Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1883)
- Article
- Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
- Date
- 1883-03-29
- Page
- 199 (sequence 2)
- Language
- German
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199 ebenbürtigen Bruder ohne jeglicheö Borurtheil betrachten und lieben. Denn was heißt es anders, wenn er den Inden zürnst, eingedenk zu sein, daß außerhalb des Christenthnms zu bleiben und innerhalb der Nation zn stehen wohl ״möglich," aber ״schwer und gefahrvoll" sei? Durch wen sollte den Inden Gefahr drohen, wer sollte ihnen Schwierigkeiten bereiten, wenn sie Juden und Deutsche sein wollen? Wer sonst, als die deutschen nichtjüdischen Mitbürger! So verzweifelt der tiefblickende Geschichtsforscher, der freisinnige deutsche Patriot an dem Fortschreiten unseres deutschen Lölkes auf der Bahn der Aufklärung, und er weiß für uns Inden nur den Rath — aufzuhören Juden zu sein, und — insofern wir es ohne Gewissensslrnpel vermögen — Christen zu werden. Ist daS nicht tief betrübend und niederschlageud? Ein Mommsen denkt so gering von seinem Volke und erachtet das Vorurtheil im Gemüthe und der Anschauung der deutschen Nation für so fest eingewurzelt, daß er den endlichen Sieg der Wahrheit und des Geistes der Gerechtigkeit nicht zu hoffen wagt! Dieses Bekenntniß aus dem Munde Theodor Mommsen's ist für uns mit die schmerzlichste Erfahrung in dem Trübsal der Gegenwart. Wie schwer muß es dem großen Manne geworden sein, dieses beschämende Bekenntniß abzulegeu; wie mag er gekämpft haben, bis er es über sich vermochte, es als Produkt seiner gewissenhaften Erwägung, als seine Ueberzeugnng kund zu geben! Und dabei spricht er aus. daß nach seiner Ansicht das Wort .,Christenheit nicht mehr heute voll bedeute, waS es einst bedeutete", aber es sei ״immer noch das einzige Wort, welches den Karakler der heutigen internationalen Zivilisation znsammenfaßt!" Welche Perspektive eröffnet sich dem weitschaueuden Blicke eines Mannes, welcher, gewohnt den ursächlichen Zusammenhang der an die Oberfläche tretenden Erscheinnugen im Vebcn der Völker mit den in der Brust und dem Kopse der Menschen wirkenden Gefühlen und Ansichten zu erkennen, zu einer so trostlosen Erkenntniß gelangen konnte! (Fortsetzung folgt., Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. (Nach einer wahren Begebenheit) Kriedrich VotL, (Mc ytcrfjtc vorbchalrcn. (Fortsetzung.) An die Kosten der Verpflegung und daß sie selbst vielleicht wochenlang in ihrer gewohnten Ruhe und Ordnung gestört sein könne, daran hatte die gutmüthige Alte noch nicht einmal gedacht. Regungslos saß sie am Bette und hatte das Antlitz der Schlummernden zugewendet, denn am Tage namentlich bei Hellem Sonnenschein hatte sie noch eine Art Schimmer vor ihren müden Angen. Und als jetzt ein Tonnenstrahl durch die niederen Fenster sich stahl hin zu dem Kopfkissen, auf dem das Haupt der Verwundeten ruhte, da gewahrte sie etwas Rosiges, umrahmt von goldigem Glanze und der goldige Schimmer ergoß sich wie ein Strom bis zum Rande des Bettes. Die Blinde tastete danach mit ihrer zitternden Hand und faßte einen von Mirjams schweren blonden Zöpfen. ״Ach wie schön," flüsterte sie, indem sie den Zopf in ihrer Hand wog, ״der ist noch schwerer als der Bozena ihrer, unb wie's glänzt, als wäre es eitel Gold. Armes Ding! wenn's nur bald wieder frisch wäre." Bald darauf kam der Bader, Mirjam schlief noch immer. Die Blinde erstattete Bericht über den Verlauf der Nacht, wie die Kranke phantafirt und sich ans dem Bette hatte stürzen wollen und wie der Toni sie hatte halten müssen, wie sie aber ruhig geworden, nachdem sie beinahe einen vollen Krug Wasser geleert und daß sie seitdem nnnnterbrochen geschlafen. Der Dorf-Medikus hörte ihrem Berichte aufmerksam zu, indem er verstäudnißvoll wiederholt mit dem vierschrötigen Kopfe nickte. ״Hält' Ihr's voraus sagen können, Seidlerin," sagte er, mit seiner vollen rothen Hand das feiste Kinn sich streichelnd, ״hält' Ihr's voraus sagen können. DaS ist das Wundsieber, das kommt alleweil nach'm Schuß. Als der Försterbnb im verwichenen Jahr sich den Schrot in die Hand gejagt hatte, da hat er in der Nacht drauf auch gerast, hat der Förslerin sogar in'S Gesicht gespien, und ist doch sonst ein ganz braver Bub. Jetzt wollen wir aber nach'm Bein schonen. Er trat zum Bette, nahm ziemlich vorsichtig den kühlenden Umschlag von den verwundeten Stellen und war eben im Begriff, das Pflaster zu entfernen, als das junge Mädchen in die Höhe fuhr und mit weit aufgerisseuen Augen ängstlich um sich blickte. ״Wo bin ich?" stammelte sie. ״Bist gut aufgehoben, Maderl," lachte der Bader, ״fürcht' Dich nicht." ״Bist bei der alten Seidlerin," sagte die Blinde, indem sie nach der Hand des jungen Mädchens tastete und dieselbe abwechselnd bald drückte, bald streichelte. ״Brauchst Dich nicht zn fürchten, Kind, ich kann Dich zwar nicht anschanen, aber mir scheint, Du schauest aus wie ein braves Maderl." ״Freilich schant's wie ein braves Maderl aus," stimmte der Bader bei, ״aber jetzt muß sie auch brav sein und mich's Bein anschanen lassen."