Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1883)
- Article
- Amerika : Chicago [Nachricht]
- Date
- 1883-04-05
- Page
- 222 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Aus den Mcmoireil eines PcttlerS. Mitgctheilt von Zlaphtaki Simon. ur. (Alle :IIechte i'oil'clialtcii.) (Fortsetzung.) Sie sind die ״Vornehmen," weil sie nicht nur mit ordnungsmäßigen LeginmationSvapieren, sondern and) mit besonderen Empfehlungsbriefen versehen, leichter den Zutritt zu den mildherzigen Glaubensgenossen erlangen und reichere- Gaben erhalten. Die Rabbiner de? betreffenden Orts pflegen derartigen Bedürftigen gern eine Bescheinigung über die ihnen bekannte Unterschrift her russischen AmtSgcnosscn auSzustcllen und ihrerseits einige empfehlende Worte hinzuznfügen. In sehr vielen Fällen gelingt es diesen so anSgezeichneten Armen, ihre Zwecke zu erreichen. Ich hatte selbst Gelegenheit, den Werth von ״Papieren" zu erfahren. Ich gehöre, natürlich der Klasse der gewöhnlichen Bettler an, reise mit einem falschen Passe ohne andere Empfehlung, als diejenige, welche das Unglück an und für sich dem mitfühlenden Mitmenschen selbst cntgcgcnbringt. CS war .inir eine Zeit lang sehr schlecht ergangen. Ich war schlaff geworden und vermochte nicht mit der nöthigen Energie meinem traurigen ״Berufe" obzulicgcn. Trotz der wieder begonnenen, nicht zu schildernden Einschränkung, brachte ich kaum so viel zusammen, um das Allernothwendigstc den Mciucn in die Heimath senden zu können. Da führte mich Gott zu einem edlen Manne, welcher die stumme aber doch so beredte Sprache einer dumpfen, verzweifelnden Stimmung, die sich meiner bemächtigt hatte, zu deuten verstand. Statt nnch mit einer geringen Spende abzuferligen, veranlaßte er mich, ihm meine Lage uuverholen zu offenbaren. Trotz meines schlechten Deutsch muß der Ton meiner Rede so überzeugend gewesen sein, daß ich für meine Erzählung den Glauben der Wahrheit in ihm erweckte. Er riet■) mir, ein Gnadengesuch an den Kaiser direkt cinzurcichen und wendete sich deshalb für mich an den ihm zufällig bekannten russischen Gesandten, welcher sich bereit erklärte, eine vom Auslände ihm durch Bcrinittclung des edel- Nlüthigcn Mannes zngchendc Immediateingabe nach Petersburg zu befördern. Mein Beschützer setzte eine solche auf. In bewegten Worten schilderte er in meinem Namen aus meiner Seele die ganze Größe des Jammers und Elends eines in der Fremde herumirrendcn Bettlers, welcher nirgends Ruhe finden kann. Er schilderte die Angst und Sorge des Gatten und Vaters uin das darbende Weib, um die hungernden Kinder, von welchen er auf ewig getrennt war, und das schreckliche, bcweinenSwerthe LooS der Letzteren, die ihrer Stütze, ihres Ernährers beraubt sind. So flehte ich durch seine Worte um Gnade, um die Erlaubniß, unbehelligt in die thcnre Heimath zurückkehren zu dürfen. Dieses Schriftstück wurde in französische Sprache übertragen, als ob der Bittsteller in Frankreich weilte, weil der Gesandte, dessen. menschenfreundliches Wohlwollen Gott belohnen möge, von meiner Anwesenheit im Bereiche seines diplomatischen Amts offiziell keine Kenntniß haben durfte. Vor meiner Abreise bat ich meinen gütigen Freund — er wird mir sicherlich diese vertrauliche Bezeichnung gestatten und sich nicht schämen, daß ein Vagabond ihn also nennt — mir das deutsche Original zum Andenken an seine Wohlthat zu überlassen. Wir setzten auf den Erfolg dieser Eingabe nur eine sehr schwache-Hoffnung; wir glaubten, damit nur eine Handlung vollzogen zu haben, welche, wenn cS Gottes Wille sei, das Herz dcö mächtigen Monarchen mir günstig zu stimmen, möglicher Weise vielleicht zum Guten auSsallen könnte Mein Bündelchen unter dem Arme und den Stecken in der Hand, wanderte ich zum Thore hinaus und gelangte in das zunächst gelegene Städtchen, in welchem nur drei oder vier jüdische Familien wohnten. Es war mit die sommerliche Abendzeit, als ich in den ersten Laden dcS OrtS, der sich durch eilten jüdischen Namen über dem Eingang als das HauS eines Glaubensbruders kennzeichnete, eintrat. Ich blieb demüthig neben der Thür stehen bis die Käufer sich entfernt hatten. Erst jetzt trat der Hausherr an mich heran mit der ziemlich barschen Frage: habt ihr Papiere'? — Ich griff in die Tasche, um ihtn meinen Paß zu überreichen, erfaßte aber statt dessen die Abschrift nteiueS Bittgesuchs. Die Frau war hiuzugekommen und blickte über die Schulter des MauneS in die Schrift. So lasen die beiden Gatten geitieiusani ineine Eingabe an den Kaiser. — Ich schaute verwundert auf, daß sie meinem verineiutlichcn Passe eine so große Aufmerksamkeit zollten und war nicht wenig erstaunt, als ich in dem Auge der Frau eine Thräne erblickte Diese Thräne vergesse ich nie, — diese heilige Zähre, welche die schöne, warme Empfindung deines milbett Herzens um mich, den fremden Bettler, dich, weinen ließ, du edles Weib! Diese Thräne, der Ausdruck deines Mitgefühls mit dem Leid deines armen Bruders in Lumpen, ist mir das kostbarste Geschenk — habe Dank dafür, gute, wackere Frau! :Foelsctzulig folgt.)