Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1883)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1883-03-15
- Page
- 171 (sequence 2)
- Language
- German
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171 gewinnt fortuni()renb an Extensivität mib Jntcnsivitäl, wenn auch in der deutschen Oecichshauptstadt, dem dösen ״fortschrittlichen" Berlin, die antisemitische Presse pur exeellenee nicht so ganz nach Wunsch prosperircn will. Ader auch hier ist der Stillstand und Rückgang nur ein scheindarer. Die anti-fortschrittlichen Bezirkovereine Berlins sind von dem heiligen Geiste des Antisemitismus inspirirt, abgesehen von den festen Burgen der ״guten Sache," den Bereinen, welche ״Deutsche Reform," ״Bismark," ״Sozial" und ״Reich" an ihrer Spitze tragen, adgesehen von den unzähligen geselliger! und Vcrgnügungsvercincn, den Stamm-Kneipen, Weinstuben und Restaurants, in welchen der ächte antisemitische Geist eine liebevolle, sorgsame Pflege und Förderung findet. Der Land- und Reichstag ist leider nicht ganz nach dem Gcschmak der Führer der Partei, und diese hohen Körperschaften haben sich noch nicht des Beifalls der Herren Antisemiten zu erfreuen. Warum haben sic auch noch nicht wacker an der ״Bekämpfung des Judenlhums" theilgcnommen, warum weigern sie sich auch, mit dem ganzen Gewichte ihrer Macht fröhlich cinzutretcu in die Reihen der judeufeindlichen Dritter? Selbst die innig befreundeten Konservativen sind zu mattherzig, so daß cs leider in dieser Session bislang noch nicht zu einer großen Judcudebatte gekommen ist. Die Hoffnung auf eine solche beruht jetzt noch aus dem bekannten Malzahn'schen Antrag in Betreff des religiösen Eides; aber cs scheint zweifelhaft, daß der ״Fall Hapkc" die Volksvertretung noch in dieser Session beschäftigen wird. DaS sind so die kleinen Sorgen der tapscrn Kämpen; im Großen und Ganzen herrscht bei ihnen eine sicgesfrohe, hoffnungsvolle Stimmung; sic sehen in fester Zuversicht den Tagen des 27. und 28. März entgegen und versprechen sich von dem Ehemuitzer Kongreß eine reiche Blnthe und Entfaltung der Saar, welche sie ansgestreut. Wir aber sind der Ansicht der alten Bauernregel: Märzregen wenig Segen, Märzschnee thnt den Saaten weh." —-0— Heilbronn, 7. März. Der Württ. Bczirksvereiu im Rcckar-Zagst-Donau- und Schwarzwaldkreise und Hohenzollern zur Unterstützung arrner durchreisender Israeliten hat den Rechenschaftsbericht über das fünfte Jahr seiner Thätigkcit erstattet. Derselbe umfaßt in Folge der Verlegung des Nechnungstcrmins vom l. Juli auf den I. Januar ausnahmsweise eine Periode von anderthalb Jahren. Er zählt 37 Vcrbandgemeinden und hat 3404 Unterstützungen im Gcsammtbetrage von J£, 21 247.50 gewährt. Von den Bcncsiziaten gehörten 1800 dem deutschen Reiche, 008 Oesterreich, 007 Rußland, 05 anderen europäischen und 15 außereuropäischen Staaten an. Wie uns von glaubwürdiger Seite mitgetheilt wird, hat das israelitische Kirchcnvorstcheramt Stuttgart auf eine Aussorderung des Vezirkskomitö's Heilbronn, dem Vereine bcizutrctcn, um dadurch die noch fehlenden anderen jüdischen Gemeinden des Landes ebenfalls hcranznziehen, ausweichend respektive verneinend geantwortet und zwar mit der Motivirnng, daß cs dem Stuttgarter Armcn-Komiti; im abgclaufcneu Jahre gelungen sei, die Ausgabe für durchreisende jüdische Arme ans etwa 1000 Mark herabzudrücken! Die jüdische Gemeinde Heilbronn, welche kaum den vierten Thcil der Stuttgarter Gemeinde zählt, und verhältnismäßig weniger bemittelt ist, giebt für diesen Zweck 3000 Marl jährlich ans. Sie zahlt also mit ihren etwa 145 Familien 30!>0 Mark, während die wohlhabendere Hauptstadt mit ihren «'00׳ Familien lOOOMark verausgabt. Es fällt uns dabei die unter dem Titel ״Rabbi Schimeou Hozadik" im Jahre 1804 erschienenen Schrift ein, in welcher cs zum Schlüsse heißt, ״daß die jüdische Gemeinde Stuttgart, welche aus etwa 200 Familien besteht, 2000 Gulden (3500 Mark) für durchreisende jüdische Bettler verausgabt." Das Bcrhältniß stellt sich also 1804: 200 Familien 3500 Mark, 1082: 000 Familien 1000 Mark. Unser ״modernes Jerusalem," Stuttgart genannt, hat demnach mich im Punkte der Humanität, i. e. im Richtgeben sehr erhebliche Fortschritte gemacht! Unter R. Schimcon Hozadik vcrnruthcte mau einen sehr nahen Bekannten des vcrstorbenen Oberkirchcnraths von Mayer. £י c st e r r e i ch - U n g a r 1t. *|* Pest, l!. März. Ein um die Aufklärung des Volkes sehr besorgter Geistlicher, Herr Pfarrer Simko, hatte den löblichen Vorsatz ausgesührt, in artigen Neimen einen ״Aufruf an das gute Ungarvolk" zu verfassen, in welchem er dieses ״gute" ungarische Volk aufsordcrt, ein wenig in ״Antisemitismus" zu machen. Die Offizin von Eartalics war gerade eifrig bemüht, dieses bedeutende literarische Erzeugnis; zu vervielfältigen, als der böse Untersuchungsrichter in Veranlassung der Oberstaatsanwaltschast daselbst erschien und unbarmherzig die ganze vorhandene Auslage von etwa 2000 Exemplaren im Rmnen des Gesetzes tonsiszirte. Das ״gute Ungarvolk" muß nun voll Herrn Simko ״unaufgeruseu" bleiben. Schade! >V.^mitni. 2l!:s Siebenbürgoll, 10. März. Gestatten Sic mir noch einen Rückblick auf meine bishcrigcn Berichte. Unsere Zustände tragen ein so trauriges Gepräge, weil das Streben nach einer Bessergcstaltung an der Gleichgültigkeit, welche demselben wie ein unübcrrvindlichcs Bollwerk entgegenstarrt, scheitern muß. Der Kampf um die Existenz nimmt unsere ganze Kraft in Anspruch und in ihm erschöpft sich unsere gesummte Thätigkcit; rvir gehen darin gänzlich ans. Für unsere geistigen Interessen besitzen wir eine erschreckende Genügsamkeit; wir beschränken uns hier sehr gern aus