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Jeschurun · 1883-04-12 · Heft 15 (12.4.1883) · p. 236

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 15 (12.4.1883)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1883-04-12
Page
236 (sequence 2)
Language
German
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236 hältnißmäßig sehr junge Wissenschaft, wenn sie anders überhaupt schon als solche zu betrachten ist; über die Ursachen der Erscheinungen auf dem wirthschaftlichen (gebiete dürste cs ihr nämlich bis jetzt noch nicht geliingeil sein, feststehende Grundsätze aufzustcllen, ivie cs ihr auch nicht mönlid) gewesen, die Wege zu bezeichnen, auf welchen den sozialen Schäden wirksam zu begegnen ist. Die mit so vielem Selbstbcwußtsein vorgetragenc Doktrin kommt im Grunde noch nicht aus der bloßen Hypothese hinaus, welche von der Erfahrung fortwährend ^ügeu gestraft wird. Auch das System des geistvollen Berliner Professor leidet an dieser Schwäche; das allgemeine Wohlbefinden durch die von dem Staate zu bewirkende ״Organisirung der Volkswirthschaft" zu begründen, vermag auch seine Theorie nicht. Der Gegensatz zwischen Reich und Arm, die Oinnipotcn; des Kapitals, der geringe Lohn der Arbeit, die Unentbehrlichkeit der stehenden Heere sind ״Fragen", an welchen auch sein Witz sich vergebens erschöpft. Eine Antwort auf diese ״Fragen" ist freilich längst gegeben; dieselbe liegt seit vielen Jahrhunderten in dem Bitchc aller Welt offen, welches das jüdische Volk unter die Arensch heit zu verbreiten berufen ist. Und so lange die Lehren dieses Buches nicht;um Staatsgrundgesetz der Nölkcr geworden sind, so lange werden diese Fragen ungelöst bleiben. Doch davon wollte ich hier nicht sprechen;- das Thema ist zu groß für die kleine Spalte einer Korrespondenz. Ich wollte ihnen nur von den: Bankett erzählen, welches der Wissenschaftliche Klub am 30. v. M. dem berühmten Elaste zu Ehren veranstaltet hatte. Aber auch dieses Festgelage selbst wäre kein (Gegenstand, welcher für eine Zeitung von der Tendenz des ״Jeschnrnn" beachtenswert!) fein könnte. Wohl aber der Trinkspruch des ehemaligen Direktors der Allgemeinen Depositenbank, Herrn Dr. Schein!pflüg, welcher nicht Wagner's Wissenschaft, sondern dessen antisemitische Thäligkeit feierte. Der Sekretär des Riedcrrösterreichischen Gewerbe- Vereins, Herr Dr. Anspitzer, wies die Verquickung der Volkswirthschaft mit dein Streite unter den Konfcssiouen zurück, und auch Professor Wagner verwahrte sich dagegen, daß man ihn mit Allem, was der Hofprediger Stöcker in Berlin thuc und rede, idcntifizire. Er mißbillige die Judcnhetzc im Allgemeinen, jedenfalls ginge Stöcker auf diesem Gebiete zu weit. Es sei für ihn, der als Mann der Wissenschaft nur die sozialen Erscheinungen des Tages zu registrircn und zu erklären habe, gleichgültig, ob von Juden oder Ehristen der Schwächere ausgebeutet werde. Man dürfe die Juden nicht zun! Prügelknaben der wirthschaftlichen Schäden allein heransheben. ׳?iach verschiedenen Rednern nahm Dr. Scheimpflug von Neuem das Wort und mahnte zur Rückkehr zuiu Christenthume u. s. w. Die Ge- Ntüther erhitzten sich immer mehr, cs soll sogar auch an handgreiflichen Auseinandersetzungen nicht gefehlt haben, und so endete das Fest des ״Wissenschaftlichen Klubs" in wenig wissenschaftlicher Weise. Wr. Wien, R April. Meincin nculichen Berichte über das Hiuschciden des Oberrabbiners Schreiber und die damit in Verbindung gebrachten Umstände, füge ich heute in Kürze einen Auszug aus der Ver- Handlung des österreichischen Reichsraths vom 5. d. M. an. Der Präsident Dr. Smolka schloß an die Mitthcilung der Ermordung des luckex curiae Majlath folgende Rede an: ״Ich habe dem hohen Hause noch eine andere Trauerbotschaft zu verkünden. Während der Unterbrechung unserer Sitzungen ist unser Kollege Herr Abgeordneter Simon Schreiber, Ober-Rabbiner in Krakau, einem Schlagaufalle erlegen. Wenn eS dem Verstorbenen nicht gegönnt war, den Verathungen des hohen Hauses in dem Maße nachzukoinrncn, wie er es sicherlich gewünscht hat, so ist es auf seine seit mehreren Jahren bereits bedeutend untergraben gewesene Gesundheit zurückzu führen; sicher ist, daß der Verstorbene auf Grund seiner gesellschaftlichen und seiner Berussstellung sich bei dem weitaus größeren Theile seiner Glaubensgenossen in Galizien eines sehr hohen Ansehens und eines sehr bedeutenden Einflusses erfreute. Selbstverständlich kann es nicht meine Aufgäbe fein, und ich fühle auch nicht den Beruf und das Geschick dazu, sein Wirken in seiner Berussstellung einer Kritik zu unterziehen. Doch der persönliche Verkehr mit ihm hat mir die gewissenhafte lieber- Zeugung verschafft, daß nicht persönliche Motive, nicht selbstsüchtige Zwecke, sondern tiefinnerste religiösc lleberzeugung. diesem seinem Wirken in seiner Bcrufsstclluug zu Grunde lag, und es ist dies ein Moment, welches auf Achtung Anspruch hat, und deshalb begleite ich auch sein Hinscheiden mit inniger Betrübniß. Ich nehme an, daß auch das hohe Hans, indem cs sich während dieser meiner Ansprache bereits erhoben hat. ihn! ein ehrendes Andenken bewahren wird, und daß es zustimmen wird, daß diese Ancrkennung des hohen Hauses in! Protokolle der heutigen Sitzung verzeichnet werde." Diese warme Anerkennung von Seiten der Vertreter des österreichischen Volks dürste. schwerer wiegen, als die Angrifje, welche von minder berufener und urtheilsfähiger Seite gegen den Verblichenen versucht worden sind. E u g l a n d. ׳!111׳. London, 6. April. Seit 3 Wochen er-! scheinen die hiesigen jüdischen Zeitungen mit schwarzem : Rande, zweimal bereits hat Dr. Hermann Adler die i schmerzliche Pflicht gehabt, am שכת in der Central! Synagogue dahingeschiedeiieu hervorragenden Persönlich- - leiten der jüdischen Gemeinde dahier Trauerreden zu

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