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Jeschurun · 1883-04-05 · Heft 14 (5.4.1883) · p. 216

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 14 (5.4.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-04-05
Page
216 (sequence 2)
Language
German
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216 was fallt Dir ni ein? — Aber vor allein mußt wissen, daß Du das vcrflitzte Sie weglassest, bei uns im Dorf rede! Keines so. Kannst ni Du sagen so gut als wie ich?" Sie schüttelte den Kopf; den Bauer zu dutzcn, das kam ihr allzu seltsam vor. ״Na wegen meiner sag Er oder Ihr — alles besser als wie Sie. Alsdann aber sag, was fallt Dir ein, daß Du meinst, i müßt'S wissen, wegen was Du ni essen willst?" ,,Ich habe cö Euch doch gestern gesagt, daß ich Jüdin bin." ״Und von dcßwcgcn wolltest ni essen? 'S braucht ja nichts Schweinernes z' sein — wegen meiner was von Milch." ״Auch Milch nicht" sagte Mirjam. ״Keine Milch nicht? Maderl, was fallt Dir bei! die Milch kommt nimmer vom Schwein. Wegen meiner bring ich Dir die Bleß vor's Fenster und melk sie, daß Du siehst, woher die Milch kommt." Mirjam nickte crröthcnd. ״Wenn Sie — wenn Ihr das thätet, würde ich gern Milch trinken.". Der Bauer lachte laut auf und eilte hinaus. ״Narrcle, klciu'S Narrcle, wirst'S sehen, woher die Milch kommt." Und in der That, wenige Minuten darauf klopfte eS an's Fenster; sie blickte hin, da stand der Toni neben einer feisten Kuh, einen Milchluvel am Boden, und er melkte kunstgerecht hinein. ״Na, schaust'ö? rief er lachend und nickte ihr zu, dann stieß er das Fenster ans und stellte den Kübel in'S Zimmer. ״Jetzt kannst Milch trinken, jetzt weißt, woher sie kommt." Gleich darauf trat er mit einen! großen Glase in'S Zimmer, füllte cS mit der frischen noch schäumenden Milch und reichte eS dem jungen Mädchen. Sic nahm cS dankend und leerte cS mit sichtlichem Wohlbehagen. Der Bauer hatte seine Freude daran. ״So, das war brav. Aber schau, Marie, das hält' i holt nimmer geglaubt, daß Ein'S meinen thät', die Milch kam vom Schwein." Mirjam versicherte lächelnd, daß sie allerdings wohl gewußt habe, daß Kühe Milch liefern, daß sie jedoch trotzdem dieselbe nur dann trinken dürfe, wenn sie.in ihrer Gegenwart gemolken wäre. Er blickte sic betroffen an. ״Red'st im Ernst? alsdann müßte die׳ Bleß immer da vor'S Fenster zu Dir kommen? — 'Na, wegen meiner, mir kann'S recht sein — aber kurios ist'S halt." Er schaute sinnend vor sich nieder und schüttelte wiederholt den Kopf; Mirjam fürchtete, ihn verletzt zu haben, ׳doch sie sagte sich, sie habe nicht anders reden können. ״Ich möchte Euch um etwas bitten," begann sie endlich schüchtern. ״Na, was ist'S? möcht'st noch'!! Glas Milch?" ״Nein, ich danke. — Aber Eure Mutter ist so gut zu mir und ich habe sie so gern und da fürchte ich immer, cs möchte sic beleidigen, daß ich hier nichts esse. — Da möchte ich Euch nun bitten, daß-Ihr mir erlaubt, Eurer Mutter zu sagen, warum ich's nicht thue — weit ich nämlich Jüdin bin." Er nickte ihr freundlich zu. ״Bist'!! braves Maderl, Marie, schau, das gefallt mir. Erstens, daß Du meine Mutter gern hast und sie nicht beleidigen möcht'st, und'zweitenS, daßDu ihr aber doch ni gesagt hast, was Du mir versprochen hast, daß Du's Keinem sagen willst. Das ist brav. Und weißt, was mir noch an Dir gefallt? — 'S ist mir zwar gar ni mit, daß Du bei unö nst Gekochtes essen willst — denn immer und immer Brod —״ ״Ich hoffe, ich werde Euch nicht gar so lange be> lästigen müssen —" ״Was red'st denn für Narrethein, wen belästigst? — uns doch ni. Aber Dich halt, denn mit'm Essen ist'S arg. — Aber'S geht halt doch ni anders, da bleiben mußt, b'vor's Bein ni g'heilt ist, kannst nimmer fort — und vier Wochen kann'S dauern, der Bader hat's gesagt. — Aber schau, Marie," fuhr er bittend fort, ״überleg's Dir, ob's denn wirkli Sünde war', wenn Du bei uns was Ordentliches essen thät'st. — Bier Wochen lang ka G'kochteS — 'S ist lang — und 'S braucht justenient ni vom Schwein zu sein —" Sie schüttelte verneinend das Haupt. ״Und wenn ich ein ganzes Jahr hier bleiben müßte, ich würde doch nichts Gekochtes bei Euch essen." ״Das ist mir leid — aufrichtig leid. — Und daß fo’it junges, schmales Maderl — noch dazu wenn'S liegen muß — und so ganz allein —" Er hielt imic, aber cö war ein ganz cigenthümlicher Ausdruck voll Achtung und Bewunderung, mit dem er sie betrachtete. Sic senkte erröthend den Blick. ״Ihr habt also nichts dagegen, daß ich's Eurer Mutter aufrichtig sage." — ״Gar nicht — durchaus nichts — aber verstehst, nur wenn Du mit der Mutter allein bist. Ich Hab Dir'S ja gesagt warum. Die Kati hat Dich zwar gern — aber wer weiß, wie sie sein möcht', wenn sie wüßt, was Du bist. Denn weißt, aufm Dorf sind auch die Besten meist schlimm gegen'!! Jnd." ״Aber woher kommt eS denn, daß Ihr so gar nicht j schlimm gegen Juden seid?" fragte Mirjam, indem sie lächelnd zu ihm aufblickte. (Fortsctzmig folgt.)

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