schweren Bettel- Handwerks. Eö klebte nicht nur der Schweiß der ״Arbeit" daran, sondern auch daS Blut der Beschämung und Verachtung, welches ich trotz der langen Gewöhnheit des vagabondirenden BettlerdaseinS tagtäglich auf meiner Wange fühlte. Spottet nicht meiner, wenn ich von Arbeit rede! Für Weib und Kinder int Schweiße der angestrengtesten Arbeit zu sorgen, ist süß; für sie zu darben ist ein j erhebendes Gefühl, — für sie zu betteln, ist das ן Schwerste, Bitterste und verdient wohl den Ehren-! namen ״Arbeit!" | Der erste Schritt war gethan; — meine Frau | richtete sich einen kleinen Handel ein; ich konnte meine! Geldsendungen verringern. Ich sing nunmehr an zu! sparen für die Erwerbung eines Kapitals, um selbst wieder arbeiten zu können. Ich hatte mir vorgenommcn, den einmal niedergelegten Bettelstab nie wieder zu ergreifen, — deshalb wollte ich betteln und sparen bis ich hundert Thaler für mich erübrigt hätte, -- so viel glaubte ich zur Begründung eines selbstständigen Erwerbs zu benöthigen. (Fortsetzung folgt.) ׳ Inserate werden die Nspaltigc Pctitzcilc •A.* i־* |M!' §״r den Inhalt derselben übcrnnmnt bie oder deren Na um mit 2.'» Psg. berechnet. f | ׳/! <%■;|'׳•l Redaktion keinerlei Berantwortnng. Jnscrationöannahme für Frankfurt a. M. auch bei der Buchhandlung von I. 5rausfmann daselbst, ohne Preiserhöhung. Der lutschllilirc Zähler. 1 Praktisches ^"»),'-Li'rchlein. für daS Jahr; 56t:j in Wand- und Laschenkalenderformat.! Preis: 20 Psg. Frankfurt a. M.! Louis Golde, j ili® Muidorstr, 21. Ams terdarn. Unter rabbinatlicher Aufsicht — Eröffnung Mai s. K.