Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-03-15
- Page
- 168 (sequence 2)
- Language
- German
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168 bcn Schein auf das verwundete Bein fallen ließ. ״Schaut her, Scidler, was Ihr angestellt habt, da ist Altes über und über voll Blut!" ״Gott sei mir gnädig!" rief der Bauer, die Hände zusammenschlagend, ״aber daß der vcrflitzte Bader noch ui da ist, — i wer selber um ihn laufen." Damit raunte er hinaus; die Alte aber bemühte sich, der Verwundeten Muth zuzusprecheu, indem sic liebkosend bald die Wangen ihr streichelte, bald ihre -Hände saust drückte. ״Fürcht Dich nicht, Kind, 'S wird so arg gar ui sein, die Hosbüueriu lhul öfters übertreiben. 'S war doch sicher nur Schrot, womit der Toni geladen hat, schmerzen kann'S, aber arg wird'- mit Gottes Hülse nimmer sein. Und gleich kommt der Bader, der Toni ist selber um ihn gelaufen, da laßt er Alles stehn und liegen, wirst'- scheu. Und der Bader ist geschickt, der wird Dir's Bein schon kurircn, mit Gottes Hülfe." Die Bäuerinnen hatten inzwischen mit hülfreicheu Händen der Verwundeten die Schuhe abgezogen, doch ate sic auch den blutbedeckten Strumpf entfernen wollten, da entrang sich ein halbuutcrdrückter Schmerzensschrei den Lippen des jungen Mädchens; die gutmüthigcu Frauen hielten voll Schrecken iuuc. ״Da kommt schon der Toni mit dem Bader," tröstete die Alte, die früher als die Anderen den raschen Schritt ihres Sohnes im Hofe erkannt hatte. ״Jetzt wirst'- sehn, jetzt wird'- gleich gut werden." Der Toni trat in Wirtlichkeit gleich darauf in Begleitung deS Dorf-Chirurgen in das Zimmer. ״Schafft'- Fetzen her, Essig, Wasser!" herrschte er schon im Hereintreten den Mägden zu und schob die Frauen am Bette ohne Umstände bei Seite. ״Jetzt haltet die Kerzen," befahl er dem Bauern, ״das WcibSvolk ist bei so was zu nichts nutze." ״Nur )'tat, Bader, nur stat," bat die alte Scidler, ״'S ist ein junges Kind und die Schmerzen sind gar groß." ״Sorget nicht, Mutter Seidler," lachte der Aeskulap, ״bei so 'nein schönen Madcrl gcb' ich von selber Acht." Mit kunstgerechtem Schnitt entfernte er vor Allem die gestrickte Bekleidung des verwundeten BcineS und untersuchte daun mit Kennermiene die Wunden. Es waren deren mehrere, vier Schrolköruer waren eingedrungen, eines hatte sogar eine Ader getroffen und hierdurch die bedeutende Blutung veranlaßt, ein zweites halte den Knochen deS Schienbeines gestreift, während die beiden anderen in die Wade cingedrungen waren. Der Bader bemühte sich mit nicht ungeübter Hand, die Schrotkörner zu entfernen, aber Mirjam, deren Kräfte vollständig erschöpft, einerseits durch den Blut- Verlust, andererseits aber auch schon durch ihre Flucht und die damit verbundene Aufregung, vermochte nicht mehr, den Ausdruck ihres Schmerzes zurück zu halten, sic ächzte leise, während Thräne auf Thräne über ihre Wangen glitt. Die Blinde gewahrte eS und suchte durch freundlich tröstende Worte die Leidende zu beruhigen, ihr Sohn aber preßte wie in vcrhaltenetn Grimm die Zähne aufeinanber. ״Herr Gott! daß mir das hat zukommen müssen! Glei möcht' i die verruchte Hand abhauen, mit der i das arme Ding so zugerichtct Hab." ״Geht, geht Scidler, redet keine Dummheiten," mahnte der Bader. ״Aber wahr isl'S, Ihr habt'- arg zugerichtct. Vor vier Wochen wird das Bein da zu nichts nutze sein. — Aber gebt'- doch Einer dem Madcrl '11 Schluck Wachholder, ihr wird schlecht." Er hatte Recht, Mirjam fühlte sich in Wirklichkeit einer Ohnmacht nahe, doch eine der Mägde hatte rasch das Verlangte herbeigcschafft und bemühte sich, der nahezu Bewußtlosen einige Tropfen davon eiuzuflößcn. Mirjam wandte zwar schaudernd den Kopf zur Seite, als sie das ungewohnte scharfe Getränk am Gaumen spürte, aber seine Wirkung hatte eö dennoch gethan. Und endlich hatte auch der ländliche AeSkulap seine Aufgabe beendet, die Schrotkörner waren sämmtlich entfernt, die Wunden mit einer schmerzstillenden Salbe bestrichen und leicht verbunden. Nun sollten nach Anordnung deS Baders kühlende Umschläge fleißig applizirt werden, um die Entzündung möglichst zu verhüten. Die junge Magd, die die Blinde zu bedienen Pflegte, erbot sich, bei der Verwundeten zu wachen und erntete dafür den aufrichtigsten Dank ihres. Gebieters, der ihr ״was E^tra'S" versprach, wenn sie die feuchten Tücher fleißig wechseln würde. Er hätte cS freilich am liebsten selbst gethan, um die nagenden Gewissensbisse durch irgend eine Thätigkeit für die um ihn Leidende zu mildern; doch er wußte, das würde seine Mutter nicht gestatten. ״So ist'S recht," stimmte der Bader bei, indem er seine Siebensachen zusammeukramte, ״und sorgt nicht, 'S wird schon Alles gut werden; in der Früh' werd' ich selber wieder uachschaucu. Gute Nacht mitsammen!" Die Anwesenden crwiederten den freundlichen Wunsch des sich Entfernenden, die Nachbarinnen empfahlen sich ebenfalls; Toni forderte seine Mutter auf, sich zur Ruhe zu begeben, sorgte dafür, daß alles zur Pflege der Bcrmundeten Erforderliche in Bereitschaft sei, und trat dann an ihr Bett. ״Na, wie steht'S, Maria, ist'S noch ui 'n bissel leichter?" Mühsam öffnete sie die Augen und murmelte einige unverständliche Worte. (Fortsetzung folgt.)