Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-03-29
- Page
- 200 (sequence 2)
- Language
- German
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200 Mirjam crroicöcrtc nichts, sie hatte ihn vielleicht nicht einmal verstanden, ihr kam Alles noch wie ein wüster, verworrener Traum vor, aber sie ließ cs ruhig zu, das; der Bader ihre Wunden untersuchte. Hin und wieder zuckle sie wohl, wenn seine Berührung ihr einen heftigen Schmer; verursachte, aber sic ließ ihn gewähren . inib hatte auch das müde Haupt wieder ans das Polster! sinken lassen. ״Na, 'S wird schon gut werden," sagte der Bader,; nachdem er die Wunden srisch verbunden hatte. ״Jetzt,; Seidlerin, laßt dem Madert eine gute Milchsuppen! kochen oder sonst was Veid)tc*, daß sie nicht zu schwach j wird, und ich wer' schon wieder nachschaucn, wenn'S! Zeit ist.! Mirjam blickte dem sich entfernenden Dorf-Gelehrten j träumerisch nach; cs war ihr noch immer nicht recht! klar, wo sic sich befand, aber sic fühlte sich;1t schwach, j mit viele Fragen;11 stellen. , Die Blinde hielt noch immer ihre Hand und j streichelte sic leise; Mirjam wandte unwillkürlich den! Blick;11 ihr und schaute lange sinnend;11 ihr ans. j Der giitmüthige, theilnehmende Ausdruck in dem Auj gesicht der Alten machte einen äußerst beruhigenden j Eindruck aus die Kranke. Die alte Seidler war eine schone alte Frau, wie man sie ans dem Lande selten ' findet. Ihre Wangen waren zwar ciugcsallcn, aber wenig faltig und auch die Stirn nicht übermäßig gefurcht; ihr Mund war schmal und trotz ihrer vorgerückten Jahre noch nicht gan;;ahnlos. Ihre weißen Haare waren nach Art der mährischen Bäuerinnen unter einem farbigen Kopftuch geborgen, doch an der rechten Schläfe stahl sich ein Silberlöckchcn hervor und glänzte hell im Sonnenschein. Und es war, als hätte die Blinde den sinnenden, fragenden Blick der Berwundeten empfunden, sie neigte sich zu ihr und erzählte ihr in sanften,;11trauenerweckendeu Worten von sich und ihrem Sohne. Wie eS ihnen beiden so unaussprechlich leid rhäte, daß das junge Mädchen durch die Unvorsichtigkeit ihres Sohnes;11 leiden habe, wie sie aber Alles, was in ihren K rüsten stände, thun wollten, um ihr Leiden;11 mildern. Daß sic bei ihnen bleiben müsse, bis sie voll- 'ständig geheilt sei, und daß sie Alles haben solle, was sie wünsche. Wenn das Fieber gan; vorüber sei, solle die Kati die besten Leckerbissen ihr kochen und braten; jetzt dürfe sie aber noch nicht gar viel genießen. Dann rief sie die Magd und befahl ihr, nach Anordnung des BadcrS, der Kranken eine Milchsnppe;11 bereiten. Die Kati war flink und es währte keine Bierielsiunde, so brachte sie das Verlangte in einer säubern dampfenden Schüssel. ״Na, jetzt hilf dem Maderl, daß cS essen kann," befahl die Blinde. Bereitwillig stützte die junge Bäuerin das schwere Haupt der Berwundeten, half ihr sich aufrichten und hielt ihr die Schüssel vor, indem sie ihr einen blanken Blechlöffel bot. Seit nahezu achtundvicrzig Stunden hatte Mirjam nichts Warmes genossen und verlangend aber doch träumerisch blickte sie nieder ans die einladende Schüssel. Sic hatte den Lössel genommen und war eben im Begriff, ihn in die Schüssel zu senken, als sie plötzlich, wie aus einem Traum eiwachend, sich mit der Hand über die Stirn fuhr. Der Lössel entglitt ihrer Hand und abwchrcnd schüttelte sic das Haupt. ״Nein," flüsterte sie, ״nein!" ״Vas nein'?" fragte verwundert die Magd, ״sie will die Suppen nicht essen?" ״Nein," wiederholte die Kranke unter abermaligem .Kopfschütteln, — dennoch blickte sie wie verlangend ans die dargebotene Speise.' ״Aber warum willst nicht essen, Kind?" fragte die Blinde freundlich zuredend, ״die Kati versteht's stochen, die Milchsuppen ist gut. Der Toni hat schon in der Nacht gewollt. Du sollst essen, daß Du nicht schwach wirst. . Geh, versuch ’n Lössel." Aber das junge Mädchen blieb bei ihrer Weigerung. ״Das ist nicht gut," sagte besorgt die Blinde, ״hast denn gar keinen Hunger, Kind?" Mirjam erröthete, sic empfand allerdings Bedürfniß nach Speise, aber sie fürchtete, ihre freundliche Wirthin;11 verletzen, wenn sie das Dargebotene zurnckwieS und Anderes verlangte. Die junge Magd verstand ihr Zögern. ״Freili hat'S Hunger" sagte sie ״nur halt ans die Suppen nicht, '11 Bnchtcrl möcht'S essen, gelt?" ״Jsl's wahr Kind?" fragte die Alte ״schäm Dich nicht/ schass' Dir an, was Du gern hätt'st, die Kati wird's bringen." Mirjam bat schüchtern um ein Stückchen Brod. ״Brod?" wiederholte die Alte, ״׳na, bring 'n Slückerl. Kati. Aber schau, Kind, 'S ist halt nicht gescheidt, wenn Eines liegen muß, da thut'S Suppen besser als Brod. Aber wenn Du justement Lust darauf hast — geh, Kati, bring' 'n Stückerl." Kati gehorchte, und Mirjam verzehrte mit sichtlichcm Appetit ein Stückchen schwarzes Brod und bat dann um einen Trunk frischen Wassers. ״Wasser und Brod" lachte die junge Bäuerin ״'S billigste ist'S. Aber sie schaut in darnach ans, die feine Mad, als ob's nicht Anderes gewöhnt war; oder ist'S ihr bei uns ni sein genug?" ״Geh, Kati, waS rcd'st für Dummheiten. Wenn Eines krank ist, kann's nicht alleweil essen, hernach La wird's schon gehen." -Forlsctzung folgt.)