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Jeschurun · 1883-03-22 · Heft 12 (22.3.1883) · p. 184

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 12 (22.3.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-03-22
Page
184 (sequence 2)
Language
German
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184 bicfer Zeit cnlmcber verhungern müssen ober am Ende! gar gezwungen werden, unerlaubte Speisen zu genießen.! Doch allmählich ward sie ruhiger und indem sie den festen Vorsatz fahle, durch!einerlei Umstände sich ver׳; leiten zu lassen, irgend etwas zu genießen, wovon sie ' nicht überzeugt war, daß sie es genießen dürfe, beschloß sie gleichzeitig, in Ruhe und Geduld diese schwere Zeit : der Prüfung zu ertragen. ״Gott wird mir schon Helsen," flüsterte sie, sich : selbst crmntlngend, ״Er hat mir's geschielt und Er j wird schon wissen, zu was es gut ist." Dann sprach sie noch einige Strophen des Nachtgebetes, die sie auswendig wußte. Die junge Magd, die sich aufrichtig bemühte, ihr Minderung zu verschaffen und deshalb die lallen Tücher unaufhörlich wechselte, wähnte, sie verlange etwas llnd neigte sich zu ihr, nach ihrem Begehren zu fragen; doch ihr ward keine Antwort, Mirjam war bereits eingesehlnmmert. Ruhig verstrichen die ersten Stunden der Nacht. Das treue Mädchen am Bette der leidenden that ihre Pflicht; unermüdlich trachtete sic die Wunden zu kühlen, dennoch brach gegen Morgen ein heftiges Wnndsiebcr ans. Die Kranke ward unruhig, murmelte abgebrochene unverständliche Worte, ward dann lauter, sang und lachte hell ans mit geschlossenen Angen. Das unerfahrene Mädchen an ihrem Belte wußte sich vor Angst nicht zu lassen. Auch die Blinde erwachte. ״Sorg' nicht, Kati," j tröstete sie die Magd, ״das arme Kind hat Hitze, das! kommt vom Schuß, Gieb ihr nur Wasser so viel sie! will und gicb Acht, daß sie such nichts macht, denn sie weiß nichts von sich selber." Die Mahnung der Blinden kam zur rechten Zeit. Mirjam hatte sich plötzlich ansgerichtet und blickte mit \ weit ansgerissenen Angen wild um sich.! ״Mutter! Mutter!" stanimelte sic zuerst leise. . ״Mutter!" schrie sie ans mtd machte eine hastige : Bewegung. j ״Herrgott! sie will ans dem Bette!" schrie die! Magd, die mit größter Anstrengung sie zu halten suchte. ' ״Toni! Toni!" rief die Blinde. j ״Bin schon da, Mutter," erwiedertc der junge : Bauer, indem er hastig in's Zimmer trat und ans 1 Mirjam zu eilte. Ihn hatte die Sorge um das durch ihn entstandene Unheil nicht ruhen lassen, längst hatte er an der Zimmerthür gehorcht. Er legte seine -Hände möglichst sanft aber fest ans Mirjams Schultern, so daß es ihr nicht mehr möglich war, sich zu erheben. ״Sei gut Maria, leg' Dich wieder, 'S thnt Dir ja Keiner 1U£, und 's Mutterte wird schon kommen." Sie blickte ihn fremd an, seine Worte verstand fix nicht.. -..Er. nickte ihr freundlich zu. . ״Kennst mi nimmer? i bin ja der Seidler Toni, der Di angeschossen hat und der Di so gern Dein beiden abnchmen thät,!venu 'S nur anging. Komm, sei gut, leg' Dich wieder." Seine sanften bittenden Worte schienen die Kranke zn beruhigen; sie ließ den Kopf wieder auf daS Polster sinken, blickte aber noch immer mit ihren großen weit offenen Angen in das über ihr geneigte, sonngebrännte Antlitz des jungen Mannes. Sie kannte ihn nicht, und doch war ihr seine Stimme, die bereits am Abend so freundlich zn ihr gesprochen, nicht fremd. ״Willst trinken?" fragte er, indem er ihr den Kops ein wenig hob und die Magd ein Glas Wasser ihr vor hielt. Gierig leerte sie das Glas und athmete dann wie erleichtert auf. ״Das hat geschmeckt, gelt? vielleicht hast auchHunger, willst was essen?" ״Geh, Toni, was redest für Dummheiten; wer fiebert, kann nicht essen!" ״Nicht? — Ihr müßt's wissen. Aber ich thät' meinen, das Mäderl ist gestern den ganzen Tag gelaufen und wer weiß, ob's was Recht'S gegessen hat; da tonnt'S schon sein, daß der Hunger ihr heiß macht." Doch die Alte schüttelte den Kopf. ״Und wenn sie Hunger hätte, dürfte sie jetzt doch nicht essen." ״Alsdann muß sie wegen meiner auch noch hungern?" rief der Bauer voll Schrecken. ״DaS schadet ihr nichts," beruhigte die Mutter, ״das Fieber wird, willens Gott, nicht so lang dauern und dann kann sie doppelt essen." Der frische Trunk schien der Kranken in Wirklichkeil wohlgethan zu haben; sie lag ruhig, ihre Augen waren geschlossen wie im Schlafe. Ihr Athem ging zwar noch rasch und ihre Wangen glühten, aber ihre Umgebung fühlte sich beruhigt, und vollständig beruhigt machte sich der junge Bauer zur gewohnten Zeit an sein Tagewerk. Im Hause war Alles still; Knechte liub Mägde waren sämmtlich draußen beschäftigt, theils auf dem Felde, theils in der Scheuer, nur die junge Magd, die die Blinde bediente, war daheim, um auch die Berwunbcte ,;u pstegen. Die alte Bäuerin hatte ihren Lehnsessel wieder 1 zum Krankenbette rücken lassen und saß nun da und : lauschte den unregelmäßigen Athemzügen der Schlummernl den, für die sie sich bereits lebhaft intcressirte; denn : eiiterjeitS hatte sie von ihrer Uingebnng die kindliche j Schönheit der Verwundeten wiederholt rühmen hören, l andererseits that es ihr auch sehr sehr weh, daß dieselbe durch die Unvorsichtigkeit ihres Sohnes zn leiden hatte. (Fortsetzung folgt.)

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