Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1883-04-12 · Heft 15 (12.4.1883) · p. 232

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 15 (12.4.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-04-12
Page
232 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2932754-2932996-2933012-2952508--12352-2952550
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

232 unintcrcffantcn Leben mitgcthcilt und freute sich des regen Interesses und des verständigen, in vielfacher Be- Ziehung weit über ihre Jahre gereiften UrtheilS des jungen Mädchens. Abends, als der Toni heim kam, führte er die Kuh wieder vor daS Fenster und stellte den vollen Milchkübel wieder durch das geöffnete Fenster in'S Zimmer. Gleich darauf aber rief er abermals: ״Marie! Marie! schau her!" Sie blickte hin, der junge Bauer ständ vor ihrem Fenster, eine Henne in der einen Hand, ein großes Küchenmesser in der anderen. Sie vermuthetc, er wolle das Thier tobten und unwillkürlich schloß sie die Augen. ״Schau her, Marie!" rief er heftig, ״schau doch her!" Sie blickte abermals hinaus und richtig, eben war er im Begriff der Henne die Kehle zu durchschneiden und wenige Minuten darauf warf er den gctödtcten Vogel ebenfalls durch das offen stehende Fenster in'S Zimmer. Mirjam vermochte sich dieses seltsame Gebahren nicht zu erklären, doch da kamschon der Toni und nickte ihr freundlich zu. ״Na, morgen wirst 'ne. gute Hühilcrsuppcn haben, die giebt Kraft." Sie sah ihn staunend au: ״Hühnersnppen?" ״Na ja, freilich, hast'S doch selber g'seheu, wie ich'S g'schlachtet Hab'." ES währte einige Minuten, bevor es Mirjam klar ward, daß der junge Bauer wähnte, so wie sie die Milch trinke, die er in ihrer Gegenwart gemolken, so werde sie auch daS Huhn essen, das er vor ihren Augen gctödtet. Sie fand diese Idee urkomisch lind brach in ein lautes, herzliches Lachen aus. ״Schau, wie frisch Du lachen kannst, das hält' i nintmer glaubt. Aber sagen niußt auch, wegen was Du lachst; am Ende gar wegen mir?" Mirjam bemühte sich, ihre Lachlust zu unterdrücken, dankte ihm in den herzlichsten Worten für seinen guten Willen, erklärte ihm jedoch, daß sic nur solche Thiere essen könne, die nach jüdischer Vorsicht geschlachtet. Er schüttelte uumuthig den Kopf; er hatte sich auf den Einfall, einen Vogel in ihrer Gegenwart zu schlachten und ihr dadurch den Genuß einer kräftigenden Speise zu ermöglichen, etwas zu Gute gethau, und nun hatte er diesen Zweck doch nicht erreicht. ״Ihr seid'S halt doch ein kurioses Volk — gar kurios." Mirjams Befinden besserte sich von Tag zu Tag; auch an ihrem Bein hatte sie nicht gar heftige Schmerzen, doch die Wunden schienen durchaus noch nicht in Heilung begriffen. Der Bader kau! fast täglich, sic zu verbinden, denn der Seidler Toni, der sich seine Unvorsichtigkeit nimmer verzeihen konnte, drängte ihn unablässig, alles Mögliche zu thun, um ihre Heilung zu beschleunigen. Nicht, daß ihm ihre Anwesenheit in seinem Hanse zu lange geschienen hätte, im Gcgenthcil, er hätte Stunden lang an ihrer Seite sitzen und den wechselnden Ausdruck ihrer sanften, schönen Züge beobachten können — und nun gar mit ihr. plaudern. — Die Bozena, seine Braut, hatte ihm bereits vorgeworfcn, daß er um des fremden, lahmen Mädchens willen sie vernachlässige. Er hatte taut anfgelacht und sie versichert, daß er nur aus Mitleiden und um sein Gewissen zu beschwichtigen, die durch ihn Leidende zuweilen zu unterhalten suche und dann hatte er sie geneckt, daß sic auf ein Kind eifersüchtig sein könne. Eigenthümlich war eS, im Seidlcrhof betrachtete Jeder die Verwundete noch als Kind, sowohl die alte Seidler, als ihr Sohn und säinmtliche Knechte uub Mägde. Die Letzteren sprachen sogar von ihr, als zähle sie kann! zwölf Jahre, denn sie hatte allerdings einen ungemein kindlichen Ausdruck in ihrem Angesicht und die Blinde bezeichnete mit Absicht ihren Leuten gegenüber Mirjam'S Abneigung gegen gekochte Speisen als Laune eines noch unvernünftigen Kindes. Zudem hatte. der große, kräftige Bauer sic an jenem Abend in seinen Armen getragen, wie man ein Kind trägt und Keiner hatte sie seitdem auf ihren Füßen gesehen. Aber das Auge der.Eifersucht sieht schärfer. Bozena glaubte in den! jungen Mädchen, obgleich sic eS lahm nannte, bereits eine gefürchtete Nebenbuhlerin zu erblicken. Oester als je kan! sic in den Seidlcrhof und beobachtete jede -Bewegung ihres Verlobten, ob er auch der Fremden nicht allzuviel Aufmerksamkeit schenkte. Dilrch seine Leute hatte sie erfahren, daß er, wenn er dahein!, eS keinem Anderen überlasse, Mirjam hinaus in den Garten zu tragen, wo sie bei schöner Witterung in Gesellschaft der Blinden oft tagelang verweilte, denn der Bader hatte frische Luft empfohlen. Aber in Gegenwart seiner Braut wagte er daS nicht und rief einen seiner Leute, wenn das Wetter sich zu ändern drohte und er für die doch immerhin noch Leidende heftigen Wind oder Ncgcn fürchtete. Doch auch diese geringe Aufmerksamkeit betrachtete die eifersüchtige Bäuerin mit scheelen Blicken. Gleich nach den ersten Tagen, sobald sie sich wieder kräftiger gefühlt, hatte Mirjam eine der Mägde um Handarbeit ersucht und nähte nun fleißig, was es nur immer im Hause zu nähen gab, denn einerseits, an Müssiggang nicht gewöhnt, war Arbeit ihr^Äedürfniß, und andererseits wünschte sie sich hierdurch auch erkenntlich zu zeigen gegen ihre freundlichen Wirthe, die sie mit Aufmerksamkeiten überhäuften. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.